12/29/2008

Anrufen für Stalin

Als die Wahl zum "berühmtesten Tschechen" anstand, wohnte ich gerade in Prag. Persönlichkeiten wie Karl IV, Jan Hus und Vaclav Havel waren Favoriten beim Rennen um den Titel. Später wurde in Deutschland Konrad Adenauer zum "größten Deutschen" gewählt.
Immerhin: Hitler stand nicht auf der Liste.
Hingegen lassen es sich die Fernsehanstalten in Russland natürlich nicht nehmen, beim russischen Pendant der Show das Väterchen Dschughaschwili zur Auswahl zu stellen. Und prompt wurden über 500000 Stimmen für Stalin abgegeben: Das reichte, nachdem der Diktator lange Zeit sogar ganz vorne lag, am Ende immerhin für Platz drei in der Wahl zum "größten Russen". Wer früher als Kind sich für den "Wunschfilm" der öffentlich-rechtlichen Anstalten sich die Finger krumm wählte, kann sich die Dialoge in russischen Haushalten mit pubertierenden Jugendlichen gut ausmalen: Kind 1: "Ich will für Stolypin anrufen!" Kind 2: "Ich für Stalin!" Mutter: "Kinder, jeder darf einmal anrufen!" Was die Kinder so in der Schule über Geschichte lernen, malt man sich allerdings besser nicht aus.

12/15/2008

Rattentöten für ein Euro

Der Kapitalismus ist wie ein tyrannischer Mann mittleren Alters mit starken Regressionswünschen. Eifrig betreibt er den Rückschritt in die kapitalistische Frühzeit, mit allem was dazugehört: Armut, Leute, die sich keine Zähne mehr leisten können, Ausbeutung, schön primitive Arbeitsbedingungen. So hat aktuell die FDP in Berlin den Vorschlag eingebracht, Menschen die kein Geld haben, könnten ja Ratten töten: "Vor allem Leute, die sonst auch Flaschen sammeln, könnten dann für jede tote Ratte einen Euro bekommen", wird der Chef der FDP im Berliner Bezirk Mitte zitiert. Was kommt als nächstes, der Schuldturm, die Leibeigenschaft, Kinderarbeit, Insekten im Essen? Mich ekelt das so, dass mir dazu gar kein Schlussgag einfällt.

Revolutionswäsche

Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Waschsalon. Ich tippte also den Namen der mich umgebenden Stadt plus das naheliegende Stichwort "Waschsalon" in eine weltbekannte Suchmaschine, und dabei bot man mir Folgendes an: "Revo Service H. Vollmer".
Kriegt man hier Hilfe, wenn man eine Revolution starten will? Waschen hier Genossen schmutzige Wäsche wie die Linkspartei in Hessen, deren Mitglieder sich sogar vor der Kamera prügeln? Immerhin war mein Urgroßvater in der KPD und betrieb eine Heißmangel im Ruhrgebiet. Da ging das ja noch ganz locker zusammen: Bisschen Wäsche heißgemangelt, und ab wieder ins Hinterzimmer, über die Revolution diskutieren. Aber heute, bei H. Vollmer, was machen die genau? Schicken die Kader, Genossen, Gewehre? Oder speisen sie einen mit einer popeligen Schulung ab? Ich entschied mich dann doch, in den von mir üblicherweise aufgesuchten Waschsalon zu gehen, wo man zwar keinen Revo Service kriegt, aber Kaffee aus einem Automaten ziehen kann.

12/13/2008

About Schmidt

Helmut Schmidt ist für die Deutschen das, was für die Griechen das Orakel von Delphi war. Schmidt raunt etwas, und alle interpretieren entzückt das Gesagte. So wie in der Kolumne mit der Zigarette, die man imaginär mit Schmidt raucht. Schmidt gibt eigentlich auf die meisten Sachen gar keine so richtigen Antworten, sondern raunt und knurrt nur herum, und dann überlegt man sich, was gemeint ist, und wenn man ein typischer Deutscher ist, klopft man sich auf die Schenkel und sagt: "Das hat der Schmidt mal wieder auf den Punkt gebracht!" Auf Helmut Schmidt konnten sich schon immer alle Deutschen einigen. Schmidt ist der Kompromiss, die Mitte, in der sich alle treffen. Daher auch die aktuelle Hysterie zu seinem Geburtstag. Dabei ist Schmidt einfach nur ein rechter Sozialdemokrat, der raucht und herumknurrt. So wie jetzt gegenüber Schülern, da sagte Schmidt: "Wenn Sie sich aber für einen Beruf oder eine Ausbildung entschieden haben, dann sollten Sie Ihren Weg mit Ernst und mit Fleiß beschreiten, statt endlos herumzustudieren." Als wäre das was Neues, als hätten wir nicht seit Jahren einen Umbau der Universitäten, damit nur ja alle immer schneller studieren. Aber die Deutschen lieben den Rüffel, denn anders kann man es nicht nennen, was Schmidt austeilt. Schröder war auch rechts und hat geraucht, aber er hat nicht genug gerüffelt, weswegen er auch nicht in gleichem Maße in die deutsche Geschichte eingehen wird wie Schmidt. Die Deutschen wollen jemanden, der vor Autorität strotzt. Schmidt ist Zuckerbrot und Peitsche zugleich für die Art von Bürger, die Adorno "autoritäre Charaktere" nennt, ergo die Durchschnittsdeutschen. Sogar ich träumte einmal, ich würde Schmidt begegnen und wir würden durch riesige Betonschluchten laufen, und ich erzählte ihm, dass sowohl meine Mutter wie mein Vater ihn irgendwie gut fanden, obwohl sie politisch auf entgegengesetzten Enden der Skala verortet waren. Was Schmidt geantwortet hat, habe ich vergessen, ich weiß nur noch, dass er Pfeife rauchte und seine Antwort ziemlich knurrig und orakulös ausfiel.

Treffer - versenkt!

Die deutsche Marine soll Piratenschiffe vor der Küste Somalias versenken dürfen. Treffer, bumm, und schon schwimmen die Piraten an Holzplanken des untergegangenen Schiffes im Meer, so wie bei Asterix? Ganz schön robust, so ein robustes Mandat! Muss nur noch der Bundestag zustimmen.
Aber ein bisschen erstaunlich ist es doch, wie schnell und robust das alles läuft, bei der Bekämpfung der Piraten. Bei Völkermorden (Ruanda) oder Massenverbrechen (Darfur) wird gezögert, was das Zeug hält. UN-Blauhelme werden geschickt, mit ganz schön unrobusten Mandaten, die fuchteln dann ein wenig mit ihren nur zur Verteidigung gedachten Pistolen herum. In Deutschland ist das Robuste bisher auch gar nicht sehr beliebt gewesen. Bei jedem Auslandseinsatz der Bundeswehr entbrennt eine leidenschaftliche Grundsatzdebatte. Aber die Piraten! Bei den Piraten wird nicht gezögert. Die blockieren Handelswege. Das will man sich nirgendwo bieten lassen. Polizei, Militär,
egal, Hauptsache: Treffer! Versenkt.

12/12/2008

Vorbild Politik

Als ich heute las "EU-Gipfel lädt ein zum Schuldenmachen", dachte ich spontan: Einladung angenommen! Ich fuhr in die Stadt, und obgleich mein Konto schon nahe dem Anschlag ist, kaufte ich mir Geschenkpapier, Schokolade und eine Schachtel mit zwei goldenen Hirschen, die sich küssen. Damit habe ich es brav gemacht wie "die da oben" und die große Politik ins Kleine meines privaten Haushalts übersetzt. Hoffentlich wurde die Konjunktur damit kräftig angekurbelt. Nur schade, dass das Geld nicht mehr reicht, um auch noch Geschenke zum Papier zu kaufen.

12/08/2008

Aufregen

Also ich persönlich finde es ja durchaus eine gruselige Vorstellung, dass ab Januar irgendwelche dubiosen Peilsendewagen herumfahren und ausspionieren, welche Leute noch alte Telefone benutzen. Auch unser Telefon, das einen Namen hat, der an Kokosnuss auf Englisch erinnert, ist ein Telefon, das nicht mehr benutzt werden darf. Den Namen des Telefons erfuhr ich erst heute, denn erst heute, kurz vor der Katastrophe, habe ich realisiert, dass auch unser Telefon auf der schwarzen Liste steht und uns bald den Sendewagen der Staatsmacht auf den Hals hetzt. Außer mir scheint sich aber kaum jemand darüber aufzuregen, dass auf den Straßen aller möglicher deutscher Städte ein 1984-Szenario abgefackelt werden soll, dass es nur so eine Art ist. Oder drohen die nur damit, um faule Menschen wie mich zum Kauf eines neuen Telefons zu bewegen? Was zumindest auch nicht ganz unbedenklich wäre. Jedenfalls ist es unwahr, dass sich die Leute zu schnell über alles aufregen, es ist vielmehr so, dass sie eine ganze Menge erstaunlich gelassen hinnehmen. So wurde in meinem Stamm-Hallenbad vor einiger Zeit eine Umfrage gemacht, wie man das finden würde, dass nun in den Kabinen Kameras montiert worden seien. Ich sagte dem sehr jungen Mann, der vor dem Glas, das die Eingangshalle vom Badenbereich trennte, auf einem Stuhl saß, dahinter das in meiner Einbildung azurblau dahinschwappende Wasser, dass ich das unglaublich fände und mich nur in der einzig geschlossenen und kamerafreien Kabine zu entkleiden gedächte. Das wiederum fand er unglaublich: Komisch, sagte er, außer Ihnen regt sich keiner auf. Einmal träumte ich, dass die ganze Stadt voller Kameras wäre, und ich würde alle meine Freunde aufsuchen und sagen, wir müssen was tun, und alle würden nur grinsen wie Zombies, und es waren dann schließlich auch Zombies und alles stellte eine riesige Verschwörung dar, und ich wachte schweißgebadet auf. Ist ja nur ein Traum, dachte ich. Als ich dann auf der Straße herumlief, um mich zu beruhigen, fiel mir allerdings auf, dass da noch viel mehr Kameras hingen als in meinem Traum. Immerhin sind meine Freunde, soweit ich weiß, keine Zombies.

11/30/2008

Das Schicksal war Schuld

Es mag ja Schriftsteller geben, die gleich mit 13 einen bahnbrechenden postmodernen Roman verfassen. Wie immer ich mich 1988 gefühlt habe, als ich erste ernsthafte Schreibversuche unternahm, mein Bewusstsein war ziemlich heftig von der amerikanischen Kulturindustrie geprägt. Was folgender Ausschnitt meines ersten Romanfragments beweist, das den aufrüttelnden Titel "Das Schicksal war Schuld" trägt: "Sie hätte nie gedacht, ihn je wiederzusehen. Sie traf ihn völlig unerwartet in der New York City". Man sollte hier erwähnen, dass ich aus einer Kleinstadt mit ca. 13000 Einwohnern stamme. In deren "City" traf man sich durchaus hin und wieder zufällig. Die Frau, um die es geht, scheint sich über das Wiedersehen nicht gerade zu freuen, denn weiter heißt es: "Als sie ihn sah, wechselte sie die Straßenseite. Er erkannte sie. "Hey!" rief er laut. Sie tat, als ob sie ihn nicht bemerkte und mischte sich eilig ins Gedränge." Hier deutet sich jedenfalls schon die Tragik an, die meine Geschichten fortan durchziehen sollte. Denn weiter heißt es: "Wieder im Hotelzimmer erinnerte sie sich. Ja, es war schon immer Garys Traum gewesen in New York zu sein. Er hatte oft davon geschwärmt. Oft fragte sie sich, wie sie jetzt leben würde, wenn sie mit ihm zusammen geblieben wäre und nicht bei Nacht und Nebel nach einer Liebesnacht abgehauen. Aber das alles lag schon 15 Jahre zurück. Sie hatte ihre Ehe nicht gefährden wollen, die damals schon seit 15 Jahren bestand. Ja, das war der Grund gewesen, zumindest der äußerliche. Sie mußte auch zugeben, daß die Liebe zu Joseph Tag für Tag mehr gestorben war." Man muss dazu sagen, dass dies längst nicht alles ist: Es gibt Duschszenen mit rotlackierten Fingernägeln, die sich in Rücken bohren, zur Adoption freigegebene uneheliche Kinder und Zeitungsimperien. Selbstredend, dass ich damals am liebsten "Dallas" und "Denver-Clan" schaute. "Dallas" ziehe ich mir momentan gerade auf DVD rein. Man kann also sagen, dass ich mich in gewisser Hinsicht nicht wesentlich weiter entwickelt habe. Nur dass ich inzwischen Romane über Mädchen schreibe, die von amerikanischen Filmen träumen. Die Zahlensymbolik mit den zwei Mal 15 Jahren habe ich im Nachhinein allerdings nicht mehr entschlüsseln können.

11/20/2008

Kafka im Geschäft oder: Supermarkt als Utopie II

Neulich habe ich mich durchgerungen, mir einen Kalender für das Jahr 2009 zu besorgen. Nach langem Zaudern kaufte ich einen bunten Kalender, der ziemlich billig war. Beim Bezahlen fragte die Verkäuferin: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender gerade im Angebot sind?" Dies erschein mir umso absurder, als ich gerade einen Kalender gekauft hatte. Wollte sie mir damit sagen, ich hätte den Kalender sonst teurer gekauft? Oder mich dazu drängen, einen zweiten Kalender für 2009 zu erwerben? Am nächsten Tag erstand ich zwei Stifte, und die Verkäuferin sagte wieder, ebenso freundlich lächelnd wie am Tag zuvor: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender im Angebot sind?"
Da erst wurde mir beswusst, dass ihr merkwürdiges Gebaren Teil moderner Marketingstrategie war, die mir nun schon öfter aufgefallen ist. Verkäufer in Geschäften, sogar in Supermärkten, sollen Kunden auf besondere Angebote hinweisen. Dies beschämt mich immer sehr. Ganz anders ein kleiner, abgefuckter Supermarkt in meiner Nähe, über den ich im ersten Teil von "Supermarkt als Utopie" schrieb: "Der Supermarkt bei mir um die Ecke verkörpert die in Franz Kafkas "Amerika" gezeichnete Utopie einer Welt, in der für jeden Menschen Platz ist." Tatsächlich würde dort niemand auf die Idee kommen, ein Produkt auch noch anzupreisen. Im Gegenteil sagte gestern die blonde Kassiererin zu einem Mann, der zwei Flaschen Jägermeister kaufte: "Igitt, wie kann man das Zeug nur saufen!" Recht hat sie. Der Mann kicherte traurig. Er war Alkoholiker, und anscheinend in einem Stadium, wo ihm bereits alles egal war.
Auch heute morgen hat sich wieder bestätigt, dass Warenhäuser auch in unserer heutigen Welt ohne ökonomischen Eifer bestehen können: Ich kam um 8.10 bei besagtem Supermarkt an, um Brötchen zu erwerben, und der Supermarkt war dunkel. Niemand da. Ich las das Schild an der Eingangstür mehrmals durch: Öffnungszeiten: 8-19 Uhr. Ich wartete, aber niemand war zu sehen. Also ging ich nebenan in den Zeitungsladen und kaufte zwei Zeitungen. Ich zeigte auf den Supermarkt, der immer noch im Dunkeln lag und fragte den älteren, arabischen Verkäufer, ob der Markt heute geschlossen sei. Er sagte: Nein, die seien nur manchmal zu spät dran. Er lächelte hintergründung.

11/16/2008

Ein PR-Geck

Es widerstrebt mir durchaus, hier etwas zu posten, was auch nur in losem Zusammenhang mit einer abgehalfterten Ex-Tennislegende namens Boris Becker steht. Abgesehen von der Tatsache, dass Boris Becker nur wenige Kilometer von mir entfernt aufgewachsen ist, gibt es keinerlei Verbindung zwischen uns, nicht einmal ein leises Interesse meinerseits für seine nervige Persönlichkeit. Allerdings geht es hier auch gar nicht um Becker an sich, sondern um den Verfall der Rechtschreibung im Internet. Im Gegensatz zu zahlreichen Kulturpressimisten bin ich darob zwar schockiert, interpretiere dies aber auch als Chance zu sprachlicher Kreativität. So heißt es im Kommentar einer mir unbekannten Userin bezüglich der schiefgelaufenen Verbindung zwischen Sandy Meyer-Dingsbums und "BB": "Alles gespielt und gelogen das war von Anfang an ein PR-Geck!!".
Ist das nicht ein herrliches neues Wort, "PR-Geck"? Zur Umschreibung von Boris Becker selbst scheint mir das jedenfalls ein höchst geeigneter Ausdruck zu sein, der noch dazu das zeitgeistige Lehnwort "Public Relations" aufs Schönste mit dem alten Ausdruck "Geck" vermählt. Diese sprachliche Vermählung ist auf jeden Fall spannender als es die Vermählung Meyer-Wöldens mit Becker je hätte sein können.

11/13/2008

Hedgefonds, ihr Hunde!

Eine gewisse Zügel-Losigkeit im Umgang mit politischen Metaphern ist ja allgegenwärtig . So las ich heute: "Merkel will Hedgefonds an die Leine nehmen". Ja sind das denn Hunde, die Hedgefonds? Bellen Hedgefonds? Pissen sie wem ans Bein? Markieren sie ihr Revier? Oder sollen die Hedgefonds symbolisch erlegt werden, nach dem Motto "Hunde, wollt ihr ewig leben?". Ebenso bizzar erscheint mir der bereits zum Klassiker gewordene Ausdruck von den "Wirtschaftsweisen". Sitzen die ums Lagerfeuer und beraten? Haben sie lange Bärte und ein biblisches Alter, oder haben sie die Weisheit mit den buchstäblichen Löffeln gefressen?
Vielleicht zeigt der sprachliche Trend zu Archaisierung der Gegenwartsgesellschaft ja die eigentliche Wahrheit hinter der Metapher: Wir glauben an irgendwelche Ökonomen wie an mythische Götter, und das hat uns buchstäblich in die Scheiße der Hunde geritten, die wir nun an imaginäre Leinen nehmen wollen. Oder so ähnlich.

Raffinierte Marketingstrategien

Es dauerte zwei Tage bis mir auffiel, dass meine neuen Stiefel wie Schokoriegel aussehen. Sie sind kakaobraun und haben dunklere, dünne Streifen. Auf dem Schuhkarton steht "Anti-Stress-Schuhe". Aha, dachte ich: Zielgruppe Frauen+weniger Stress= Schoko-Schuh. So ähnlich müssen die sich das gedacht haben. Ganz schön raffiniert!

11/12/2008

Generation Zuspät

"Warum hast du mir das angetan?
Ich habs von einem Bekannten erfahrn
Du hast jetzt einen neuen Freund
Zwei Wochen lang hab ich nur geweint"
(Die Ärzte: zu spät)


Mich verfolgt das essentielle Gefühl, bei allem zu spät dran zu sein. Das gilt nicht nur für das Innehaben eines ordentlichen Berufs, den Besitz einer Eigentumswohnung, oder das Kinderkriegen. Vor ein paar Tagen las ich die Ankündigung zum "Open Mike 2008". Bestimmt geht der Reporter, der das geschrieben hat, auch zum Event selbst, dem Wettlesen junger Autoren in Berlin. Dann gibt es einen Artikel, und die Autoren, die da sind, freuen sich über die Publicity, oder sie freuen sich auch nicht, weil sie nicht so publicitysüchtig sind wie ich. Natürlich dachte ich: Typisch, als ich 1999 beim "Open Mike" eingeladen war, hat mich keiner interviewt. Was nur halb wahr ist, da ein sehr guter Freund einen Artikel für die "Badische Zeitung" verfasste, in dem ich auch vorkam. Der Eindruck, zu spät gekommen zu sein, ist ein Zwilling des Eindrucks, zu kurz zu kommen und daher manchmal resistent gegen die Wirklichkeit. Das erste Mal überfiel mich dieses bösartige und missgünstige Gefühl, als ich 1995 in einem Supermarkt ein bekanntes Magazin aufblätterte und darin ein Riesenartikel über das Lebensgefühl der Leute fand, die "Abi 95" gemacht hatten. Während ich zum Abiturjahrgang 1994 gehöre. Toll, dachte ich, mein Jahrgang ist wohl nichts Besonderes. Tatsächlich bin ich nicht nur bei Weitem zu jung für die Woodstock-Generation, die ich als Teenie super fand, sondern sogar zu jung für die Grunge-Generation, auch Generation X genannt, die mal ausgerufen wurde, und zu der ich ob meines Musikgeschmacks gerne gehört hätte. Zu den im Folgenden ausgemachten Generationen von "Golf" bis "Web 2.0" habe ich mich nun wirklich nicht zählen wollen. Neulich entdeckte ich, dass ich einen 50-Mark-Schein besitze. Er hat tatsächlich jahrelang zwischen zwei Buchseiten gesteckt. Für Notzeiten. Obwohl die schon mehrmals hereingebrochen waren, habe ich ihn nie gefunden und ergo nie umgetauscht. Zu spät, dachte ich, obwohl mir wohlmeinende Freunde sagten, man könnte das noch erledigen. Aber ich habe diesbezüglich bereits resigniert. Kein Wunder, gehöre ich doch zu der Generation, in der die Ärzte ganz groß waren. Ihren Hit "zu spät" habe ich damals rauf und runter gehört. Das Ich-zeigs-euch allen-Ding jedenfalls habe ich voll verinnerlicht: "...dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht, und dann tut es Dir leid, doch dann ist es zu spät!" Nach der Reunion der Ärzte in den 1990ern konnte ich dann endlich zwei Konzertkarten ergattern. Irgendwann vor dem Konzert merkte ich schmerzlich, dass es zu spät war: Ich war zu alt, um die Ärzte noch wirklich cool zu finden. Die Karten habe ich dann meiner kleinen Schwester geschenkt.

11/08/2008

Kunst, Wahnsinn, Alltag

Mein Tipp für ein ganz besonderes Konsumerlebnis: Auf rtlnow eine der traurigen Doku-Soaps über Hartz IV-Empfänger oder verarmte Großfamilien anschauen ("Mitten im Leben"), nebenher im Radio oder auf CD neue Musik hören. String-pling-"Celine! Celine! Lass doch mal den Papa!" Dröng-dröng! (Zwölfton), "eh verpiss dich!!" "Was hier denn los! Kevin, du has jetzt drei Tage Fernsehverbot!". Kunst, Wahnsinn und Alltag gegen auf diese Weise bruchlos und doch erschreckend harmonisch ineinander über.

Nix verstän: Literatur

Mit Begeisterung hatte ich begonnen, "Wäldernacht" von Ralf Rothmann zu lesen. Ruhrpott, abgefuckte Arbeiter, Sozialkritik plus sexuell aufgeladene Atmosphäre, Kindheitserinnerungen, überall west der Tod herum, und dann noch eine kraftvolle Sprache, die ihresgleichen sucht in der neueren deutschen Literatur. Bingo, dachte ich, das wird dein neues Lieblingsbuch!
Gegen Ende kamen zwar ganz leichte Zweifel auf (das Motiv des "gefallenen Mädchens", pubertärers "Rudelvögeln" ... naja. Die Lolita hinter der Ladentheke. Okee. Das Himbeerbonbon, das nach früher schmeckt, klebrig, süß und für Kindheit an sich steht, jaja...).
Dennoch drang ich, anhaltend gespannt auf den Ausgang des Buches, eine Spannung, die Bertold Brecht sicher verurteilt hätte, zur Schluss-Szene vor: Hier schildert Rothmann eine Art düsteren Joy Ride durch die Oberhausener Nacht - halb wahnsinniger Zuhälter-Fahrer, ein "Zigeunerlager" (plus alle Klischees von Magie, Sex und Unheimlichkeit), gruselige kleine Jungs ... bisschen wie in meinem Lieblingsfilm "Blue Velvet". Schön und gut, dachte ich. Und dann gab es einen Toten. Auf einer Treppe. Und noch jemand stirbt! Darf doch wohl nich wahr sein, denke ich. Und ich sitze da, blättere ungläubig ein paar Seiten zurück: Das Buch ist zu Ende! Zack, aus. Und ich kapiere nicht, wer da tot ist und warum. Denke nach, verknote mein Hirn, recherchiere im Internet, aber: nichts. Ich verstehe das Buch nicht! Das ging mir zuletzt so bei "Die Judenbuche" von Anette von Droste-Hülshoff. Das haben wir in der 8. Klasse in der Schule besprochen. Bestimmt eine hervorragende, epochenmachende Novelle, aber ich muss ehrlich sagen: Ich habe die Handlung nicht kapiert. Schon damals neigte ich dazu, schlampig und schnell zu lesen. Neigte ich zur Ungeduld. Ich bekam dann in der Deutscharbeit doch noch eine 2/3 und kein "Thema verfehlt", was richtiger gewesen wäre, weil ich so viel geschrieben und zu allen möglichen Motiven, ohne sie zu kapieren, meinen Senf abgegeben habe. Das immerhin konnte ich schon damals.

Castor-Elche

Ex-Raucher sollen ja, so Raucher, "die schlimmsten" sein. Aber auch Ex-Demonstranten können ganz schön ätzend sein. Ich zum Beispiel: Jahrelang habe ich mit jedem Castor-Transport mitgefiebert. Bücher über "Energie Alternativen heute" gelesen. Zwei Mal war ich beim Demonstrieren dabei. Einmal, in Gorleben, saß ich auf den Gleisen, unter einer riesigen Plane, die die alten Demo-Füchse über uns aufgespannt hatten, damit das Wasser der Wasserwerfer locker auf unsere Köpfe prasseln könnte. Leider saß ich ganz hinten, und als gerufen wurde "ableiten!", da leitete ich das Wasserwerferwasser auf der Plane direkt in meinen Nacken ab. Was eine Schüttelfrost auslöste. Ich sah wohl so durch aus, dass der junge Polizist, der mich wegtragen sollte, mich heldenhaft anstrahlte und flüsterte: "Fräulein, keine Angst! Ich bringe Sie hier raus!" Während meine Mitstreiter, beides Männer, an ihren Haaren von den Gleisen gezerrt wurden.
Gestern aber saß ich so an meinem Schreibtisch, und im Radio kam eine Sendung über die diesjährigen Castor-Demonstranten. Die Stimmen der alten Demo-Hasen kamen mir so deutsch, so angestrengt vor. Ächz, dachte ich. Die Sprechchöre, die Gesänge der Demonstrierenden, alles erschien mir öde und bedrückend. Beim Gedanken, dass sich Leute aus Protest einbetonieren lassen, wurde mir übel. Und als dann irgendeiner von der Bürgerinitiative sagte: "Hier nicht! Hier kommt der Müll nicht hin, in unser schönes Wendland" (sinngemäß), dachte ich plötzlich: Na toll, und wohin dann?
Immerhin bin ich dabei ein bisschen erschrocken. Robert Gernhardt wusste es ja schon immer: "Die schärfsten Kritiker der Elche/ waren früher mal selber welche".

Bildunterschriften

Eine Frau vor einem Kramladen, in der Herbstsonne. Sie ist schon älter, trägt Hippie-Kleider und stimmt eine Art Singsang an, der nicht zu verstehen ist. Ich laufe über die Brücke in die Innenstadt, wo ein Mann vor der Bank mit einem Buch in der Hand wild gestikulierend, eine Art Predigt hält. Als ich weitergehe, denke ich: Manchmal bräuchte man für Leute auch Bildunterschriften.

11/04/2008

Omas und Obamas

Dass Obama um seine Oma weint, finde ich rührend. Ganz ehrlich. Als meine Oma 1988 oder so starb, hatte ich nicht solche starken Gefühle. Meine Oma war aus dem Sudetenland. Sie fand Franz Josef Strauß und den FC Bayern München klasse. Meine Oma holte mich, als ich klein war, vom Kindergarten ab. In ihrem Haus gab es einen unheimlichen Keller, in den sie manchmal runter ging, um was zu kippen. Sie hat sich den Magen mit Aspirin ruiniert. Waren wir bei ihr, gab es Kartoffelgoulasch und sie redete ohne Punkt und Komma. Meistens handelten die Geschichten vom Dorf in der Tschechoslowakei. Es kamen Personen wie der "Artuhr" und der "Igler Uttel" darin vor und Frauen, die Klostertreppen putzen, bis sie tot umfallen. Als meine Oma starb, da lag auch gerade mein Wellensittich im Sterben. Der Wellensittich hieß "Billi", war gelb, und ich hatte ihn sehr lieb. Ich weinte sehr um den Wellensittich. Ob ich um meine Oma weinte, habe ich vergessen. Allerdings hätte ich mit meinen Tränen auch kaum die amerikanische Präsidentschaft für mich entschieden.

SPD-Zukunft-Rap

Vermutlich werden die Ereignisse um Andrea Ypsilanti in kurzer Zeit vergessen sein. Vielleicht aber wird sich in der Popkultur das Verhalten der vier SPD-Abweichler als Chiffre für illoyales Verhalten durchsetzen, und es gibt dann irgendwann in der Zukunft Raps mit den Zeilen:

"Du fuckst mich ab/
Wie Metzger
Ypsilanti"

11/02/2008

Brötchen

Wenn man meiner Mutter blöd kam, pflegte sie zu sagen: "Ich verdiene hier die Brötchen!". Ich habe mich als Kind immer gefragt, warum es so eine Leistung sein soll, das Geld für Brötchen zu verdienen, denn das Netz einfache Brötchen kostete in unserem Supermarkt nur 99 Pfennige. Und es waren 10 Brötchen drin!
Heute ist es eher so, dass ich mich über die Generation unserer Eltern wundere: Als meine Mutter so alt war wie ich, hatte sie mich gerade bekommen. Sie war verbeamtet, hatte ein Haus gebaut, und ihr eignes Auto stand vor der Tür. All dies erscheint mir in meiner winzigen Wohnung, vor der Tür ein Fahrrad, das so kaputt ist wie nochwas, derart unerschwinglich, dass ich nur staunen kann. Immerhin: Heute morgen bin ich Brötchen holen gegangen. Vier solide leckere Riesenbrötchen, köstlich duftend, frisch gebacken. Und natürlich qualitativ weitaus hochwertiger als die Supermarkt-Dinger aus meiner Kindheit. Ätsch, Mutti, dachte ich dann. Wenngleich ich zugeben muss, dass ich mir dabei nicht sonderlich erwachsen vorkam. Aber ich bin ja auch erst zarte 33.

Kim lebt!

Es gibt wundervolle Nachrichten: Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA gab bekannt, dass ER lebt! Kim is alive, der große Anführer des kleinen tapferen Völkchens hat es noch einmal geschafft. Nur die allzu kritischen Geister wundern sich, dass auf den Beweisfotos, die Kim bei einem Fußballspiel zeigen, keine Fußballer zu sehen sind.

10/29/2008

Der Unterschied zwischen Bukowski und den anderen

Heute kam eine Buchrezension im Radio. Da ich keinem Kollegen zu nahe treten möchte, verschweige ich den Titel des Buches. Er ist mir, ehrlich gesagt, sowieso entfallen. Es ging um einen Mann in einem sagen wir Laden, und es kommt eine Frau herein, die umwerfend schön ist. So weit, so gut. Der Mann jedenfalls beginnt der Frau Geschichten zu erzählen und verliebt sich in sie, und das ganze Buch handelt von den echt abgefahrenen, total originellen, super poetischen Geschichten, die der Mann in unerschöpflicher Kreativität von sich gibt. In einer dieser Geschichten "in der Geschichte", die das Herz der Schönen schließlich schmelzen lassen, kommt eine wahnsinnig sexy Sekretärin vor, die hingebungsvoll die Worte eines alternden Schriftstellers aufzeichnet. Ob sich der Schriftsteller dann auch in die fleißige Sekretärin, die natürlich heimlich Literaturfreudin ist, verliebt, habe ich vergessen, aber ich nehme es an.
Die Story vom sensiblen, gerne älteren Künstler-Sack und der jungen Knacke-Muse scheint schreibende Männer derart zu begeistern, dass sie uns in allen Variationen begegnet, bei so unterschiedlichen Schriftstellern wie Walser, der das Ganze mal eben auf Goethe projiziert, bis zu Philipp Roth (wobei mir Roth natürlich ungleich lieber ist - sowohl als Walser als auch als Goethe). Die Story jedenfalls ist immer gleich: Alternder Professor/Arzt/Schriftsteller verliebt sich in junge Muse/Putzfrau/Studentin. Schlimm ist aber nicht, dass irgendwelche einsamen Männer sexy Frauen leidenschaftlich begehren oder einfach nur vögeln wollen. Damit komme ich gut klar. Z.B. habe ich kein Problem mit "Lolita" von Nabokov, oder mit Kurzgeschichten von Bukowski. Schlimm ist es erst, wenn das Ganze mit einer bildungsbürgerlichen Glanzschicht überzogen und veredelt werden soll: Die Frau im typischen Männer-Bibü-Roman von heute ist nicht nur schön, sondern natürlich total reif und überlegt für ihre 19 Jahre, so dass die 37 Jahre Altersunterschied zum sensiblen Künstler gar nicht auffallen, oder sie ist zwar nur Putzfrau, wollte aber eigentlich nach Harvard gehen, sie wirbelt jedenfalls das Leben der einsamen männlichen Künstlerseele nochmal so richtig durcheinander mit ihrer sinnlichen Energie und Lebensfreude und ist dabei nicht nur zufällig eine Naturschönheit und immer gut drauf, sondern hat auch einen klasse Charakter, der den Künstler so richtig kraftvoll durch-läutert, und von dem man nur leider nicht viel mitbekommt, weil das Buch hauptsächlich von den intelligenten Ergüssen des Mannes handelt. Dann doch lieber Bukowski! - "Betrunken um 3 Uhr morgens, am Ende meiner/ zweiten Flasche Wein, 12-15 Seiten Poesie/ getippt - ein alter Mann, noch im / Dämmerlicht seiner letzten Jahre/ geplagt von der Gier nach jungem/ Mädchenfleisch".

Teil III: Sinnlos, Gedichte

Und zum dritten: Auch in der Lyrik habe ich einige Patzer zu verzeichnen. Zumindest blieb mir der kritische Gehalt dieses alten Gedichts, das ich vor Jahren schrieb, beim Wiederlesen verschlossen:

Riesendetektor

-- 20 Jahre Glückwunsch --

Bruchteil der Körper

Teilchen

Frei-Setzung

Gigawatt! Gigawatt!

Anti-Neutrinos

Netz o ja Testmessung

Spaltung eines Uranatoms

Spaltung eines Plutunionatoms

Brennstäbe

Nackte Stäbe

Glatzen

Atomkontrolleure

Verlässliche Daten

Material abzweigen

Bruch der Körper

Geteilt

Freisetzung von Krankheit

Anti

anti

Neutrino süß

O ja glückwunsch hallo

Sinnlose Notizen II: Romanprojekte

Ebenfalls mit Staunen nahm ich von Notizen Kenntnis, die nie verwirklichte Schreibprojekte betreffen. Die in einer versteckten Datei vor sich hin brütenden Ideen müssen schon einige Jahre auf dem Buckel respektive Buchstaben haben.
Glück kann auch bedeuten, dass nicht alles in Erfüllung geht, wovon man einmal geträumt hat. Sonst gäbe es heute vielleicht zwei Romane, deren Story-Line sich ungefähr so liest:

Ausweiden
Eine Exvegetarierin findet ihre größte Lust im Ausweiden von Fischen, im Hineingreifen in die ehemals lebendige Materie. Ihre Obsession steigert sich zum sexuell aufgeladenen Wahn.


Die Gartentadt
Eine menschenfreundliche Arbeitersiedlung in einem unbestimmten Land: Beschrieben wird in Form eines Art historischen Berichts der Aufbruch, einer Hochphase, des Niedergangs. Eine Reflexion auf die Utopien des 20. Jahrhunderts.

PS: Ich war zwanzig Jahre lang Vegetarierin. Spaß am Ausweiden von Fischen hatte ich nie.


10/26/2008

Sinnlose Notizen

Von Zeit zu Zeit plane ich mit großem innerlichen Getöse, ein Theaterstück zu schreiben. Meistens kommt mir nachts eine Idee, ich springe auf, renne zu einem erreichbaren Medium oder Stift, und beginne, Notizen aufzuzeichnen. Hinsichtlich des Notizenmachens kennt der Volksmund ja grob gesagt zwei Schulen: Die relaxte Egal-Schule geht davon aus, dass "wenns wichtig war, fällts dir morgen wieder ein". Die angespannte Realisten-Schule sagt sich, "schreibs lieber gleich auf, sonst ists weg". Ich schwanke immer wieder zwischen diesen beiden Positionen. Je nach dem Grad der Anstrengung, die das Aufstehen bedeutet, rede ich mir ein, dass ich mir jetzt nur alles ganz genau merken muss, oder ich zwinge mich, mich doch noch ächzend aus dem Bett zu erheben. Eine dritte Schule müsste beide Positionen zusammenführen und dringend auf einen weiteren Faktor hinweisen: Die Sinnhaftigkeit der nachts angefertigten Notizen. Nachdem ich in den letzten Monate mindestens drei Theaterstücke anfing zu schreiben, die Titel tragen wie "Abschaum Imbiss Courage", "Siegen Drei" oder "Hotel Lux" bleibt mir die nachts aufgezeichnete "große Idee" zu folgendem Theaterstück bei morgendlicher Lektüre leider verschlossen:

Cato Kapitalismus

Brutus/ Camille Desmoulins

Cato/ Robespierre

Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann

10/20/2008

Kim zum Zweiten Il nochmal

In der offiziellen Biopgraphie Kim-Jong-Ils soll es über seine Geburt heißen: "Als Kim Jong Il am 16. Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des Erleuchteten." Was werden die dann erst schreiben, falls er tot ist?

Fast tote Diktatoren: Kim Il Dings


Es verbreitet sich, was Zeitungen "wilde Gerüchte" nennen: ist Nordkoreas Diktator tot? Kim-Jong-Il ist eine faszinierende Persönlichkeit. Sein Narzissmus und Wahnsinn wirken wie aus der Zeit gefallen. Wie bringt er seine Leute nur dazu, ihn trotz Getreidemangels, internationaler Isolation und sonstiger Misserfolge nicht zu stürzen, sondern statt dessen noch irre Choreographien mit bunten Pappschildern, die Bilder formen, hinzulegen? Die Rede vom Ornament der Masse kam mir nie überzeugender vor, als beim Betrachten von Bildern aus Nordkorea. Höchstens die Chinesen bringen das noch, dass sich tausende von Eigentlich-Individuen im Gleichschritt bewegen, dazu noch so grazil, wie ich es beim Barrenturnen im Sportunterricht gerne mal gekonnt hätte.
Die Regierung in Nordkorea ist höchst raffiniert und ganz schön vielseitig. Wie sonst könnte eine Zeitung bei einer "wichtigen Mitteilung", die für morgen angekündigt ist, ein so buntes Spektrum an Mutmaßungen ausstoßen wie: "Ist Nordkoreas Diktator Kim Jong-il tot (1)? Will das Land eine Atombombe zünden (2)? Oder einen Friedensvertrag anbieten (3)?".
Leider weiß ich über Kims Pläne nicht Bescheid. Aufschluss bietet auch das lesenswerte, vor zig Jahren von einem Freund geschenkte Buch "Sex Lives of the Great Dictators" von Nigel Cawthorne nicht. Hier ist neben so diktatorischen Schwergewichten wie Hitler und Mao nur für den Vater, den Sung der Kim-Ils, Platz. Immerzu steht der Junior im Schatten. Kein Wunder, dass er nicht mehr leben oder gleich eine Atombombe zünden möchte. Immerhin darf er im Marionetten-Film "Team America" die Welt in die Luft sprengen. Über die von der Zeitung aufgemachten Optionen darf noch einige Stunden gemutmaßt werden.

10/19/2008

Filme, die ich sehen wollte

Letztes Jahr in Marienbad ist ein Film, den ich schon immer mal anschauen wollte. Genau wie Fahrenheit 451. Oder Wilde Erdbeeren.
Alle drei Filme begehre ich seit Jahren zu sehen, aber kurz vor dem Ziel kommt etwas dazwischen. Der Recorder streikt. Die Freunde wollen plötzlich doch "was anderes" angucken. Ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Etwas in dieser Art.
Statt dessen gibt es Filme, die mir - wie zufällig - immer wieder vors Gesicht kommen. Sie begegnen mir einfach. Obwohl ich keinen Fernseher habe. Schwupp, einmal nur bei meiner Mutter zu Besuch, schon wieder Doktor Schiwago. Bei einem Freund in Hamburg: Er fragt: Was gucken? Ich: Ja, was denn? Er: Na, ich schlage "Doktor Schiwago" vor, das habe ich neu auf DVD. Ich: ok. So habe ich schon mindestens acht Mal den Film Copy Kill gesehen, in dem ein wahnsiniger Massenmörder der die Psyche von Massenmördern untersuchenden Psychologin Dr. Irgendwas, gespielt von der übrigens hinreißenden Sigourney Weaver, nach dem Leben trachtet.
Die Filme, die ich immer wieder sehe, sind wie treue alte Bekannte, die einem nicht von der Seite weichen. Die Filme, die ich sehen wollte, wachsen sich in meiner Phantasie zu utopischen Orten aus. Während andere von Stränden an der Südsee träumen, befinde ich mich im letzten Jahr in Marienbad.

10/17/2008

Banken Retten II

Heute fiel mir auf, dass ich an Gegenwartsverweigerung leide. Statt zu versuchen, endlich die Mechanismen des internationalen Finanzsystems zu durchschauen, fotografiere ich mit der Digi-Cam Bilder vom Börsencrash 1929 aus Büchern ab. Das gibt mir beim Anschauen der Fotos das authentische Gefühl, dabei gewesen zu sein. Leute stehen vor einer Bäckerei und schauen sehnsüchtig, Menschenmassen an der Wall Street, Banker verkaufen ihr Auto für 100 Dollar.
Menschenmassen an der Wall Street am selben Tag kurz nach dem Börsenkrach
Was momentan passiert, leuchtet mir nicht ein, weil es kein passendes Foto dazu gibt. Außer vielleicht das strahlende Gesicht Angela Merkels am heutigen Freitag, als das Bankenrettungspaket unter Dach und Fach ist. Untendrunter steht: "Erleichterung und Stolz in Berlin". Für einen Freitag ist das ja wohl nicht black genug.

Kindisch

Ich bin schon ganz schön kindisch, aber heute, als die Meldungen über den erfolgreichen Bankenrettungsplan bei mir eintrudelten, dachte ich nur:
Alle retten Banken - wer rettet mich?

10/11/2008

So dann doch nicht

Im Leben jedes Menschen gibt es böse Momente. In diesen wünscht man sich, dass einem nicht genehme Personen unschöne Sachen erleben. Besonders, wenn die Personen noch irgendwie symbolisch für etwas stehen, das man nicht so gut findet. Es hätte also Momente gegeben, da wären Schlagzeilen wie "Jörg Haider verunglückt" oder: "Ackermann f l e h t Staat um Hilfe an" mir wie Öl runter gelaufen. Jörg Haider ist bei dem Unglück gestorben. Und Ackermann fleht, weil die globalen Märkte zusammenbrechen. Da fragt man sich, musste das Schicksal gleich so auf die Pauke hauen?

10/05/2008

Terroristen an der Tanke

Heute benötigte ich Toilettenpapier und Schokolade. Da Sonntag war, lief ich zur Tankstelle um die Ecke, die aus unerfindlichen Gründen "Bounjour" heißt. Vor der gläsernen Eingangstür blieb ich stehen: Da hingen zwei Plakate. Mit komischen Männern drauf. Die sahen ziemlich fanatisch aus. Kein Wunder: als Überschrift prangte da groß und fett das Wort TERRORISMUS. Alle in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewachsenen Menschen wissen, was ich sofort vor mir sah: Die schwarzweißen Poster, auf denen nach der "Baader Meinhof Bande" gefahndet wurde. Ich fand, dass die alle so dünn aussahen. Einige meiner Freunde fürchteten sich davor, dass die Terroristen nachts kommen würden und sie entführen oder umbringen. Meine Mutter sagte, ich bräuchte keine Angst zu haben. Sie erklärte mir, die seien zwar auf dem falschen Dampfer, die Terroristen, aber am Anfang hätten sie "nur" Kaufhäuser in die Luft gesprengt. Mich verwirrte das etwas, und das mit dem "nur" habe ich auch nicht recht kapiert. Aber es beruhigte mich zu wissen, das ich nicht zur Zielgruppe dieser dünnen Leute gehörte. Der Terrorist an der Tanke sieht eher moppelig aus, finde ich. Und dass ich nicht zu seiner Zielgruppe gehöre, kann man vermutlich auch nicht behaupten. Seufzend denke ich an die guten alten Zeiten, kaufe mir noch eine schlechte Glamour-Zeitschrift und beschließe, mir zur Beruhigung doch noch den "Baader Meinhof Komplex" im Kino anzuschauen

9/07/2008

Falsche Filme

Schlimme Filme verfolgen mich bis in meine Träume. Früher träumte ich von Politikern, was auch quälend war. Immerhin hatten so in Träumen von mir schon Helmut Schmidt, Jürgen Trittin oder Roland Koch ihren Auftritt. Einmal träumte ich, Hillary Clinton sei Busfahrerin. Ein anderes Mal war ich Doktorandin bei Angela Merkel. Heute Nacht aber träumte ich von einem schlimmen Film. Und zwar auf perfide Art und Weise. Ich saß vor einem riesigen Bildschirm und sah den amüsantesten, anrührendsten, unglaublichsten Film meines Lebens. Den Inhalt habe ich vergessen, aber das Gefühl nicht: Ich lachte Tränen, saß ergriffen da, starrte gebannt und amüsierte mich königlich. Plötzlich kam jemand durch die Tür: Till Schweiger! Da wusste ich im Traum - es handelt sich bei dem Film, den ich gerade sah, um "Keinohrhasen". Das kann ja wohl gar nicht wahr sein, dachte ich im Traum empört. Ähnliche Gefühle beschlichen mich heute, als ich las, Frank-Walter Steinmeier würde Kanzlerkandidat, Beck sei gestürzt, und "Münte" Parteivorsitzender. Nicht, dass ich Kurt Beck in irgendeiner Weise attraktiv finde. Aber Frank-Walter Steinmeier? Das ist für mich so ähnlich, wie wenn auf einmal Till Schweiger zur Tür reinkommt: Dann weiß ich, sogar im Traum: ich bin im falschen Film.

8/25/2008

Insomnien per Internet kurieren

Für das Lied "Insomnia" von Faithless hatte ich schon immer eine Schwäche. Dabei wusste ich damals noch gar nicht, was eine Schlafstörung ist. Die begann bezeichnenderweise mit dem Ende meines Studiums. Ist also auch schon eine Weile her. Und sie wird immer schlimmer. Gestern konnte ich gar nicht einschlafen. Um Abhilfe zu schaffen, konsultierte ich das Internet. Wikipedia klärt mich darüber auf, dass es ganz verschiedene Typen von Schlafstörungen gibt. Beruhigenderweise leide ich unter folgenden sogenannten "Insomnien" schonmal nicht: Schlafapnoe (vorübergehened Atemstillstände im Schlaf, meist mit Schnarchen verbunden); ebenfalls nicht belasten mich die zirkadianen Schlafstörungen, die wohl mit Schichtarbeit oder Jet Lag zu tun haben. Parasomnien kommen der Sache schon näher. Zwar plagen mich keine Arousalstörungen wie Schlafwandeln (Somnambulismus), allerdings kenne ich durchaus Alpträume, nächtliches Aufschrecken (Pavor nocturnus) sowie nächtliches Zähneknirschen(Bruxismus). Das sympathische Syndrom der unruhigen Beine (Restless-Legs-Syndrom)ist mir, wie vielen Menschen, nicht ganz unbekannt. Die Schlafprobleme sind nach Alter aufgeteilt. Da ich mich weder zu den Kindern, leider aber auch nicht mehr zu den "Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen" zähle, schaue ich gleich weiter unten, in der Kategorie "Schlafstörungen bei älteren Menschen". Hier heißt es jedoch: "Bei älteren Menschen sind die häufigsten Ursachen für Schlafstörung zu viel Schlafenszeit und zu wenig Betätigung tagsüber. Einerseits ist für alte Menschen der Tag oft langweilig oder eine Last, weshalb sie möglichst früh ins Bett und möglichst spät aufstehen möchten". Auch keine schöne Beschreibung des Lebens im Alter. Allerdings meinen sie mich mit "älter" dann ja wohl doch nicht. Dann ordne ich mich eben doch den "jüngeren Erwachsenen" zu. Denen wird als Maßnahmen empfohlen: "Oft helfen schlafhygienische Maßnahmen und korrigierter Lebensstil (regelmäßige Schlafenszeiten, weniger belastende Arbeit oder Privatleben, am besten kein Alkohol, Nikotin, Amphetamine, Koffein etc.)". Das mit den Amphetaminen wäre für mich kein Problem. Weniger Privatleben, wie mir hier empfohlen wird, klingt aber nicht so gut. Während ich das schreibe, ist es auch ganz schön spät geworden. So unglaublich spät ja noch nicht. Aber auch nicht ganz früh. Eigentlich müsste ich schrecklich müde sein, wegen gestern. Habe mich probehalber um 23:30 Uhr ins Bett gelegt. Konnte aber nicht einschlafen. Ich sehe das Schwarz, in das man ja irgendwie abgleiten soll, schon vor mir, ich zwinge mich dann, nichts zu denken, weswegen man, wäre mein Unterbewusstsein ein Film, folgendes sieht: Ein schwarzes Nichts, das aussieht wie ein Weltall, und dazu kommt eine Stimme aus dem Off: "Denke nichts. Los. Hör auf. Witzig, das hier sieht aus wie ein Weltall, ist das normal? Gibt es hier Sterne? Oh Gott, das war ein Gedanke! Sofort aufhören! Aber es muss doch erlaubt sein, kurz mal zu fragen, ob so ein Weltall-Bild auch anderen Leuten vor dem Einschlafen ..." Usw. Wikipedia beschreibt mein Grundproblem der Insomnia feinfühlig folgendermaßen: "Betroffene liegen quälend lange wach, in Extremfällen sogar stundenlang, bis sie einschlafen, oft nach ungewohnter körperlicher oder geistiger Anstrengung. Teilweise fühlen sie sich unruhig und machen sich in dieser Wachphase viele Gedanken. Sie können nicht abschalten und sagen sich, dass es vernünftiger ist, einzuschlafen. In Extremfällen kommt es zu einer Art Schlaflosigkeit. Die eine Seite versucht einzuschlafen, die andere hält sie davon ab." Alles nicht falsch. Faithless haben das aber doch irgendwie besser auf den Punkt gebracht: "I can`t get no sleep".

8/23/2008

Hillary, Barack und das Erstaunen über die Macht

Ich gebe es zu: Ich war für Hillary Clinton. Natürlich nur unter dem Vorbehalt, sich überhaupt für einen Kandidaten der Demokraten entscheiden zu müssen. Würde diese Entscheidung von mir beispielsweise unter Todesdrohung verlangt werden - ich hänge am Arm eines Gangsters über einem klaffenden Abgrund in den Bergen, und er fragte mich: entscheide dich jetzt, oder ich lasse dich fallen, Clinton oder Obama? - dann, nur dann natürlich, wäre ich eventuell bereit gewesen, mich für Hillary Clinton auszusprechen. Das alles ist aber Schnee von gestern. Hillary ist out, und Obama ist in. In jedem Wortsinn ist er das. Siehe die jubelden Leute in Berlin. Mit Obama als Kandidaten bin ich soweit durchaus zufrieden, sofern ich mich für die Optionen "zufrieden" oder "unzufrieden" überhaut enscheiden müsste. Jubeln gehen würde ich allerdings nicht. Anstrengend finde ich aber die mediale Inszenierung Obamas als eine Art Heiliger, dem es keineswegs um so profane Dinge wie Macht und Einfluss geht. So liest man heute auf SPIEGEL online, anlässlich Obamas Vize-Kandidaten-Kür, seine Wahl Joe Bidens zeige, "dass es auch Obama vor allem um Macht geht". Mal ehrlich, ist das so erstaunlich, dass ein Bewerber für das amerikanische Präsidentenamt an Macht, naja, sagen wir mal, nicht ganz uninteressiert ist? Wenn man jedenfalls auf Macht gar keine Lust hat, bewegt man sich dann ja wohl doch im falschen Berufsfeld. Ich zum Beispiel würde das nicht machen wollen, Präsident sein. Wenn mich jemand allerdings über einem klaffenden Abgrund danach fragen würde, könnte ich auch wieder für nichts garantieren.

Bärte und Diktatoren: neue Runde

Das mit den Bärten und den Diktatoren scheint nicht nur mich zu faszinieren. Eine modische Fotostrecke zum Thema findet man unter:

http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-34478.html









8/21/2008

Der Prager Frühling wird älter - und ich auch

Ich habe heute für 35 Euro Zeitungen gekauft. Daran ist der Prager Frühling Schuld, der vor 40 Jahren, am 21. August 1968, niedergeschlagen wurde. In der Nacht damals hatte dpa gemeldet: “den redaktionen von prager zeitungen wurde [...] von tschechoslowakischen buergern mitgeteilt, dass sowjetische panzer die grenze der cssr überschritten haetten. [...]”. Überall auf der Welt kam es im Anschluss zu Protesten. Die westlichen Regierungen erklärten, die Invasion sei völkerrechtswidrig. Dennoch geschah nicht viel. Bald schon setzten sich die Regierenden wieder mit den Kreml-Leuten zusammen. Horkheimer schrieb, der Westen habe die Freiheit verraten. Man muss ja nicht so weit gehen, aber ganz schön mau hat sich der Westen da schon verhalten. Das macht er öfters. Ich finde das alles höchst bewegend. Und ich schreibe meine Dissertation darüber. Und heute war der 40. Jahrestag des Prager Frühlings! Ganz aufgeregt bin ich aufgewacht. Sofort habe ich den Deutschlandfunk eingeschaltet. Aber sie brachten nur eine Sendung über gefährdete Heilpflanzen. Also fuhr ich zum Bahnhof. Ich packte alle deutschen, tschechischen und französischen Tageszeitungen, derer ich habhaft werden konnte, auf einen riesigen Stapel. Die Frau hinter der Theke sagte: "Na, da haben Sie aber viel zu lesen!". Sie dachte vielleicht, ich verreise mit all dem Kram. Dann setzte ich mich in ein Cafe und blätterte. Manche Zeitungen hatten die Panzer in Prag auf dem Titel. Hier und da ein Vergleich mit Ossetien. Le Monde brachte gar nichts. Liberation auch nicht. Was soll das nun wieder heißen? Darüber denke ich zur gegenwärtigen Stunde noch nach. Fest steht nur: Der Prager Frühling wird älter, und ich auch.

8/19/2008

Geistesgegenwärtige Unfreundlichkeit

Vorhin klingelte es. Ein kleiner, älterer Herr stand vor der Tür. Er kam von den Zeugen Jehovas. Ich bin Atheistin. Grund genug, um das Gespräch kurz zu machen. Also führte ich tapfer aus, was gegen Gott spricht. Kriege, Leid, die Geschichte. Hatte er natürlich alles schon gehört. Ich versuchte es charmant: Mich zu bekehren habe keinen Sinn, ich würde Gott für eine Projektion halten. Auch dagegen konnte er zahlreiche kluge Bibelsprüche ins Feld führen. Während ich lächelte, dachte ich über den Mann nach. Er sah irgendwie nett aus. Der Arme, dachte ich, erst in einer blöden Sekte sein, und dann musst du auch noch überall klingeln. An zugigen Bahnhöfen stehen und den "Wachturm" verteilen. Dazu sind die noch im Dritten Reich verfolgt worden, die Zeugen Jehovas. Am Ende bekam ich eine Broschüre ausgehändigt: "Gibt es einen Schöpfer, der an uns interessiert ist?". Da hatten wir uns bestimmt schon eine halbe Stunde unterhalten. Er versprach, bald wiederzukommen, was ich mit einem verzweifelten Nicken quittierte. Immerhin habe ich erkannt: Was mir fehlt, ist nicht Gott, sondern eine große Portion geistesgegenwärtige Unfreundlichkeit.

8/17/2008

Schamhaftes Vorbeigehen

Von Punks vor dem Supermarkt und ihrer verblühenden Jugend war ja schon die Rede. Wenn Leute mich anschnorren, dann kann ich nie umhin, ihnen etwas Geld zu geben. Leider bin ich nicht reich. Da ich aber auch nicht in Berlin lebe, hält sich die Frequenz des Angeschnorrtwerdens in überschaubaren Grenzen. Dennoch, das gebe ich nicht gerne zu, ignoriere ich hin und wieder aus reiner Eile, Eigensucht oder Gereiztheit entsprechende Anfragen. Dabei mache ich zwischen alternden Punks und traurigen Alkoholikern keinen Unterschied. Um aber gar nicht erst in Verlegenheit zu geraten, eine Bitte abweisen zu müssen, tat ich neulich, als wieder mal Punks vor dem Supermarkt saßen so, als sei es praktischer, das Rad auf der anderen Seite abzustellen, um sich dann zwischen Paletten mit Lebensmitteln vor dem Eingang durchzuquetschen. Alles, um nicht an den Punks vorbeizugehen. Sogar vor mir selbst tat ich so, als sei das unendlich praktischer: "Schau mal", sagte ich zu mir selbst, "was für ein geschickter Abstellplatz für dein Rad da drüben". Der Abstellplatz war so geschickt, dass mein Rad halb auf der Straße stand. Alles, um nicht schamhaft vorbeigehen zu müssen.

8/15/2008

Wohin man lieber nicht in Urlaub fährt, heute: Die Perle der Uckermark

Alle reden vom Olympiaboykott. Ich denke ja eher über einen Urlaubsorteboykott nach. Ein Kandidat: Templin, Perle der Uckermark, Herkunfstädtchen der Bundeskanzlerin. Beschaulich und perlengleich, verzeichnet es einen regen Tourismus. Gerade wurde dort einem Jungen von Neonazis das Gebiss zertreten. Einfach so. Dabei hatten ihresgleichen schon im Juli einen Mann gekillt. Die Liste ähnlicher rechter Delikte ist lang. Die verantwortlichen Ortsregierenden fanden das bisher wenig bemerkenswert. Da fahre ich dann lieber nicht hin. Wenn man das allerdings konsequent durchzieht mit dem Boykott und auch ein paar Jahre zurückliegende Events noch mitzählt, wird es für Inlandsurlaub ganz schön eng. Vermutlich kann man dann nur noch auf dem Balkon sitzen, Bier trinken und den eigenen moralischen Sieg auskosten. Ich muss aber zugeben, ich habe schon einen Urlaub an der Ostsee gebucht.

Fremdbloggen

Fremdbloggen heißt woanders Spaß haben. In fremden Blogs. Die nicht dieser Blog hier sind. Das ist eigentlich nicht nett, liebe Leser. ABER: Bei folgenden Blogs ist das gebongt und zu empfehlen:

http://www.pbaur.wordpress.com
Philosopische Betrachtungen zur Zeit und zur Unzeit, Schäferhundheimbilder und Meta-Blogging

sowie, schon länger empfohlen, aber gerne immer wieder:

http://nervenkitzler.twoday.net/
Originell und witzig, spritzig wie neuer Wein und alter, gut gereifter Käse

8/13/2008

Falsch Lesen: Kindheitsparkplatz

Kennt ihr das auch, liebe Leser? Dass man beim Herumschlendern Wörter auf Werbetafeln, in Schaufenstern oder auf Verkehrschildern falsch liest? Heute sah ich im Vorbeigehen ein Verkehrsschild, auf dem stand: "Kindheitsparkplatz". Da der Kindheitsparkplatz direkt neben einem Kindergarten lag, schien das Ganze zunächst Sinn zu machen. Allerdings fragte ich mich schon, was auf dem Kindheitsparkplatz so geparkt wird. Für den Bruchteil einer Sekunde malte ich mir aus: Wow, man stellt seine anstrengende, bedrückende oder sontwie missglückte Kindheit einfach mal auf dem Parkplatz ab und isst in der Eisdiele um die Ecke in Ruhe ein Eis. Nichts plagt einen, man ist richtig gut drauf. Bei näherem Hinsehen musste ich enttäuscht feststellen, dass es sich bei dem schönen Kindheitsparkplatz in Wirklichkeit um den langweiligsten Ort unter der Sonne des modernen Kapitalismus handelte, um einen profanen "Kundenparkplatz". Da ich kein Kunde war, konnte ich nur geknickt meiner Wege gehen und mir, neurotisch wie ich bin, ein Eis kaufen.

Wahrheit und Krieg oder: Georgia on my internet-mind

Die Frage nach der Wahrheit ist alt, aber ehrwürdig. Sie gleicht einer eleganten, in die Jahre gekommenen Lady. Ingeborg Bachmann schrieb "was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen". So weit, so wahr. Im Bezug auf Krieg heißt es, sein erstes Opfer sei die Wahrheit. Einerseits ist man als halbwegs postmoderne Existenz gewohnt, Wahrheit an sich in Frage zu stellen, und alles für "konstruiert" zu halten. Andererseits drängt es einen ja doch zu erfahren, was da so genau vor sich geht in Georgien. Schwere Geschütze werden aufgefahren: Von "Völkermord" war bereits die Rede. Dass Russland kein nettes Land mit demokratischer Führung ist, dürfte außer Altkanzler Schröder eigentlich jedem klar sein. Dass der neue Präsident quasi der alte ist, wurde ebenso offensichtlich; ähnlich hat das schon Viktor Pelewin in "Generation P" beschrieben - dort sind alle russischen Politiker Klone. Lupenrein war das Vorgehen des georgischen Staatschefs allerdings auch nicht. Vor Anhängern sagte Saakaschwili, Georgien sei die "Grenze zwischen Gut und Böse". Schön wäre es ja, wenn es diese Grenze wirklich gäbe. Leider ist sie ebensowenig zu finden wie die Trennlinie zwischen Information und Propagdanda, Lüge und Wahrheit. Dabei spielen die neuen Medien eine entscheidende Rolle: So hat sich, wie auf SPIEGEL online zu lesen ist, der Krieg ins Internet verlagert. Russische Hacker legen georgische Seiten lahm. Estnische Computerspezialisten unterstützen georgische Kollegen. Außerdem würde in Blogs Propaganda betrieben. Man befürchtet sogar, die Regierungen könnten Blogger in Zukunft für die Verbreitung iher spezifischen Wahrheit bezahlen. Mir ist allerdings bis jetzt kein entsprechendes Angebot unterbreitet worden.

8/09/2008

Wo liegt Ossetien?

Es ist nicht so, dass ich mir den Kalten Krieg zurückwünsche. Vor dem roten Knopf hatte ich schreckliche Angst. In einem Video von Genesis drückt Reagan da ausversehen drauf und alles geht in die Luft. Man las bedrückende Kinderbücher wie "Die Wolke" (Atmokraftwerk explodiert) und "Die letzten Kinder von Schewenborn" (ganz Deutschland stirbt am Atomkrieg). Allerdings muss ich sagen, ein bisschen klarer war die Situation schon: Wir hüben, die drüben, und dahin sollten sich alle scheren, die hier nicht reinpassten. Kommunisten, Kapitalisten, dazwischen ein paar Pazifisten. Heute fragt man sich doch: Wo strebt das hin? China ist ja eine Diktatur, die kommunistische Propagdandaschnipsel mit frühkapitalistischer Ausbeutung mischt, dass es nur so eine Art ist. Als wären zwei Zeitalter der Erde durcheinandergeraten. Da wird auch Olympia nichts dran entwirren. Und jetzt wird Krieg geführt in Ossetien. Bis vor kurzem wusste ich nichtmal, wo das liegt. Russland hat seine Finger im Spiel und führt sich auf wie vor 40 Jahren bei der Niederschlagung des Prager Frühlings. Heute spricht der russische Präsident Dmitrij Medwedew von einer "tragischen Krise". Nicht, dass die Begründung vor 40 Jahren besser war, aber man hat sich mit Stichworten wie "Konterrevolution" und "Revanchismus" ideologisch einfach noch ein bisschen mehr Mühe gegeben.

8/06/2008

Der Supermarkt als Utopie

Der Supermarkt bei mir um die Ecke verkörpert die in Franz Kafkas "Amerika" gezeichnete Utopie einer Welt, in der für jeden Menschen Platz ist. Die Kassiererinnen begrüßen einen nicht. Sie reagieren nicht auf Fragen. Sie sind langsam wie Menschen, die eigenlich schlafen. Oder sie drücken einem das Geld mit einem Lächeln, das nach Drogenrausch aussieht, in die Hand. Die Käsetheke ist meist verwaist. Produkte wie Oliven, Espresso, Butter oder Sahne sind manchmal tagelang nicht aufzufinden. Der Supermarkt funktioniert offensichtlich jenseits gültig geglaubter ökonomischer Regeln. Bei Kafka kommen alle Leute, egal, was sie vorher gemacht haben, als Arbeiter in einem riesigen Zirkus unter. Entgegen der Annahme, Kafka habe nur "düsteres Zeugs" geschrieben, geht "Amerika" gut aus. Die Leute müssen sich zwar, ganz schön kafkaesk, auf komplizierte Weise registrieren lassen. Aber dann sind sie angenommen. So wie die Kassiererinnen: Die Leute, die in meinem Supermarkt einkaufen, beschweren sich nie. Ohne zu drängeln stellen sie sich an, ohne Murren warten sie, wenn mal wieder eine Kasse nicht besetzt ist. Neulich sprang das Kartenlesegerät nach langer Zeit endlich an, und die Kassiererin strahlte und sagte zu mir: Was haben Sie für ein Glück!

8/03/2008

Von deutschen Sonntagen und Parteien

Wo Samstag ist, muss Sonntag werden. Wie der Samstag, so ruft auch der Sonntag immer wieder Beklemmung hervor. Im Klassiker "Deutscher Sonntag" von Franz-Josef Degenhardt heißt es: "Sonntags in der kleinen Stadt/wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile/ giftig-grau die Wand hochkriecht,wenns blank und frisch gebadet riecht,dann bringt mich keiner auf die Straße ...". Degenhardt war Mitglied der DKP, der übrigens auch Dieter Bohlen mal kurz angehörte. Degenhardtmäßige Sonntage sind am Aussterben, die DKP feiert ihren 40. Geburtstag. Das liest sich so: "Die DKP ist heute das Beste, was die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung in der 90-jährigen Existenz von KPD und DKP hervor gebracht hat!". Sprachlich gesehen hat Degenhardt in seiner Existenz im Vergleich zur DKP jedenfalls das Beste hervor gebracht.

8/02/2008

Samstag war Selbstmord

Es gab mal eine Zeit, da sang man in der westlichen Welt von der Bedrückung durch feste Jobs und zu viel Freizeit. Diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Zwar ist das Lied von Donovan, in dem ein junger Mann vom Personalchef schockiert hören muss, in seiner Firma arbeite man "until you die", bereits aus den schwingenden 1960ern. Gar nicht so lange her, oder schon wieder doch?, ist Tocotronics "Samstag ist Selbstmord". Genauer gesagt, von 1995. Auf dem Höhepunkt meiner Jugend sang also diese Band: "Wer hat das Wochenende erfunden/Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden/ Geschunden durch Verwandtenbesuche/ Geschunden durch den Sportverein/Geschunden durch Kaffe und Kuchen/ Samstag ist Selbstmord". Und in der letzten Strophe heißt es sogar: "Wer hat das Wochende erfunden ?/Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zuviel Freizeit".
Als Mitglied der prekären Bourgeoisie würde ich mir nichts mehr wünschen als "zu viel Freizeit". Heute denke ich sogar: Gartenarbeit, hey, warum nicht? Leider habe ich keinen Garten.

8/01/2008

Gesäuberte Querdenker

Ob Wolfgang Clement aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wird oder nicht, ist mir herzlich egal. Bemerkenswert finde ich aber, dass eine Zeitung, die den Parteiausschluss ablehnt, heute morgen schrieb, Clement sei ein "Querdenker". Die Zeitschrift FOCUS hatte den Exminister schon vor längerer Zeit derart schmeichelig beschrieben: "Wolfgang Clement - Journalist, Superminister, Querdenker". Auch Oswald Metzger wurde diese Bezeichnung jahrelang zuteil. Jetzt ist er in der CDU. Wolfgang Clement könnte doch ebenfalls in die CDU gehen, denn diese bietet offenbar ein gutes Umfeld für Querdenker. Übrigens scheint das Label Querdenker auch außerhalb der Politik beliebt zu sein: Im Netz finden sich Querdenker-Architektur- und PR-Büros, "Business"-Querdenker, Querdenker-Informatik-News, Querdenker-Blogs, Querdenker-Spielekritiker, Querdenker-Zentren für "Begabtenförderung". Voll quer gedacht ist dann allerdings wiederum der Kommentar einer Zeitung, die Clements Parteiausschluss befürwortet: Dieser sei nötig für eine "Selbstreinigung der Partei". Historisch gesehen, liebe Zeitung, sind Parteien, die gereinigt oder gesäubert werden müssen, auf lange Sicht jedenfalls nicht erfolgreich gewesen.

7/31/2008

Trauriges Fernsehen

Wer wie ich den Niederungen des Privatfernsehens nicht abgeneigt ist, kann erschütternde Szenen erleben. Fast wie im echten Leben. So wie folgender Dialog:

Eine Teilnehmerin der Oli Geißen Show sagt auf die Frage, was sie als die Vorzüge eines Mannes ansieht, in den sie seit Jahren verliebt ist:

"Er hat mich nicht so behandelt, als ob ich Nichts wäre."



Mythen des Netzes

Beurteilt man die Welt gemäß der im Internet an prominenter Stelle veröffentlichten Nachrichten, entsteht ein bizarres Bild. Man erfährt von einer Frau, an der nach einer Schiffsüberfahrt Hunderte Zecken herumsaugten, von einem Mann, der wegen seines Körpergeruchs des Spielsalons verwiesen wurde, oder von einem Baby in Indien, das bei seiner Geburt durchs Zugklo fiel. Die Geschichten erinnern mich an das, was früher "urbane Mythen" hieß, die Spinne in der Palme, die Stories, die man sich mit wohligem Grusel weitererzählte. Aber wie muss man das heute nennen? "Netzane Mythen"? "Globale Post-Mythen"? "Zentrale Hyper-Düper-Mythen"? Meine Lieblingsnachricht der letzten Zeit geht übrigens so:

Brite sieht die Welt nach Überdosis Viagra in Blau

Weil er zu viel Viagra gegen seine Erektionsstörungen genommen hat, sieht ein britischer Klempner nur noch Blau. Er habe den Packungshinweis, dass eine Überdosis zu Sehschäden führen könne, schlicht ignoriert, sagte John Pettigrew aus Brighton der britischen Zeitung "The Sun". Seit mehr als zwei Wochen sehe er seine Umgebung nur noch in Blautönen. "Ich hatte einfach zu viel Spaß - aber wie gerne würde ich auf allen Sex der Welt verzichten, wenn ich dafür wieder einen roten Briefkasten erkenne", sagte Pettigrew.

Der 58-Jährige will nun untersuchen lassen, ob sein Sehschaden dauerhaft ist. Für den Fall bleibt ihm ein Trost: "Wenigstens bin ich Chelsea-Fan". Das Fußballteam trägt blaue Trikots.

Schon wieder Diktatoren. Heute: Comrade Stalin

Man meint ja, die Jugend sei unpolitisch. Falsch - wer in Youtube unter dem Stichwort "Stalin" herumstöbert, stößt auf die schönen Videos links in der Videobar. Hier verehren alle möglichen jungen Leute Josef Stalin mit kleinen Filmen. Mein Favorit: "Comrade Stalin". Alles handgemacht, wie man im Abspann sieht, mit besonderen "Dank an Josef Stalin". Nennt man das dann post-stalinistischen Realismus? Auf jeden Fall fühlt man sich in gute alte Zeiten zurückversetzt: Wie ehedem wird über Trotsky gehetzt, die Verdienste des Väterchens gelobt und die paar Massenmorde als Kollateralschäden abgetan. Im Kreml brennt noch Licht! So macht Geschichte Spaß.

Beim Barte des Diktators oder Gefasste Diktatoren II

Heute meldet Deutschlands begehrtestes Boulevardblatt: "Der Schlächter von Bosnien - Karadzic rasiert!" Dazu ein Bild des ehemaligen "Serbenführers", der bartfrei und etwas skeptisch in die Kamera schaut. Daneben steht: "Endlich ungetarnt: Ex-Serbenführer Radovan Karadzic (63)". Darunter ist das Bild Karadzics mit Bart und Brille zu sehen. Warum ist es BILD eine Schlagzeile auf dem Titel wert, um auf die Bartlosigkeit Karadzics hinzuweisen? Hatte man vorher das Gefühl, betrogen worden zu sein, weil man gar nicht den "richtigen", den rasierten, nach Außen schauderhaft zivilisiert wirkenden Expsychiater gefasst hatte?

Thomas Pynchon und die Kacheln im Bad

Lange wusste ich nicht, wer Thomas Pynchon ist. Fehlanzeige. Nie gehört. Auf Empfehlung las ich "Die Versteigerung von Nr. 49". Seither scheint die Welt zu wimmeln vor Anspielungen auf Thomas Pynchon. Pynchon - Jelineks Lieblingsautor. Pynchon - Tausendsassa und letzter Vertreter der Postmoderne. Pynchon - der große Unbekannte, von dem nur ein verschwommenes Schwarzweißbild mit Hasenzähnen und Segeluniform existiert. Pynchon wird 70. Pynchon hat einen neuen Roman geschrieben, dessen Handlung wirr bleibt. Meine Entdeckung des Vorhandenseins Thomas Pynchons bildet genau den Plot des obengenannten Buches ab. Die Protagonistin Oedipa stößt zufällig auf das Zeichen des Posthorns, das ihr nie zuvor aufgefallen ist. Sie kommt nach und nach einer riesigen Verschwörung auf die Spur, in der eine Band, die "Paranoia" heißt, abgehalfterte Exschauspieler, wahnsinnige Nazi-Psychiater, durchgeknallte Shakespeare-Regisseure, sowie eine Fülle weiterer Nebenfiguren eine Rolle spielen. Plötzlich entdeckt Oedipa, dass das ganze Universum voll von Posthornzeichen ist. Aber vorher: Nie aufgefallen. Fehlanzeige. Das ist wie mit den Kacheln im Bad meiner Oma. Wenn man auf der Toilette saß, konnte man sich abwechselnd vorstellen, dass man braune Vierecke auf weißem Grund sah oder weiße Vierecke auf braunem Grund. Die Welt kann einem also abwechselnd vorkommen wie ein recht angenehmer, gut organisierter Ort, oder aber wie ein von einer unglaublichen Verschwörung beherrschter wirr-chaotischer Raum. Welche Vision gewinnt? Bezüglich des Buches von Thomas Pynchon muss ich das erst noch herausfinden. Ich werde es heute zu Ende lesen.

Verblühende Jugend II

Heute muss ich auf SPIEGEL online lesen, dass man in der Wirtschaft schon ab 27 als alt gilt. Zwar plädiert die junge Professorin Stock-Homburg dafür, dass man auch uns alte Eisen mehr einbeziehen muss, aber sie sagt auch: "Einige Studien deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten mit den Jahren zurückgehen. Allerdings lassen unsere Fähigkeiten schon ab 27 nach." Auf die Forderung nach "Rente mit 27" kommt mal wieder keiner. Typisch Kapitalismus.

7/30/2008

Die verblühende Jugend der Punks

Die Punks vor dem Supermarkt sagten zu mir: He, Mädchen! Ich wunderte mich. Ich bin doch über dreißig, und das nicht zu knapp! Sie wünschten mir einen schönen Tag. Punks sind auch nicht mehr, was sie mal waren, dachte ich. Dann regnete es. Es regnete mit genau der Vehemenz, die diese Punks vermissen ließen. Sie waren im Gegenteil gespenstisch ruhig. Später fiel mir auf, dass die Punks gar keine punkartigen Kleidungsstücke trugen. Es waren ganz normale Jugendliche gewesen. Und vielleicht nicht mal das: Sie waren möglicherweise weit über zwanzig. Oder sogar fast so alt wie ich. Mit dem Mädchen-Zuruf wollten sie ihre eigene, gerade verblühende Jugend zurückholen. Der einzige Unterschied zwischen mir und ihnen war, dass ich einkaufen ging und sie Bier tranken. Wenn du Biertrinken vor dem Supermarkt schon für echten Punk hältst, dachte ich, wie weit ist es dann mit dir gekommen?

Gefasste Diktatoren

Sowohl Saddam Hussein als auch Radovan Karadzic trugen bei ihrer Verhaftung lange Bärte. Was hat das zu bedeuten? Einmal wurde es mit dem Leben in einem Erdloch begründet (Hussein), das andere Mal auf die raffinierte Tarnung geschoben (Karadzic). Gibt es aber nicht vielleicht doch einen düsteren, kaum fassbaren Zusammenhang? Eine weitere Gemeinsamkeit: Nachdem sie gefasst worden waren, verhielten sich beide gefasst. Was denken gefallene diktatorische Herrscher oder Kriegsherren bzw. Verbrecher im Moment ihres Gefasstwerdens? Etwas Profanes wie "Mist!" oder "das kann ja wohl nicht wahr sein?". Oder etwas Großes, Dramatisches? Die unglaublichste Gefasstheit legt jedenfalls Pol Pot in einem Interview an den Tag, das auf youtube zu sehen ist. (http://de.youtube.com/watch?v=BQMyX80jCF8). Er lächelt die ganze Zeit und gibt schließlich zu, ein paar "Fehler" gemacht zu haben, da man jung und unerfahren gewesen sei. So gefasst muss man erst mal sein, da können sich die anderen eine Scheibe abschneiden. Zumal Hussein schließlich doch noch ziemlich wild herumgestikulierte. Hätte er das ohne Bart auch gemacht?

Ein Blog - fast ein Schock

Was wünschen sich Menschen von Blogs? Und was Blogs von Menschen? Diese Fragen werde auch ich nicht abschließend beantworten können. Eigentlich wollte ich eine Homepage, war aber für deren Erstellung zu faul. Dazu stellt sich die ethische Frage: Bei google bloggen? Ist das nicht fast so, als hätte man in den 1980er Jahren bei McDonalds gegessen oder in den 1990ern einen Microsoft-Account gehabt? (Natürlich hat das jeder getan, aber man wurde doch hie und da dafür angepflaumt). Schließlich wollen die Googles Millionen Bücher versklaven. Und alles sonstige auf der Welt auch aufkaufen. Daher beginne ich diesen Blog als Schock bzw. mit Bauchschmerzen. Und das, obwohl ich seit mehreren Stunden nichts gegessen habe. Außer einer Birne. So konzentriert war ich.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...