Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom 2008 angezeigt.

Anrufen für Stalin

Als die Wahl zum "berühmtesten Tschechen" anstand, wohnte ich gerade in Prag. Persönlichkeiten wie Karl IV, Jan Hus und Vaclav Havel waren Favoriten beim Rennen um den Titel. Später wurde in Deutschland Konrad Adenauer zum "größten Deutschen" gewählt.
Immerhin: Hitler stand nicht auf der Liste.
Hingegen lassen es sich die Fernsehanstalten in Russland natürlich nicht nehmen, beim russischen Pendant der Show das Väterchen Dschughaschwili zur Auswahl zu stellen. Und prompt wurden über 500000 Stimmen für Stalin abgegeben: Das reichte, nachdem der Diktator lange Zeit sogar ganz vorne lag, am Ende immerhin für Platz drei in der Wahl zum "größten Russen". Wer früher als Kind sich für den "Wunschfilm" der öffentlich-rechtlichen Anstalten sich die Finger krumm wählte, kann sich die Dialoge in russischen Haushalten mit pubertierenden Jugendlichen gut ausmalen: Kind 1: "Ich will für Stolypin anrufen!" Kind 2: "Ich für Stalin!" Mutter: &…

Rattentöten für ein Euro

Der Kapitalismus ist wie ein tyrannischer Mann mittleren Alters mit starken Regressionswünschen. Eifrig betreibt er den Rückschritt in die kapitalistische Frühzeit, mit allem was dazugehört: Armut, Leute, die sich keine Zähne mehr leisten können, Ausbeutung, schön primitive Arbeitsbedingungen. So hat aktuell die FDP in Berlin den Vorschlag eingebracht, Menschen die kein Geld haben, könnten ja Ratten töten: "Vor allem Leute, die sonst auch Flaschen sammeln, könnten dann für jede tote Ratte einen Euro bekommen", wird der Chef der FDP im Berliner Bezirk Mitte zitiert. Was kommt als nächstes, der Schuldturm, die Leibeigenschaft, Kinderarbeit, Insekten im Essen? Mich ekelt das so, dass mir dazu gar kein Schlussgag einfällt.

Revolutionswäsche

Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Waschsalon. Ich tippte also den Namen der mich umgebenden Stadt plus das naheliegende Stichwort "Waschsalon" in eine weltbekannte Suchmaschine, und dabei bot man mir Folgendes an: "Revo Service H. Vollmer".
Kriegt man hier Hilfe, wenn man eine Revolution starten will? Waschen hier Genossen schmutzige Wäsche wie die Linkspartei in Hessen, deren Mitglieder sich sogar vor der Kamera prügeln? Immerhin war mein Urgroßvater in der KPD und betrieb eine Heißmangel im Ruhrgebiet. Da ging das ja noch ganz locker zusammen: Bisschen Wäsche heißgemangelt, und ab wieder ins Hinterzimmer, über die Revolution diskutieren. Aber heute, bei H. Vollmer, was machen die genau? Schicken die Kader, Genossen, Gewehre? Oder speisen sie einen mit einer popeligen Schulung ab? Ich entschied mich dann doch, in den von mir üblicherweise aufgesuchten Waschsalon zu gehen, wo man zwar keinen Revo Service kriegt, aber Kaffee aus einem Automaten ziehen kann…

About Schmidt

Helmut Schmidt ist für die Deutschen das, was für die Griechen das Orakel von Delphi war. Schmidt raunt etwas, und alle interpretieren entzückt das Gesagte. So wie in der Kolumne mit der Zigarette, die man imaginär mit Schmidt raucht. Schmidt gibt eigentlich auf die meisten Sachen gar keine so richtigen Antworten, sondern raunt und knurrt nur herum, und dann überlegt man sich, was gemeint ist, und wenn man ein typischer Deutscher ist, klopft man sich auf die Schenkel und sagt: "Das hat der Schmidt mal wieder auf den Punkt gebracht!" Auf Helmut Schmidt konnten sich schon immer alle Deutschen einigen. Schmidt ist der Kompromiss, die Mitte, in der sich alle treffen. Daher auch die aktuelle Hysterie zu seinem Geburtstag. Dabei ist Schmidt einfach nur ein rechter Sozialdemokrat, der raucht und herumknurrt. So wie jetzt gegenüber Schülern, da sagte Schmidt: "Wenn Sie sich aber für einen Beruf oder eine Ausbildung entschieden haben, dann sollten Sie Ihren Weg mit Ernst und mi…

Treffer - versenkt!

Die deutsche Marine soll Piratenschiffe vor der Küste Somalias versenken dürfen. Treffer, bumm, und schon schwimmen die Piraten an Holzplanken des untergegangenen Schiffes im Meer, so wie bei Asterix? Ganz schön robust, so ein robustes Mandat! Muss nur noch der Bundestag zustimmen.
Aber ein bisschen erstaunlich ist es doch, wie schnell und robust das alles läuft, bei der Bekämpfung der Piraten. Bei Völkermorden (Ruanda) oder Massenverbrechen (Darfur) wird gezögert, was das Zeug hält. UN-Blauhelme werden geschickt, mit ganz schön unrobusten Mandaten, die fuchteln dann ein wenig mit ihren nur zur Verteidigung gedachten Pistolen herum. In Deutschland ist das Robuste bisher auch gar nicht sehr beliebt gewesen. Bei jedem Auslandseinsatz der Bundeswehr entbrennt eine leidenschaftliche Grundsatzdebatte. Aber die Piraten! Bei den Piraten wird nicht gezögert. Die blockieren Handelswege. Das will man sich nirgendwo bieten lassen. Polizei, Militär, egal, Hauptsache: Treffer! Versenkt.

Vorbild Politik

Als ich heute las "EU-Gipfel lädt ein zum Schuldenmachen", dachte ich spontan: Einladung angenommen! Ich fuhr in die Stadt, und obgleich mein Konto schon nahe dem Anschlag ist, kaufte ich mir Geschenkpapier, Schokolade und eine Schachtel mit zwei goldenen Hirschen, die sich küssen. Damit habe ich es brav gemacht wie "die da oben" und die große Politik ins Kleine meines privaten Haushalts übersetzt. Hoffentlich wurde die Konjunktur damit kräftig angekurbelt. Nur schade, dass das Geld nicht mehr reicht, um auch noch Geschenke zum Papier zu kaufen.

Aufregen

Also ich persönlich finde es ja durchaus eine gruselige Vorstellung, dass ab Januar irgendwelche dubiosen Peilsendewagen herumfahren und ausspionieren, welche Leute noch alte Telefone benutzen. Auch unser Telefon, das einen Namen hat, der an Kokosnuss auf Englisch erinnert, ist ein Telefon, das nicht mehr benutzt werden darf. Den Namen des Telefons erfuhr ich erst heute, denn erst heute, kurz vor der Katastrophe, habe ich realisiert, dass auch unser Telefon auf der schwarzen Liste steht und uns bald den Sendewagen der Staatsmacht auf den Hals hetzt. Außer mir scheint sich aber kaum jemand darüber aufzuregen, dass auf den Straßen aller möglicher deutscher Städte ein 1984-Szenario abgefackelt werden soll, dass es nur so eine Art ist. Oder drohen die nur damit, um faule Menschen wie mich zum Kauf eines neuen Telefons zu bewegen? Was zumindest auch nicht ganz unbedenklich wäre. Jedenfalls ist es unwahr, dass sich die Leute zu schnell über alles aufregen, es ist vielmehr so, dass sie eine …

Das Schicksal war Schuld

Es mag ja Schriftsteller geben, die gleich mit 13 einen bahnbrechenden postmodernen Roman verfassen. Wie immer ich mich 1988 gefühlt habe, als ich erste ernsthafte Schreibversuche unternahm, mein Bewusstsein war ziemlich heftig von der amerikanischen Kulturindustrie geprägt. Was folgender Ausschnitt meines ersten Romanfragments beweist, das den aufrüttelnden Titel "Das Schicksal war Schuld" trägt: "Sie hätte nie gedacht, ihn je wiederzusehen. Sie traf ihn völlig unerwartet in der New York City". Man sollte hier erwähnen, dass ich aus einer Kleinstadt mit ca. 13000 Einwohnern stamme. In deren "City" traf man sich durchaus hin und wieder zufällig. Die Frau, um die es geht, scheint sich über das Wiedersehen nicht gerade zu freuen, denn weiter heißt es: "Als sie ihn sah, wechselte sie die Straßenseite. Er erkannte sie. "Hey!" rief er laut. Sie tat, als ob sie ihn nicht bemerkte und mischte sich eilig ins Gedränge." Hier deutet sich jedenfa…

Kafka im Geschäft oder: Supermarkt als Utopie II

Neulich habe ich mich durchgerungen, mir einen Kalender für das Jahr 2009 zu besorgen. Nach langem Zaudern kaufte ich einen bunten Kalender, der ziemlich billig war. Beim Bezahlen fragte die Verkäuferin: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender gerade im Angebot sind?" Dies erschein mir umso absurder, als ich gerade einen Kalender gekauft hatte. Wollte sie mir damit sagen, ich hätte den Kalender sonst teurer gekauft? Oder mich dazu drängen, einen zweiten Kalender für 2009 zu erwerben? Am nächsten Tag erstand ich zwei Stifte, und die Verkäuferin sagte wieder, ebenso freundlich lächelnd wie am Tag zuvor: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender im Angebot sind?"
Da erst wurde mir beswusst, dass ihr merkwürdiges Gebaren Teil moderner Marketingstrategie war, die mir nun schon öfter aufgefallen ist. Verkäufer in Geschäften, sogar in Supermärkten, sollen Kunden auf besondere Angebote hinweisen. Dies beschämt mich immer sehr. Ganz anders ein kleiner, abgefuckter Supermarkt…

Ein PR-Geck

Es widerstrebt mir durchaus, hier etwas zu posten, was auch nur in losem Zusammenhang mit einer abgehalfterten Ex-Tennislegende namens Boris Becker steht. Abgesehen von der Tatsache, dass Boris Becker nur wenige Kilometer von mir entfernt aufgewachsen ist, gibt es keinerlei Verbindung zwischen uns, nicht einmal ein leises Interesse meinerseits für seine nervige Persönlichkeit. Allerdings geht es hier auch gar nicht um Becker an sich, sondern um den Verfall der Rechtschreibung im Internet. Im Gegensatz zu zahlreichen Kulturpressimisten bin ich darob zwar schockiert, interpretiere dies aber auch als Chance zu sprachlicher Kreativität. So heißt es im Kommentar einer mir unbekannten Userin bezüglich der schiefgelaufenen Verbindung zwischen Sandy Meyer-Dingsbums und "BB": "Alles gespielt und gelogen das war von Anfang an ein PR-Geck!!".
Ist das nicht ein herrliches neues Wort, "PR-Geck"? Zur Umschreibung von Boris Becker selbst scheint mir das jedenfalls ein hö…

Hedgefonds, ihr Hunde!

Eine gewisse Zügel-Losigkeit im Umgang mit politischen Metaphern ist ja allgegenwärtig . So las ich heute: "Merkel will Hedgefonds an die Leine nehmen". Ja sind das denn Hunde, die Hedgefonds? Bellen Hedgefonds? Pissen sie wem ans Bein? Markieren sie ihr Revier? Oder sollen die Hedgefonds symbolisch erlegt werden, nach dem Motto "Hunde, wollt ihr ewig leben?". Ebenso bizzar erscheint mir der bereits zum Klassiker gewordene Ausdruck von den "Wirtschaftsweisen". Sitzen die ums Lagerfeuer und beraten? Haben sie lange Bärte und ein biblisches Alter, oder haben sie die Weisheit mit den buchstäblichen Löffeln gefressen?
Vielleicht zeigt der sprachliche Trend zu Archaisierung der Gegenwartsgesellschaft ja die eigentliche Wahrheit hinter der Metapher: Wir glauben an irgendwelche Ökonomen wie an mythische Götter, und das hat uns buchstäblich in die Scheiße der Hunde geritten, die wir nun an imaginäre Leinen nehmen wollen. Oder so ähnlich.

Raffinierte Marketingstrategien

Es dauerte zwei Tage bis mir auffiel, dass meine neuen Stiefel wie Schokoriegel aussehen. Sie sind kakaobraun und haben dunklere, dünne Streifen. Auf dem Schuhkarton steht "Anti-Stress-Schuhe". Aha, dachte ich: Zielgruppe Frauen+weniger Stress= Schoko-Schuh. So ähnlich müssen die sich das gedacht haben. Ganz schön raffiniert!

Generation Zuspät

"Warum hast du mir das angetan?
Ich habs von einem Bekannten erfahrn
Du hast jetzt einen neuen Freund
Zwei Wochen lang hab ich nur geweint"
(Die Ärzte: zu spät)


Mich verfolgt das essentielle Gefühl, bei allem zu spät dran zu sein. Das gilt nicht nur für das Innehaben eines ordentlichen Berufs, den Besitz einer Eigentumswohnung, oder das Kinderkriegen. Vor ein paar Tagen las ich die Ankündigung zum "Open Mike 2008". Bestimmt geht der Reporter, der das geschrieben hat, auch zum Event selbst, dem Wettlesen junger Autoren in Berlin. Dann gibt es einen Artikel, und die Autoren, die da sind, freuen sich über die Publicity, oder sie freuen sich auch nicht, weil sie nicht so publicitysüchtig sind wie ich. Natürlich dachte ich: Typisch, als ich 1999 beim "Open Mike" eingeladen war, hat mich keiner interviewt. Was nur halb wahr ist, da ein sehr guter Freund einen Artikel für die "Badische Zeitung" verfasste, in dem ich auch vorkam. Der Eindruck, zu spät gekomm…

Kunst, Wahnsinn, Alltag

Mein Tipp für ein ganz besonderes Konsumerlebnis: Auf rtlnow eine der traurigen Doku-Soaps über Hartz IV-Empfänger oder verarmte Großfamilien anschauen ("Mitten im Leben"), nebenher im Radio oder auf CD neue Musik hören. String-pling-"Celine! Celine! Lass doch mal den Papa!" Dröng-dröng! (Zwölfton), "eh verpiss dich!!" "Was hier denn los! Kevin, du has jetzt drei Tage Fernsehverbot!". Kunst, Wahnsinn und Alltag gegen auf diese Weise bruchlos und doch erschreckend harmonisch ineinander über.

Nix verstän: Literatur

Mit Begeisterung hatte ich begonnen, "Wäldernacht" von Ralf Rothmann zu lesen. Ruhrpott, abgefuckte Arbeiter, Sozialkritik plus sexuell aufgeladene Atmosphäre, Kindheitserinnerungen, überall west der Tod herum, und dann noch eine kraftvolle Sprache, die ihresgleichen sucht in der neueren deutschen Literatur. Bingo, dachte ich, das wird dein neues Lieblingsbuch!
Gegen Ende kamen zwar ganz leichte Zweifel auf (das Motiv des "gefallenen Mädchens", pubertärers "Rudelvögeln" ... naja. Die Lolita hinter der Ladentheke. Okee. Das Himbeerbonbon, das nach früher schmeckt, klebrig, süß und für Kindheit an sich steht, jaja...).
Dennoch drang ich, anhaltend gespannt auf den Ausgang des Buches, eine Spannung, die Bertold Brecht sicher verurteilt hätte, zur Schluss-Szene vor: Hier schildert Rothmann eine Art düsteren Joy Ride durch die Oberhausener Nacht - halb wahnsinniger Zuhälter-Fahrer, ein "Zigeunerlager" (plus alle Klischees von Magie, Sex und Unheimlichk…

Castor-Elche

Ex-Raucher sollen ja, so Raucher, "die schlimmsten" sein. Aber auch Ex-Demonstranten können ganz schön ätzend sein. Ich zum Beispiel: Jahrelang habe ich mit jedem Castor-Transport mitgefiebert. Bücher über "Energie Alternativen heute" gelesen. Zwei Mal war ich beim Demonstrieren dabei. Einmal, in Gorleben, saß ich auf den Gleisen, unter einer riesigen Plane, die die alten Demo-Füchse über uns aufgespannt hatten, damit das Wasser der Wasserwerfer locker auf unsere Köpfe prasseln könnte. Leider saß ich ganz hinten, und als gerufen wurde "ableiten!", da leitete ich das Wasserwerferwasser auf der Plane direkt in meinen Nacken ab. Was eine Schüttelfrost auslöste. Ich sah wohl so durch aus, dass der junge Polizist, der mich wegtragen sollte, mich heldenhaft anstrahlte und flüsterte: "Fräulein, keine Angst! Ich bringe Sie hier raus!" Während meine Mitstreiter, beides Männer, an ihren Haaren von den Gleisen gezerrt wurden.
Gestern aber saß ich so an mein…

Bildunterschriften

Eine Frau vor einem Kramladen, in der Herbstsonne. Sie ist schon älter, trägt Hippie-Kleider und stimmt eine Art Singsang an, der nicht zu verstehen ist. Ich laufe über die Brücke in die Innenstadt, wo ein Mann vor der Bank mit einem Buch in der Hand wild gestikulierend, eine Art Predigt hält. Als ich weitergehe, denke ich: Manchmal bräuchte man für Leute auch Bildunterschriften.

Omas und Obamas

Dass Obama um seine Oma weint, finde ich rührend. Ganz ehrlich. Als meine Oma 1988 oder so starb, hatte ich nicht solche starken Gefühle. Meine Oma war aus dem Sudetenland. Sie fand Franz Josef Strauß und den FC Bayern München klasse. Meine Oma holte mich, als ich klein war, vom Kindergarten ab. In ihrem Haus gab es einen unheimlichen Keller, in den sie manchmal runter ging, um was zu kippen. Sie hat sich den Magen mit Aspirin ruiniert. Waren wir bei ihr, gab es Kartoffelgoulasch und sie redete ohne Punkt und Komma. Meistens handelten die Geschichten vom Dorf in der Tschechoslowakei. Es kamen Personen wie der "Artuhr" und der "Igler Uttel" darin vor und Frauen, die Klostertreppen putzen, bis sie tot umfallen. Als meine Oma starb, da lag auch gerade mein Wellensittich im Sterben. Der Wellensittich hieß "Billi", war gelb, und ich hatte ihn sehr lieb. Ich weinte sehr um den Wellensittich. Ob ich um meine Oma weinte, habe ich vergessen. Allerdings hätte ich m…

SPD-Zukunft-Rap

Vermutlich werden die Ereignisse um Andrea Ypsilanti in kurzer Zeit vergessen sein. Vielleicht aber wird sich in der Popkultur das Verhalten der vier SPD-Abweichler als Chiffre für illoyales Verhalten durchsetzen, und es gibt dann irgendwann in der Zukunft Raps mit den Zeilen:

"Du fuckst mich ab/
Wie Metzger
Ypsilanti"

Brötchen

Wenn man meiner Mutter blöd kam, pflegte sie zu sagen: "Ich verdiene hier die Brötchen!". Ich habe mich als Kind immer gefragt, warum es so eine Leistung sein soll, das Geld für Brötchen zu verdienen, denn das Netz einfache Brötchen kostete in unserem Supermarkt nur 99 Pfennige. Und es waren 10 Brötchen drin!
Heute ist es eher so, dass ich mich über die Generation unserer Eltern wundere: Als meine Mutter so alt war wie ich, hatte sie mich gerade bekommen. Sie war verbeamtet, hatte ein Haus gebaut, und ihr eignes Auto stand vor der Tür. All dies erscheint mir in meiner winzigen Wohnung, vor der Tür ein Fahrrad, das so kaputt ist wie nochwas, derart unerschwinglich, dass ich nur staunen kann. Immerhin: Heute morgen bin ich Brötchen holen gegangen. Vier solide leckere Riesenbrötchen, köstlich duftend, frisch gebacken. Und natürlich qualitativ weitaus hochwertiger als die Supermarkt-Dinger aus meiner Kindheit. Ätsch, Mutti, dachte ich dann. Wenngleich ich zugeben muss, dass ich m…

Kim lebt!

Es gibt wundervolle Nachrichten: Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA gab bekannt, dass ER lebt! Kim is alive, der große Anführer des kleinen tapferen Völkchens hat es noch einmal geschafft. Nur die allzu kritischen Geister wundern sich, dass auf den Beweisfotos, die Kim bei einem Fußballspiel zeigen, keine Fußballer zu sehen sind.

Der Unterschied zwischen Bukowski und den anderen

Heute kam eine Buchrezension im Radio. Da ich keinem Kollegen zu nahe treten möchte, verschweige ich den Titel des Buches. Er ist mir, ehrlich gesagt, sowieso entfallen. Es ging um einen Mann in einem sagen wir Laden, und es kommt eine Frau herein, die umwerfend schön ist. So weit, so gut. Der Mann jedenfalls beginnt der Frau Geschichten zu erzählen und verliebt sich in sie, und das ganze Buch handelt von den echt abgefahrenen, total originellen, super poetischen Geschichten, die der Mann in unerschöpflicher Kreativität von sich gibt. In einer dieser Geschichten "in der Geschichte", die das Herz der Schönen schließlich schmelzen lassen, kommt eine wahnsinnig sexy Sekretärin vor, die hingebungsvoll die Worte eines alternden Schriftstellers aufzeichnet. Ob sich der Schriftsteller dann auch in die fleißige Sekretärin, die natürlich heimlich Literaturfreudin ist, verliebt, habe ich vergessen, aber ich nehme es an.
Die Story vom sensiblen, gerne älteren Künstler-Sack und der junge…

Teil III: Sinnlos, Gedichte

Und zum dritten: Auch in der Lyrik habe ich einige Patzer zu verzeichnen. Zumindest blieb mir der kritische Gehalt dieses alten Gedichts, das ich vor Jahren schrieb, beim Wiederlesen verschlossen:

Riesendetektor-- 20 Jahre Glückwunsch --Bruchteil der KörperTeilchen Frei-SetzungGigawatt! Gigawatt!Anti-NeutrinosNetz o ja TestmessungSpaltung eines UranatomsSpaltung eines PlutunionatomsBrennstäbeNackte StäbeGlatzenAtomkontrolleureVerlässliche DatenMaterial abzweigenBruch der KörperGeteiltFreisetzung von KrankheitAnti antiNeutrino süßO ja glückwunsch hallo

Sinnlose Notizen II: Romanprojekte

Ebenfalls mit Staunen nahm ich von Notizen Kenntnis, die nie verwirklichte Schreibprojekte betreffen. Die in einer versteckten Datei vor sich hin brütenden Ideen müssen schon einige Jahre auf dem Buckel respektive Buchstaben haben.
Glück kann auch bedeuten, dass nicht alles in Erfüllung geht, wovon man einmal geträumt hat. Sonst gäbe es heute vielleicht zwei Romane, deren Story-Line sich ungefähr so liest:

Ausweiden
Eine Exvegetarierin findet ihre größte Lust im Ausweiden von Fischen, im Hineingreifen in die ehemals lebendige Materie. Ihre Obsession steigert sich zum sexuell aufgeladenen Wahn.

Die Gartentadt
Eine menschenfreundliche Arbeitersiedlung in einem unbestimmten Land: Beschrieben wird in Form eines Art historischen Berichts der Aufbruch, einer Hochphase, des Niedergangs. Eine Reflexion auf die Utopien des 20. Jahrhunderts. PS: Ich war zwanzig Jahre lang Vegetarierin. Spaß am Ausweiden von Fischen hatte ich nie.

Sinnlose Notizen

Von Zeit zu Zeit plane ich mit großem innerlichen Getöse, ein Theaterstück zu schreiben. Meistens kommt mir nachts eine Idee, ich springe auf, renne zu einem erreichbaren Medium oder Stift, und beginne, Notizen aufzuzeichnen. Hinsichtlich des Notizenmachens kennt der Volksmund ja grob gesagt zwei Schulen: Die relaxte Egal-Schule geht davon aus, dass "wenns wichtig war, fällts dir morgen wieder ein". Die angespannte Realisten-Schule sagt sich, "schreibs lieber gleich auf, sonst ists weg". Ich schwanke immer wieder zwischen diesen beiden Positionen. Je nach dem Grad der Anstrengung, die das Aufstehen bedeutet, rede ich mir ein, dass ich mir jetzt nur alles ganz genau merken muss, oder ich zwinge mich, mich doch noch ächzend aus dem Bett zu erheben. Eine dritte Schule müsste beide Positionen zusammenführen und dringend auf einen weiteren Faktor hinweisen: Die Sinnhaftigkeit der nachts angefertigten Notizen. Nachdem ich in den letzten Monate mindestens drei Theaterstüc…

Kim zum Zweiten Il nochmal

In der offiziellen Biopgraphie Kim-Jong-Ils soll es über seine Geburt heißen: "Als Kim Jong Il am 16. Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des Erleuchteten." Was werden die dann erst schreiben, falls er tot ist?

Fast tote Diktatoren: Kim Il Dings

Es verbreitet sich, was Zeitungen "wilde Gerüchte" nennen: ist Nordkoreas Diktator tot?Kim-Jong-Il ist eine faszinierende Persönlichkeit. Sein Narzissmus und Wahnsinn wirken wie aus der Zeit gefallen. Wie bringt er seine Leute nur dazu, ihn trotz Getreidemangels, internationaler Isolation und sonstiger Misserfolge nicht zu stürzen, sondern statt dessen noch irre Choreographien mit bunten Pappschildern, die Bilder formen, hinzulegen? Die Rede vom Ornament der Masse kam mir nie überzeugender vor, als beim Betrachten von Bildern aus Nordkorea. Höchstens die Chinesen bringen das noch, dass sich tausende von Eigentlich-Individuen im Gleichschritt bewegen, dazu noch so grazil, wie ich es beim Barrenturnen im Sportunterricht gerne mal gekonnt hätte.
Die Regierung in Nordkorea ist höchst raffiniert und ganz schön vielseitig. Wie sonst könnte eine Zeitung bei einer "wichtigen Mitteilung", die für morgen angekündigt ist, ein so buntes Spektrum an Mutmaßungen ausstoßen wie: &…

Filme, die ich sehen wollte

Letztes Jahr in Marienbad ist ein Film, den ich schon immer mal anschauen wollte. Genau wie Fahrenheit 451. Oder Wilde Erdbeeren.
Alle drei Filme begehre ich seit Jahren zu sehen, aber kurz vor dem Ziel kommt etwas dazwischen. Der Recorder streikt. Die Freunde wollen plötzlich doch "was anderes" angucken. Ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Etwas in dieser Art.
Statt dessen gibt es Filme, die mir - wie zufällig - immer wieder vors Gesicht kommen. Sie begegnen mir einfach. Obwohl ich keinen Fernseher habe. Schwupp, einmal nur bei meiner Mutter zu Besuch, schon wieder Doktor Schiwago. Bei einem Freund in Hamburg: Er fragt: Was gucken? Ich: Ja, was denn? Er: Na, ich schlage "Doktor Schiwago" vor, das habe ich neu auf DVD. Ich: ok. So habe ich schon mindestens acht Mal den Film Copy Kill gesehen, in dem ein wahnsiniger Massenmörder der die Psyche von Massenmördern untersuchenden Psychologin Dr. Irgendwas, gespielt von der übrigens hinreißenden Sigourney Weaver, na…

Banken Retten II

Heute fiel mir auf, dass ich an Gegenwartsverweigerung leide. Statt zu versuchen, endlich die Mechanismen des internationalen Finanzsystems zu durchschauen, fotografiere ich mit der Digi-Cam Bilder vom Börsencrash 1929 aus Büchern ab. Das gibt mir beim Anschauen der Fotos das authentische Gefühl, dabei gewesen zu sein. Leute stehen vor einer Bäckerei und schauen sehnsüchtig, Menschenmassen an der Wall Street, Banker verkaufen ihr Auto für 100 Dollar.

Was momentan passiert, leuchtet mir nicht ein, weil es kein passendes Foto dazu gibt. Außer vielleicht das strahlende Gesicht Angela Merkels am heutigen Freitag, als das Bankenrettungspaket unter Dach und Fach ist. Untendrunter steht: "Erleichterung und Stolz in Berlin". Für einen Freitag ist das ja wohl nicht black genug.

So dann doch nicht

Im Leben jedes Menschen gibt es böse Momente. In diesen wünscht man sich, dass einem nicht genehme Personen unschöne Sachen erleben. Besonders, wenn die Personen noch irgendwie symbolisch für etwas stehen, das man nicht so gut findet. Es hätte also Momente gegeben, da wären Schlagzeilen wie "Jörg Haider verunglückt" oder: "Ackermann f l e h t Staat um Hilfe an" mir wie Öl runter gelaufen. Jörg Haider ist bei dem Unglück gestorben. Und Ackermann fleht, weil die globalen Märkte zusammenbrechen. Da fragt man sich, musste das Schicksal gleich so auf die Pauke hauen?

Terroristen an der Tanke

Heute benötigte ich Toilettenpapier und Schokolade. Da Sonntag war, lief ich zur Tankstelle um die Ecke, die aus unerfindlichen Gründen "Bounjour" heißt. Vor der gläsernen Eingangstür blieb ich stehen: Da hingen zwei Plakate. Mit komischen Männern drauf. Die sahen ziemlich fanatisch aus. Kein Wunder: als Überschrift prangte da groß und fett das Wort TERRORISMUS. Alle in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewachsenen Menschen wissen, was ich sofort vor mir sah: Die schwarzweißen Poster, auf denen nach der "Baader Meinhof Bande" gefahndet wurde. Ich fand, dass die alle so dünn aussahen. Einige meiner Freunde fürchteten sich davor, dass die Terroristen nachts kommen würden und sie entführen oder umbringen. Meine Mutter sagte, ich bräuchte keine Angst zu haben. Sie erklärte mir, die seien zwar auf dem falschen Dampfer, die Terroristen, aber am Anfang hätten sie "nur" Kaufhäuser in die Luft gesprengt. Mich verwirrte das etwas, und das mit dem "nur&…

Falsche Filme

Schlimme Filme verfolgen mich bis in meine Träume. Früher träumte ich von Politikern, was auch quälend war. Immerhin hatten so in Träumen von mir schon Helmut Schmidt, Jürgen Trittin oder Roland Koch ihren Auftritt. Einmal träumte ich, Hillary Clinton sei Busfahrerin. Ein anderes Mal war ich Doktorandin bei Angela Merkel. Heute Nacht aber träumte ich von einem schlimmen Film. Und zwar auf perfide Art und Weise. Ich saß vor einem riesigen Bildschirm und sah den amüsantesten, anrührendsten, unglaublichsten Film meines Lebens. Den Inhalt habe ich vergessen, aber das Gefühl nicht: Ich lachte Tränen, saß ergriffen da, starrte gebannt und amüsierte mich königlich. Plötzlich kam jemand durch die Tür: Till Schweiger! Da wusste ich im Traum - es handelt sich bei dem Film, den ich gerade sah, um "Keinohrhasen". Das kann ja wohl gar nicht wahr sein, dachte ich im Traum empört. Ähnliche Gefühle beschlichen mich heute, als ich las, Frank-Walter Steinmeier würde Kanzlerkandidat, Beck sei …

Insomnien per Internet kurieren

Für das Lied "Insomnia" von Faithless hatte ich schon immer eine Schwäche. Dabei wusste ich damals noch gar nicht, was eine Schlafstörung ist. Die begann bezeichnenderweise mit dem Ende meines Studiums. Ist also auch schon eine Weile her. Und sie wird immer schlimmer. Gestern konnte ich gar nicht einschlafen. Um Abhilfe zu schaffen, konsultierte ich das Internet. Wikipedia klärt mich darüber auf, dass es ganz verschiedene Typen von Schlafstörungen gibt. Beruhigenderweise leide ich unter folgenden sogenannten "Insomnien" schonmal nicht: Schlafapnoe (vorübergehened Atemstillstände im Schlaf, meist mit Schnarchen verbunden); ebenfalls nicht belasten mich die zirkadianen Schlafstörungen, die wohl mit Schichtarbeit oder Jet Lag zu tun haben. Parasomnien kommen der Sache schon näher. Zwar plagen mich keine Arousalstörungen wie Schlafwandeln (Somnambulismus), allerdings kenne ich durchaus Alpträume, nächtliches Aufschrecken (Pavor nocturnus) sowie nächtliches Zähneknirsch…

Hillary, Barack und das Erstaunen über die Macht

Ich gebe es zu: Ich war für Hillary Clinton. Natürlich nur unter dem Vorbehalt, sich überhaupt für einen Kandidaten der Demokraten entscheiden zu müssen. Würde diese Entscheidung von mir beispielsweise unter Todesdrohung verlangt werden - ich hänge am Arm eines Gangsters über einem klaffenden Abgrund in den Bergen, und er fragte mich: entscheide dich jetzt, oder ich lasse dich fallen, Clinton oder Obama? - dann, nur dann natürlich, wäre ich eventuell bereit gewesen, mich für Hillary Clinton auszusprechen. Das alles ist aber Schnee von gestern. Hillary ist out, und Obama ist in. In jedem Wortsinn ist er das. Siehe die jubelden Leute in Berlin. Mit Obama als Kandidaten bin ich soweit durchaus zufrieden, sofern ich mich für die Optionen "zufrieden" oder "unzufrieden" überhaut enscheiden müsste. Jubeln gehen würde ich allerdings nicht. Anstrengend finde ich aber die mediale Inszenierung Obamas als eine Art Heiliger, dem es keineswegs um so profane Dinge wie Macht und E…

Der Prager Frühling wird älter - und ich auch

Ich habe heute für 35 Euro Zeitungen gekauft. Daran ist der Prager Frühling Schuld, der vor 40 Jahren, am 21. August 1968, niedergeschlagen wurde. In der Nacht damals hatte dpa gemeldet: “den redaktionen von prager zeitungen wurde [...] von tschechoslowakischen buergern mitgeteilt, dass sowjetische panzer die grenze der cssr überschritten haetten. [...]”. Überall auf der Welt kam es im Anschluss zu Protesten. Die westlichen Regierungen erklärten, die Invasion sei völkerrechtswidrig. Dennoch geschah nicht viel. Bald schon setzten sich die Regierenden wieder mit den Kreml-Leuten zusammen. Horkheimer schrieb, der Westen habe die Freiheit verraten. Man muss ja nicht so weit gehen, aber ganz schön mau hat sich der Westen da schon verhalten. Das macht er öfters. Ich finde das alles höchst bewegend. Und ich schreibe meine Dissertation darüber. Und heute war der 40. Jahrestag des Prager Frühlings! Ganz aufgeregt bin ich aufgewacht. Sofort habe ich den Deutschlandfunk eingeschaltet. Aber sie b…

Geistesgegenwärtige Unfreundlichkeit

Vorhin klingelte es. Ein kleiner, älterer Herr stand vor der Tür. Er kam von den Zeugen Jehovas. Ich bin Atheistin. Grund genug, um das Gespräch kurz zu machen. Also führte ich tapfer aus, was gegen Gott spricht. Kriege, Leid, die Geschichte. Hatte er natürlich alles schon gehört. Ich versuchte es charmant: Mich zu bekehren habe keinen Sinn, ich würde Gott für eine Projektion halten. Auch dagegen konnte er zahlreiche kluge Bibelsprüche ins Feld führen. Während ich lächelte, dachte ich über den Mann nach. Er sah irgendwie nett aus. Der Arme, dachte ich, erst in einer blöden Sekte sein, und dann musst du auch noch überall klingeln. An zugigen Bahnhöfen stehen und den "Wachturm" verteilen. Dazu sind die noch im Dritten Reich verfolgt worden, die Zeugen Jehovas. Am Ende bekam ich eine Broschüre ausgehändigt: "Gibt es einen Schöpfer, der an uns interessiert ist?". Da hatten wir uns bestimmt schon eine halbe Stunde unterhalten. Er versprach, bald wiederzukommen, was ich …

Schamhaftes Vorbeigehen

Von Punks vor dem Supermarkt und ihrer verblühenden Jugend war ja schon die Rede.Wenn Leute mich anschnorren, dann kann ich nie umhin, ihnen etwas Geld zu geben. Leider bin ich nicht reich. Da ich aber auch nicht in Berlin lebe, hält sich die Frequenz des Angeschnorrtwerdens in überschaubaren Grenzen. Dennoch, das gebe ich nicht gerne zu, ignoriere ich hin und wieder aus reiner Eile, Eigensucht oder Gereiztheit entsprechende Anfragen. Dabei mache ich zwischen alternden Punks und traurigen Alkoholikern keinen Unterschied. Um aber gar nicht erst in Verlegenheit zu geraten, eine Bitte abweisen zu müssen, tat ich neulich, als wieder mal Punks vor dem Supermarkt saßen so, als sei es praktischer, das Rad auf der anderen Seite abzustellen, um sich dann zwischen Paletten mit Lebensmitteln vor dem Eingang durchzuquetschen. Alles, um nicht an den Punks vorbeizugehen. Sogar vor mir selbst tat ich so, als sei das unendlich praktischer: "Schau mal", sagte ich zu mir selbst, "was für…

Wohin man lieber nicht in Urlaub fährt, heute: Die Perle der Uckermark

Alle reden vom Olympiaboykott. Ich denke ja eher über einen Urlaubsorteboykott nach. Ein Kandidat: Templin, Perle der Uckermark, Herkunfstädtchen der Bundeskanzlerin. Beschaulich und perlengleich, verzeichnet es einen regen Tourismus. Gerade wurde dort einem Jungen von Neonazis das Gebiss zertreten. Einfach so. Dabei hatten ihresgleichen schon im Juli einen Mann gekillt. Die Liste ähnlicher rechter Delikte ist lang. Die verantwortlichen Ortsregierenden fanden das bisher wenig bemerkenswert. Da fahre ich dann lieber nicht hin. Wenn man das allerdings konsequent durchzieht mit dem Boykott und auch ein paar Jahre zurückliegende Events noch mitzählt, wird es für Inlandsurlaub ganz schön eng. Vermutlich kann man dann nur noch auf dem Balkon sitzen, Bier trinken und den eigenen moralischen Sieg auskosten. Ich muss aber zugeben, ich habe schon einen Urlaub an der Ostsee gebucht.

Fremdbloggen

Fremdbloggen heißt woanders Spaß haben. In fremden Blogs. Die nicht dieser Blog hier sind. Das ist eigentlich nicht nett, liebe Leser. ABER: Bei folgenden Blogs ist das gebongt und zu empfehlen:

http://www.pbaur.wordpress.com
Philosopische Betrachtungen zur Zeit und zur Unzeit, Schäferhundheimbilder und Meta-Blogging

sowie, schon länger empfohlen, aber gerne immer wieder:

http://nervenkitzler.twoday.net/
Originell und witzig, spritzig wie neuer Wein und alter, gut gereifter Käse

Falsch Lesen: Kindheitsparkplatz

Kennt ihr das auch, liebe Leser? Dass man beim Herumschlendern Wörter auf Werbetafeln, in Schaufenstern oder auf Verkehrschildern falsch liest? Heute sah ich im Vorbeigehen ein Verkehrsschild, auf dem stand: "Kindheitsparkplatz". Da der Kindheitsparkplatz direkt neben einem Kindergarten lag, schien das Ganze zunächst Sinn zu machen. Allerdings fragte ich mich schon, was auf dem Kindheitsparkplatz so geparkt wird. Für den Bruchteil einer Sekunde malte ich mir aus: Wow, man stellt seine anstrengende, bedrückende oder sontwie missglückte Kindheit einfach mal auf dem Parkplatz ab und isst in der Eisdiele um die Ecke in Ruhe ein Eis. Nichts plagt einen, man ist richtig gut drauf. Bei näherem Hinsehen musste ich enttäuscht feststellen, dass es sich bei dem schönen Kindheitsparkplatz in Wirklichkeit um den langweiligsten Ort unter der Sonne des modernen Kapitalismus handelte, um einen profanen "Kundenparkplatz". Da ich kein Kunde war, konnte ich nur geknickt meiner Wege g…

Wahrheit und Krieg oder: Georgia on my internet-mind

Die Frage nach der Wahrheit ist alt, aber ehrwürdig. Sie gleicht einer eleganten, in die Jahre gekommenen Lady. Ingeborg Bachmann schrieb "was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen". So weit, so wahr. Im Bezug auf Krieg heißt es, sein erstes Opfer sei die Wahrheit. Einerseits ist man als halbwegs postmoderne Existenz gewohnt, Wahrheit an sich in Frage zu stellen, und alles für "konstruiert" zu halten. Andererseits drängt es einen ja doch zu erfahren, was da so genau vor sich geht in Georgien. Schwere Geschütze werden aufgefahren: Von "Völkermord" war bereits die Rede. Dass Russland kein nettes Land mit demokratischer Führung ist, dürfte außer Altkanzler Schröder eigentlich jedem klar sein. Dass der neue Präsident quasi der alte ist, wurde ebenso offensichtlich; ähnlich hat das schon Viktor Pelewin in "Generation P" beschrieben - dort sind alle russischen Politiker Klone. Lupenrein war das Vorgehen des georgischen Staatschefs allerdings auch…

Wo liegt Ossetien?

Es ist nicht so, dass ich mir den Kalten Krieg zurückwünsche. Vor dem roten Knopf hatte ich schreckliche Angst. In einem Video von Genesis drückt Reagan da ausversehen drauf und alles geht in die Luft. Man las bedrückende Kinderbücher wie "Die Wolke" (Atmokraftwerk explodiert) und "Die letzten Kinder von Schewenborn" (ganz Deutschland stirbt am Atomkrieg). Allerdings muss ich sagen, ein bisschen klarer war die Situation schon: Wir hüben, die drüben, und dahin sollten sich alle scheren, die hier nicht reinpassten. Kommunisten, Kapitalisten, dazwischen ein paar Pazifisten. Heute fragt man sich doch: Wo strebt das hin? China ist ja eine Diktatur, die kommunistische Propagdandaschnipsel mit frühkapitalistischer Ausbeutung mischt, dass es nur so eine Art ist. Als wären zwei Zeitalter der Erde durcheinandergeraten. Da wird auch Olympia nichts dran entwirren. Und jetzt wird Krieg geführt in Ossetien. Bis vor kurzem wusste ich nichtmal, wo das liegt. Russland hat seine Fin…

Der Supermarkt als Utopie

Der Supermarkt bei mir um die Ecke verkörpert die in Franz Kafkas "Amerika" gezeichnete Utopie einer Welt, in der für jeden Menschen Platz ist. Die Kassiererinnen begrüßen einen nicht. Sie reagieren nicht auf Fragen. Sie sind langsam wie Menschen, die eigenlich schlafen. Oder sie drücken einem das Geld mit einem Lächeln, das nach Drogenrausch aussieht, in die Hand. Die Käsetheke ist meist verwaist. Produkte wie Oliven, Espresso, Butter oder Sahne sind manchmal tagelang nicht aufzufinden. Der Supermarkt funktioniert offensichtlich jenseits gültig geglaubter ökonomischer Regeln. Bei Kafka kommen alle Leute, egal, was sie vorher gemacht haben, als Arbeiter in einem riesigen Zirkus unter. Entgegen der Annahme, Kafka habe nur "düsteres Zeugs" geschrieben, geht "Amerika" gut aus. Die Leute müssen sich zwar, ganz schön kafkaesk, auf komplizierte Weise registrieren lassen. Aber dann sind sie angenommen. So wie die Kassiererinnen: Die Leute, die in meinem Supermar…

Von deutschen Sonntagen und Parteien

Wo Samstag ist, muss Sonntag werden. Wie der Samstag, so ruft auch der Sonntag immer wieder Beklemmung hervor. Im Klassiker "Deutscher Sonntag" von Franz-Josef Degenhardt heißt es: "Sonntags in der kleinen Stadt/wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile/ giftig-grau die Wand hochkriecht,wenns blank und frisch gebadet riecht,dann bringt mich keiner auf die Straße ...". Degenhardt war Mitglied der DKP, der übrigens auch Dieter Bohlen mal kurz angehörte. Degenhardtmäßige Sonntage sind am Aussterben, die DKP feiert ihren 40. Geburtstag. Das liest sich so: "Die DKP ist heute das Beste, was die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung in der 90-jährigen Existenz von KPD und DKP hervor gebracht hat!". Sprachlich gesehen hat Degenhardt in seiner Existenz im Vergleich zur DKP jedenfalls das Beste hervor gebracht.

Samstag war Selbstmord

Es gab mal eine Zeit, da sang man in der westlichen Welt von der Bedrückung durch feste Jobs und zu viel Freizeit. Diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Zwar ist das Lied von Donovan, in dem ein junger Mann vom Personalchef schockiert hören muss, in seiner Firma arbeite man "until you die", bereits aus den schwingenden 1960ern. Gar nicht so lange her, oder schon wieder doch?, ist Tocotronics "Samstag ist Selbstmord". Genauer gesagt, von 1995. Auf dem Höhepunkt meiner Jugend sang also diese Band: "Wer hat das Wochenende erfunden/Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden/ Geschunden durch Verwandtenbesuche/ Geschunden durch den Sportverein/Geschunden durch Kaffe und Kuchen/ Samstag ist Selbstmord". Und in der letzten Strophe heißt es sogar: "Wer hat das Wochende erfunden ?/Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zuviel Freizeit".
Als Mitglied der prekären Bourgeoisie wü…

Gesäuberte Querdenker

Ob Wolfgang Clement aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wird oder nicht, ist mir herzlich egal. Bemerkenswert finde ich aber, dass eine Zeitung, die den Parteiausschluss ablehnt, heute morgen schrieb, Clement sei ein "Querdenker". Die Zeitschrift FOCUS hatte den Exminister schon vor längerer Zeit derart schmeichelig beschrieben: "Wolfgang Clement - Journalist, Superminister, Querdenker". Auch Oswald Metzger wurde diese Bezeichnung jahrelang zuteil. Jetzt ist er in der CDU. Wolfgang Clement könnte doch ebenfalls in die CDU gehen, denn diese bietet offenbar ein gutes Umfeld für Querdenker. Übrigens scheint das Label Querdenker auch außerhalb der Politik beliebt zu sein: Im Netz finden sich Querdenker-Architektur- und PR-Büros, "Business"-Querdenker, Querdenker-Informatik-News, Querdenker-Blogs, Querdenker-Spielekritiker, Querdenker-Zentren für "Begabtenförderung". Voll quer gedacht ist dann allerdings wiederum der Kommentar einer Ze…

Trauriges Fernsehen

Wer wie ich den Niederungen des Privatfernsehens nicht abgeneigt ist, kann erschütternde Szenen erleben. Fast wie im echten Leben. So wie folgender Dialog:

Eine Teilnehmerin der Oli Geißen Show sagt auf die Frage, was sie als die Vorzüge eines Mannes ansieht, in den sie seit Jahren verliebt ist:"Er hat mich nicht so behandelt, als ob ich Nichts wäre."

Mythen des Netzes

Beurteilt man die Welt gemäß der im Internet an prominenter Stelle veröffentlichten Nachrichten, entsteht ein bizarres Bild. Man erfährt von einer Frau, an der nach einer Schiffsüberfahrt Hunderte Zecken herumsaugten, von einem Mann, der wegen seines Körpergeruchs des Spielsalons verwiesen wurde, oder von einem Baby in Indien, das bei seiner Geburt durchs Zugklo fiel. Die Geschichten erinnern mich an das, was früher "urbane Mythen" hieß, die Spinne in der Palme, die Stories, die man sich mit wohligem Grusel weitererzählte. Aber wie muss man das heute nennen? "Netzane Mythen"? "Globale Post-Mythen"? "Zentrale Hyper-Düper-Mythen"? Meine Lieblingsnachricht der letzten Zeit geht übrigens so:

Brite sieht die Welt nach Überdosis Viagra in Blau Weil er zu viel Viagra gegen seine Erektionsstörungen genommen hat, sieht ein britischer Klempner nur noch Blau. Er habe den Packungshinweis, dass eine Überdosis zu Sehschäden führen könne, schlicht ignoriert, s…

Schon wieder Diktatoren. Heute: Comrade Stalin

Man meint ja, die Jugend sei unpolitisch. Falsch - wer in Youtube unter dem Stichwort "Stalin" herumstöbert, stößt auf die schönen Videos links in der Videobar. Hier verehren alle möglichen jungen Leute Josef Stalin mit kleinen Filmen. Mein Favorit: "Comrade Stalin". Alles handgemacht, wie man im Abspann sieht, mit besonderen "Dank an Josef Stalin". Nennt man das dann post-stalinistischen Realismus? Auf jeden Fall fühlt man sich in gute alte Zeiten zurückversetzt: Wie ehedem wird über Trotsky gehetzt, die Verdienste des Väterchens gelobt und die paar Massenmorde als Kollateralschäden abgetan. Im Kreml brennt noch Licht! So macht Geschichte Spaß.

Beim Barte des Diktators oder Gefasste Diktatoren II

Heute meldet Deutschlands begehrtestes Boulevardblatt: "Der Schlächter von Bosnien - Karadzic rasiert!" Dazu ein Bild des ehemaligen "Serbenführers", der bartfrei und etwas skeptisch in die Kamera schaut. Daneben steht: "Endlich ungetarnt: Ex-Serbenführer Radovan Karadzic (63)". Darunter ist das Bild Karadzics mit Bart und Brille zu sehen. Warum ist es BILD eine Schlagzeile auf dem Titel wert, um auf die Bartlosigkeit Karadzics hinzuweisen? Hatte man vorher das Gefühl, betrogen worden zu sein, weil man gar nicht den "richtigen", den rasierten, nach Außen schauderhaft zivilisiert wirkenden Expsychiater gefasst hatte?

Thomas Pynchon und die Kacheln im Bad

Lange wusste ich nicht, wer Thomas Pynchon ist. Fehlanzeige. Nie gehört. Auf Empfehlung las ich "Die Versteigerung von Nr. 49". Seither scheint die Welt zu wimmeln vor Anspielungen auf Thomas Pynchon. Pynchon - Jelineks Lieblingsautor. Pynchon - Tausendsassa und letzter Vertreter der Postmoderne. Pynchon - der große Unbekannte, von dem nur ein verschwommenes Schwarzweißbild mit Hasenzähnen und Segeluniform existiert. Pynchon wird 70. Pynchon hat einen neuen Roman geschrieben, dessen Handlung wirr bleibt. Meine Entdeckung des Vorhandenseins Thomas Pynchons bildet genau den Plot des obengenannten Buches ab. Die Protagonistin Oedipa stößt zufällig auf das Zeichen des Posthorns, das ihr nie zuvor aufgefallen ist. Sie kommt nach und nach einer riesigen Verschwörung auf die Spur, in der eine Band, die "Paranoia" heißt, abgehalfterte Exschauspieler, wahnsinnige Nazi-Psychiater, durchgeknallte Shakespeare-Regisseure, sowie eine Fülle weiterer Nebenfiguren eine Rolle spiele…

Verblühende Jugend II

Heute muss ich auf SPIEGEL online lesen, dass man in der Wirtschaft schon ab 27 als alt gilt. Zwar plädiert die junge Professorin Stock-Homburg dafür, dass man auch uns alte Eisen mehr einbeziehen muss, aber sie sagt auch: "Einige Studien deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten mit den Jahren zurückgehen. Allerdings lassen unsere Fähigkeiten schon ab 27 nach." Auf die Forderung nach "Rente mit 27" kommt mal wieder keiner. Typisch Kapitalismus.

Die verblühende Jugend der Punks

Die Punks vor dem Supermarkt sagten zu mir: He, Mädchen! Ich wunderte mich. Ich bin doch über dreißig, und das nicht zu knapp! Sie wünschten mir einen schönen Tag. Punks sind auch nicht mehr, was sie mal waren, dachte ich. Dann regnete es. Es regnete mit genau der Vehemenz, die diese Punks vermissen ließen. Sie waren im Gegenteil gespenstisch ruhig. Später fiel mir auf, dass die Punks gar keine punkartigen Kleidungsstücke trugen. Es waren ganz normale Jugendliche gewesen. Und vielleicht nicht mal das: Sie waren möglicherweise weit über zwanzig. Oder sogar fast so alt wie ich. Mit dem Mädchen-Zuruf wollten sie ihre eigene, gerade verblühende Jugend zurückholen. Der einzige Unterschied zwischen mir und ihnen war, dass ich einkaufen ging und sie Bier tranken. Wenn du Biertrinken vor dem Supermarkt schon für echten Punk hältst, dachte ich, wie weit ist es dann mit dir gekommen?

Gefasste Diktatoren

Sowohl Saddam Hussein als auch Radovan Karadzic trugen bei ihrer Verhaftung lange Bärte. Was hat das zu bedeuten? Einmal wurde es mit dem Leben in einem Erdloch begründet (Hussein), das andere Mal auf die raffinierte Tarnung geschoben (Karadzic). Gibt es aber nicht vielleicht doch einen düsteren, kaum fassbaren Zusammenhang? Eine weitere Gemeinsamkeit: Nachdem sie gefasst worden waren, verhielten sich beide gefasst. Was denken gefallene diktatorische Herrscher oder Kriegsherren bzw. Verbrecher im Moment ihres Gefasstwerdens? Etwas Profanes wie "Mist!" oder "das kann ja wohl nicht wahr sein?". Oder etwas Großes, Dramatisches? Die unglaublichste Gefasstheit legt jedenfalls Pol Pot in einem Interview an den Tag, das auf youtube zu sehen ist. (http://de.youtube.com/watch?v=BQMyX80jCF8). Er lächelt die ganze Zeit und gibt schließlich zu, ein paar "Fehler" gemacht zu haben, da man jung und unerfahren gewesen sei. So gefasst muss man erst mal sein, da können sic…

Ein Blog - fast ein Schock

Was wünschen sich Menschen von Blogs? Und was Blogs von Menschen? Diese Fragen werde auch ich nicht abschließend beantworten können. Eigentlich wollte ich eine Homepage, war aber für deren Erstellung zu faul. Dazu stellt sich die ethische Frage: Bei google bloggen? Ist das nicht fast so, als hätte man in den 1980er Jahren bei McDonalds gegessen oder in den 1990ern einen Microsoft-Account gehabt? (Natürlich hat das jeder getan, aber man wurde doch hie und da dafür angepflaumt). Schließlich wollen die Googles Millionen Bücher versklaven. Und alles sonstige auf der Welt auch aufkaufen. Daher beginne ich diesen Blog als Schock bzw. mit Bauchschmerzen. Und das, obwohl ich seit mehreren Stunden nichts gegessen habe. Außer einer Birne. So konzentriert war ich.