Textauszüge

Orangenfarmer

Vom Wohnzimmer aus werdet ihr auf den Orangenhain sehen. Ihr werdet dort sitzen, wenn Regen fällt. Wenn es heiß wird. Manche mit angezogenen Beinen. Leise sprechen werdet ihr, mit angehaltenem Atem. Zeit ist keine Zeit: aus dem Zusammenhang gefallene Stunden.
So spricht der Farmer zu uns, und immer ist das Mädchen an seiner Seite. Orangenfarmer, so nennt mein Bruder den in fließende Gewänder mit Schlangemuster gekleideten Mann, dessen wettergegerbtes Gesicht seine Geschichten zu beglaubigen scheint. Klar stehen sie vor uns, wie die Adern an seinen Armen, zeichnen sich ab in der Dunkelheit der Gänge und noch vor den helleren Fenstern, wo es immer nach Zimt riecht, nach Ferne und nach dem Traum vom Orangenhain, den wir alle teilen.

Auszug aus: Birgit Hofmann: Orangenfarmer, in: Von Aprikosen und Angsthasen. Ausgewählte Stipendiatentexte, hrsg. von Astrid Braun für den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, Bretten 2016, S. 91-100.



Nicht mehr leuchten

Im Auge jedes Menschen ist ein Leuchten. Durch die Pupille fällt Licht in das Innere, und dort, mitten im Auge, beginnt die Verwandlung. Aber Mamas Augen waren in dem milden Licht fast nicht zu erkennen, Vaters erst recht nicht. Mama war nur da, im Keller, um das Altglas wegzubringen. Ich drücke auf den Knopf der Spraydose, das Raumspray hat Vater einmal billig gekriegt, im Sonderangebot die ganze Palette, und wie stolz er immer war,
wenn er die großen Packungen anschleppte, und wie er vorrechnete, was er gespart hatte dabei, und er hätte nicht gedacht, bestimmt nicht, dass das einmal über ihn gesprüht werden muss. Muss es aber. Es soll ja nicht stinken hier im Haus. Es soll an mir insbesondere auch kein Gestank kleben bleiben, denn ich muss demnächst los.

Sie sind in Urlaub, habe ich Oma gesagt, die Apfelkuchen brachte, und sie:
Seit wann die Eltern denn in den Urlaub fahren würden. Wo sie doch immer
kein Geld hätten. Fast hätte ich da laut gelacht, denn auf so was kommst du
ja nicht, Oma. Als sie weg war, mit ihrem misstrauischen Schauen, die Oma,
habe ich das Auto geputzt. Mit dem bin ich zum Studium gefahren, und ich
hatte eine Aktentasche in braunem Leder dabei, die aussah wie von einem
Großvater geerbt. Früh bin ich los, weil die Universität in der Stadt lag, ein
altes Gebäude aus schwerem Stein, davor die Philosophen, und wie sie dich
anschauten mit steinernem, strengen Blick, und wie ich hereinkam, als erster,
immer als erster, da saß noch keiner auf seinem Platz, so früh war es,
vielleicht noch neblig, und dann die Studenten, die kamen, die kniffen die
Augen zusammen vor Müdigkeit, wie junge Hunde.

Auszug aus: Birgit Hofmann: Nicht mehr leuchten, in: entwürfe. Zeitschrift für Literatur, 68, 4/2011)


Barbiere

Wenn er wiederkam, roch er billig.
Sie haben kein Geld, sagte er, für Rasierschaum. Benutzt wird Seife. Er strich über sein glattes Kinn. Manchmal, sagte er, greifen sich die Wachleute irgendeinen. Wer aber mit Schneiden beschäftigt ist, oder mit Rasieren, den lassen sie in Ruhe. Weil er dann nütze ist zu etwas.
Aber: es ist doch mehr als das, fragte ich.

Die Häuser sahen wie ausgerenkt aus: verdrehte Knie, aus ihren Scheiben gesprungen.
Sam hatte einen Zettel gezeichnet, auf dem alles verbunden war, ein Gewimmel von Linien. Der Süden der Stadt, hatte er gesagt. Und: Er ist ihnen nicht zugeteilt worden, sie mußten sich einnisten dort.
Es war noch nicht Nacht. Abend vielleicht. Um die Ecken bogen Uniformierte. Ab und zu entfernten sie eines der Pappschilder, die den Rand der Straße reihten und alles anboten: Eine Nacht, einen Haarschnitt, ganz preiswert, billig,  fast umsonst.
Sam, inmitten. Von Ferne schon unterscheidbar. Er begrüßte mich mit einem Kopfnicken. Das ist mein Haupt-Barbier, sagte er. Sagte er zum Mann, der sich nicht in Verbindung stellen ließ zum Namen, den Sam für ihn gewählt hatte. Kein Haus, fragte ich. Der Haupt-Barbier schüttelte sein flattriges, dünnes Haar. Eine Frau in langen, grauen Strümpfen legte ihren Arm schlingenförmig um Sams Körper, der immer weiß, was zu tun ist. Sie wolle es, sagte sie, auf die Schnelle, einmal ums Haus und zurück. Sie trat von einem Fuß auf den andren, unter dem Blick des Wachmannes, der, gedehnt, fast schläfrig vorbeiging. Sie sagte, mit störrischer Stimme: Der eben, das war ein schlimmer. Schlimmer als viele. Und, mir zugewandt: Das weißt du, dass sie uns weggefahren haben aus den Einkaufszentren und den Haupstraßen, und auch weg von den Marktplätzen aus Altstadtstein. Aber jetzt kommen sie auch hierher, wo eigentlich keiner sein will, zur Sicherheit. Zu unsrer und der aller anderen. Das sagen sie.
Ja, schon gut, sagte ich. 

Auszug aus: Birgit Hofmann: Barbiere, in: Stiftung Preußische Seehandlung u. a. (Hrsg.): Open Mike. Die 24 Besten des siebten Berliner Literaturwettbewerbs, München 2001.

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