9/26/2009

Traurige politische Sozialisationen

Ich wuchs mit den Liedern aus dem KJG-Liederbuch auf. Man schlug eine der auf Umweltpapier gedruckten und daher kaum lesbaren Seiten auf, griff sich die Gitarre und sang einen Song, von dem man das Gefühl hatte, er drücke irgendwie "was Politisches" aus. Da gab es Klassiker wie "Blowing in the wind", DDR-Oppositions-Songs wie "Sind so kleine Hände", aber manchmal entdeckte man auch ein Lied, das sonst kaum einer kannte: So der Politsong "Aufstehen" von den Bots. Niemand wollte ihn je mit mir singen. Ich war fasziniert von den scheinbar überzeitlichen Wahrheiten, die in den Zeilen steckten: "Alle, die nicht gern Instantbrühe trinken, sollen aufstehen ... Alle, die nicht schon im Hirn nach Deospray stinken, sollen aufstehen ...". Heute frage ich mich eher: Was hatten die und was ist überhaupt genau "Instantbrühe"? Und warum stinkt Deospray? Beim Wiederhören des Liedes auf youtube dachte ich dann nur noch: Welche grauenvolle politische Sozialisation musste ich erfahren? Und ist es dann noch verwunderlich, dass ich nicht weiß, wen ich morgen wählen soll?

Diktatorentypisch

Nach dem Auftritt von Lybiens Staatschef Muammar al-Gaddafi vor der UN-Versammlung fragte ich mich nicht nur, was die Vereinten Nationen eigentlich erreichen sollen, solange Staatschefs dieses Kalibers dort vertreten sind. Ich fragte mich nach Gaddafis Wutrede, in welcher er die UN als "Terrorrat" bezeichnete und nach seinem Zerfetzen der Charta, warum alle Diktatoren, gleich ob historische Persönlichkeiten oder aktuell auf dem Weltparkett flanierend, ähnliche Charaktermerkmale aufzuweisen scheinen: Selbstherrlich, narzisstisch, ausufernde Reden haltend und, mit zunehmender Macht, irgendwann meistens in den Wahnsinn abgleitend. Gadaffi wurde im eigenen Land jedenfalls gefeiert - sogar von Oppositionellen. Was natürlich auch bedeutet: Kein Diktator ohne Diktatorierte - und: Jeder Wahnsinn ist Kind seiner Zeit.

9/22/2009

Retro-Wahlkampf

Bisheriges Fazit aus der ARD-Sendung zur Geschichte bundesrepublikanischer Wahlkämpfe:
(sehr zum empfehlen: http://mediathek.ard.de/ard/servlet/content/3025230).

1. Die weitverbreitete Annahme, dass die alten Polit-Haudegen wie Schmidt, Wehner und Strauss IMMER weitaus gehaltvollere Sachen sagten als Politiker heute, ist ein Mythos.
2. Helmut Schmidt klingt gar nicht so norddeutsch, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

8/12/2009

Spießigkeit is nich in Nordkorea

Im Schatten der sonstigen Großereignisse hat man in Nordkorea wichtige Erkenntnisse. Nein, nicht über die Konstruktion einer Atombombe. Sondern darüber, wie ein ehrwürdiger Revolutionär sein sollte. Hierzu die folgende Anekdote, nicht ganz taufrisch aber brandheiß aufgewärmt vom Nordkoreanischen Nachrichtenservice:

Revolutionary Should Be Broad-minded
Pyongyang, August 11 (KCNA)
-- It was when the 70-day campaign was launched in Juche 63 (1974).

At a night General Secretary Kim Jong Il set forth a bold goal of the 70-day campaign. Foreseeing that the cargo shipment would increase, he instructed an official by phone that he should take measures for it beforehand. He asked him how many derrick cranes for port could be made. Saying that 10 derrick cranes were too small to do work, he stressed that about 50 derrick cranes should be manufactured in a month at any cost. Surprised by the exorbitant figure, the official did not speak for a moment with the handset in his hand.
After fathoming his mind, the leader said to the following effect: I thought you are a man with grit as you are an official of working class background but you seem to be not that kind of people. A revolutionary should be broad-minded. Only then, can he go through difficulties without hesitation to make a breakthrough and vigorously advance no matter what difficult work the Party and the revolution may be faced with.
He encouraged the official to carry out the task in a bold way as he would positively back it, saying that the mental preparation was important in any work.
Under the bold and energetic leadership of Kim Jong Il about 50 derrick cranes were installed in major ports in east and west seas of the country in a month.

Man schreibe sich dies hinter die Ohren! Spießigkeit is nich in Nordkorea!

7/29/2009

Revolutionär Tod

Dass der eigentliche Revolutionär der Tod ist, wussten schon die Dadaisten. Es bleibt nur, diese hin und wieder zu zitieren (und man behaupte nicht, ich sei depressiv):

Richard Huelsenbeck

Tod (1919)

Größer als das Beefsteak ist der Tod
trägt er die ungeheueren Augen wie zwei Zinnoberwolken
durchs Land
daß die Sonne in bleicher Furcht hinsinkt der Schutzmann
erstarrt
und das Meer schreit aus seinem Schlaf großes Wunder
ja Leichenwagenprozessionen schwankende Wagen mit
wohlgenährten Leichen
auch Jungfrauen denen der Kuß starr ward auf Lippe und
Stirn
(...)
Allgewaltiger Töter Revolutionär
Achtung sind wir Verachtung zugleich
Die wir Menschen formen nach dir

Der Kapitalismus

Dass man über den Kapitalismus an sich nur schlechte Gedichte schreiben kann, erfuhr ich schmerzhaft vor einigen Jahren, als folgende lyrische Reflexion über das kapitalistische System entstand, in dem sich die Leute über Minister-Dienstwagen mehr ereifern als über den Gesamtzustand desselben:


Runtergespult

Der Kapitalismus hat uns
Runtergespult

Wie ein ulkiges
Lied hat er

Uns abgenudelt durchgenu
Deldt und ausgespuckt

In einem Bogen so
Hoch wie ein

Werbebanner
Über den

Wolken

Runtergeholt nach
Großer
Fahrt

Als wir Himmel
Um Himmel
Durchquerten

Allein mit unserem
Atem
Fleiß
Und
Korruptem
Stolz

7/25/2009

Kleinbürgerliche Phantasie

Dass Politiker lügen, ist eine kleinbürgerliche Weisheit. Die sie äußern sind meistens noch gefährlicher als die von ihnen geschmähten Politiker. Dass ein Fünkchen Prahlerei aber doch zum Geschäft gehört und den sich in der Politik tummelnden Persönlichkeiten in Fleisch und Blut übergeht, zeigte diese Meldung: "Günther Beckstein im Urlaub fast von Alligator gefressen".
Man stellt sich dabei buchstäblich vor, wie der Anzugzipfel des sympathischen Bayern im Maul eines riesigen Alligators hängt - nicht ganz ungern, zugegeben.
Um ein Haar wäre ich von einem Alligator gefressen worden", heißt es dann auch von seiten des CSU-Politikers. "Meine Frau und ich fuhren in einem Kanu durch die Everglades und beobachteten Schildkröten und riesige Alligatoren - plötzlich kenterten wir". Soweit Beckstein zur Gefahrenlage. Dann aber: "Doch Gott sei Dank griff uns kein Alligator an." Ach so. Schön, dass solche Führungspersönlichkeiten da sind, wo es doch nur um ein paar kleine Gefahren wie Wirtschaftskrise, Terror, Klimaschutz geht.

7/17/2009

Billige Späße

In der Krise regrediert man. Ich zumindest. Heute laut aufgelacht, als ich den Namen des neuen Porsche-Chefs in der Zeitung las. Gibt es etwas Schöneres, als einen neuen Konzernchef, der MICHAEL MACHT heißt? Reiß das Ruder rum, Michael, hol dir die Macht auf den Schreibtisch!
Durch die Alliteration entsteht zusätzlich etwas Comichaftes und Groteskes, so in Richtung "Donald Duck" (oder besser Dago, der alte Kapitalist). Mein Kopf hörte nicht auf, mögliche Alternativnamen auszuspucken, wie "Roland Rad", "Konrad Kapital", "Silvio Speed". Dabei festgestellt: Die Wirklichkeit ist manchmal lustiger als die Phantasie - und "Michael Macht" unschlagbar.
In den 70ern gab es ein Aufklärungsbuch mit einer Hauptfigur namens "Peter Penis", aber halt, das geht zu weit. Kann doch nichts dafür, der gute Mann. Also, für den Namen.

7/04/2009

Prokrastinierende Diktatoren

Das Aufschieben von Dingen hat mittlerweile einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So gibt es nicht nur Bücher über die lustvolle Seite dieser Angewohnheit, sondern es entstehen auch wissenschaftliche Werke darüber. Prokrastinierer gelten demnach als sensible, aber unglückliche Wesen - als sympathisch aber allemal. Nicht alle bewundern die Zauderer. Bernie Ecclestone von der Formel Eins haben es die echten Führerpersönlichkeiten angetan. So sagte er: "... abgesehen von der Tatsache, dass Hitler mitgerissen und überredet wurde, Dinge zu tun, von denen ich nicht weiß, ob er sie tun wollte oder nicht - konnte er viele Menschen führen und war fähig, Dinge zu erledigen."
Schön, dass wenigstens einer die zupackende Seite des nationalsozialistischen Diktators zu schätzen weiß. "Neues KZ eröffnen? Wird erledigt! Angriffskrieg starten? Sofort!" Dies beweist allerdings, dass Prokrastination eine ehtische Angelegenheit ist, denn: Wäre Hitler Prokrastinierer gewesen, hätte die nationalsozialistische Diktatur vielleicht ein paar Menschenleben weniger gekostet.
Das mit den Menschenleben ist aber nicht Ecclestones Problem mit dem vegetarischen Menschenführer und Antizauderer, der nach der Ansicht des Formel Eins-Managers dennoch "kein wirklich guter Diktator" gewesen sei. So habe Hitler "am Ende" "die Orientierung verloren". Was man für Ecclestone auch behaupten kann. Wenn er je eine hatte.

7/02/2009

Stasi im Kopf der Christen

Es gibt sie noch: Erwachsene, die gegen die BRAVO kämpfen! Zu meiner Jugendzeit gehörten in diese Kategorie zum Beispiel engstirnige Bademeister, finstere, patriarchalische Familienväter, überkandidelte Bildungsbürgermütter.
Die Seite des "DVCK e.V.", der 1983 gegründet wurde und dem der "selbstlose Schutz der geistigen, sozialen und kulturellen Werte der christlich-abendländischen Kultur und Zivilisation" am Herzen liegt, die "von einer seit mehr als fünf Jahrhunderte anhaltenden zersetzenden Revolution nach und nach zerstört werden soll" entführt in ein herrliches Erziehungsmittelalter, das allerdings in Deutschland noch gar nicht so lange her ist. Hier wird die BRAVO gegeißelt, dass es eine Art ist. So heißt es auf der Webpage: "Bravo - eine Welt von Unmoral": "In was für einer Welt werden unsere Kinder und Enkel aufwachsen, wenn die Flut von Pornographie, Blasphemie und Unmoral in den Medien immer weiter ansteigt?" Die aufrechten Christen sind mit ihrer Abrechnung damit noch lange nicht am Ende: Auch die Rechte der Homosexuellen und sonstige moderne gesellschaftliche Verwerfungen kriegen ihr Fett weg: Die Aktion "Kinder in Gefahr" hat eine Peitition am Start, die das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare verbieten will. Man sieht sich als Kämpfer gegen eine angebliche liberale Meinungsführerschaft und gegen die "Linken", die, so der streng gescheitelte Herr im Video, eine "Stasi im Kopf der Christen" errichten wollten.
Ist das noch echt oder schon retro?
http://www.aktion-kig.de/index.html

6/27/2009

Iran von links

Schön, dass man in einigen altlinken Zeitungen noch weiß, wo der Feind steht. So heißt es in der "jungen Welt": Die Vorwürfe gegen Ahmadinedschad seien "unbewiesen". Vergleicht man den Iran mit der USA - in einem launigen kleinen "Quiz" - kann dabei nur Folgendes herauskommen: "Welches größere Land hat seit 1980 mehr Präsidenten gewählt als alle anderen in der Welt? [...] Iran. Seit 1980 wurden dort sechs Präsidenten gewählt, während die USA mit fünf einen knappen zweiten Platz belegen und Frankreich den dritten."
Juchhu, gewonnen! Denn schließlich ist der Iran ja auch ein Land mit der "Tradition ordentlich durchgeführter Wahlen". Zwar gibt man zu: "Ahmadinedschad ist sicherlich kein Sympathieträger. Er ist ein Ideologe, er handelt provokativ und manchmal unüberlegt." Aber ein Diktator - das ja wohl nicht! "Aber den Kampf in Iran als einen zwischen demokratischen Kräften und einem »Diktator« zu charakterisieren, ist ein Ausdruck totaler Ignoranz gegenüber der inneren Dynamik Irans oder eine absichtliche Verzerrung der Realitäten."
Für Jürgen Elsässer sind die Demonstranten gegen die iranische Regierung gleich Imperialisten-Knechte "im Auftrag oder wenigstens im Sinne des Imperialismus", sprich: "Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals". Auch die Demonstranten gegen Milosevic damals waren übrigens "west-finanziert". Auf Seiten der alten Linken weiß man eben, wem man vertrauen kann! Früher war es Väterchen Stalin, zwischendrin Milosevic, heute Ahmadinedschad. Alles zwar keine "Sympathieträger", aber sie haben ihr Volk ja wohl im Griff - und sind immer noch besser als diese "westfinanzierten" imperialistischen Arschlöcher von Demonstranten. Daher ruft Elsässer dem iranischen Barttärger auch gerne zu: "Glückwunsch, Ahmadinedschad!" Und freut sich über den Wahlausgang: "Eine schöne Schlappe für den Imperialismus im Iran!"
Gut, dass wir - gerade angesichts der derzeitigen Krise - eine solche Linke haben, dann kann ja nicht viel schief gehen!
http://juergenelsaesser.wordpress.com/

Glamour Missing

Waren Krisen früher auch so glanzlos? Jedenfalls beamen einen Übschriften wie "VW und Niedersachsen stellen Porsche Ultimatum" mit einem Klick in die triste deutsche Wirtschaftskrisenrealität. Nichts gegen Niedersachsen.

Jackson Verschwörung

Als ich zu P. sagte: "Wahnsinn, da wird das Schicksal der iranischen Demonstrierenden von aller Welt verfolgt und dann - plötzlich - stirbt Michael Jackson und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Und am Ende kann dann noch das Regime mit ihnen machen, was es will." P: "Du meinst, der iranische Geheimdienst hat Jackson ...?"
Nun sammeln wir Beweise.

6/24/2009

Hardliner, Softliner

Die Ereignisse im Iran mit Spannung verfolgend, krame ich nach Wissen aus meinem lange zurückliegenden Politikstudium: Also, die Softliner und die Oppositionellen, die müssen da irgendwie an einen Tisch ... Oder sollte man sich, da sowieso niemand den Umbruch 1989 vorhersah (außer vielleicht ein paar wenige verquere Systemtheoretiker, sowie die prophetische Familienministerin Ursula Lehr, die laut meiner verschwommenen eigenen Erinnerung 1988 in der HÖRZU davon sprach, die DDR werde es nicht mehr lange geben) eher auf die eigene Intuition verlassen? Hm. Oder wie war das nochmal mit den Hardlinern?

6/19/2009

Guter Slogan, schlechter Slogan

Im Gegensatz zum ewig gleichen Slogan vom "Tod der Bildung" - gerne tragen Demonstranten dabei einen selbst gebastelten Papmachee-Sarg vor sich her - gefällt mir dieser Slogan der aktuellen Bildungs-Demonstrationen wirklich gut:
"Reiche Eltern für alle!"

6/18/2009

Diktatur 2.0

Im Schatten der tatsächlich atemberaubenden Ereignisse im Iran rüstet Nordkorea weiter für den Krieg der Welten. Dazu ist natürlich Geld nötig. Während frühere Diktatoren ihre Scherflein durch das Auspressen von Bauern und Arbeitern, Enteignung und Massenmord ins Trockene brachten, zieht Kim Jong-Il sein ganz eigenes Ding durch: Wie nun bekannt wurde, erhielt Nordkorea mehrere hundert Millionen Dollar von Versicherungsunternehmen. So meldete die nordkoreanische Regierung zum Beispiel Transportunfälle, Fabrikbrände, Flutschäden und andere Katastrophen, um Versicherungsgelder zu kassieren. Unter Stalin wurden angebliche "Sabotageakte" gern mal benutzt, um konkurrierenden Genossen den Garaus zu machen. Nun verlangt man für die eigenen Katastrophen-Phantasien lieber Geld von den Kapitalisten. Auch nicht schlecht!

6/13/2009

Beurteilt zu drei Jahren

Immer, wenn man nicht genug Geld hat, um ein System generell zu verbessern, wird geratet. Das fing vor einigen Jahren auch im Universitäts-Bereich an. Statt die Dozenten anständig zu entlohnen für ihre Seminare, wurde evaluiert, was das Zeug hielt. Wie viele moderne Medien benutzt der Dozent? 17 von 29 Studenten finden, der Dozent habe "genügend Medien" eingesetzt. Ok, und was heißt das nun? Macht der Medieneinsatz denn den gleichen Sinn in einem Seminar über Film wie in einem über Aristoteles?
Evaluationen wurden aber nicht nur zum Instrument der Leistungsbeurteilung "von oben", sondern auch zum quasi-"verbraucherfreundlichen" Pranger im Internet, kamen also "von unten": Prüf den Prof, den Klempner, den Lehrer. Nun sollen also auch die Ärzte bewertet werden. Von den "Kunden". Beurteilungen solcher Art gibt es im Netz schon länger. Einmal ging ich zu einem als besonders "nett" gerateten HNO-Arzt,der mich anherrschte, weil ich zur Begrüßung hatte niesen müssen. 52 von 60 Patienten meinen aber, der Arzt sei "nett". Mein eigentliches Problem ist aber nicht diese kleine Unerfreulichkeit, sondern die Tatsache, dass ich Kassenpatientin bin. Ich darf einige Ärzte überhaupt nicht in Anspruch nehmen, muss länger warten, bekomme viel schwieriger Facharzt-Termine als früher, als ich privat versichert war. Dass sich die Zahlungsfähigkeit des Patienten auch auf die Laune des Arztes auswirken kann, ist der eigentlich Skandal. Insofern weist das Urteil zu den privaten Krankenkassen in die richtige Richtung und bekommt von mir fünf von fünf Sternen. Mindestens.

6/07/2009

Nicht gewinnen können

Als Jugendliche fieberte ich bei den Wahlen mit für eine bestimmte Partei. Wenn die Partei hinzugewann, fühlte ich mich auch als Gewinner. Wenn sie Stimmen verlor, raufte ich mir die Haare vor Ärger. Ich bin dann in diese Partei ein-, und später wieder ausgetreten. Das Parteibuch hatte ich ohnehin schon, leicht angeheitert, in einer kneipenartigen Lokalität verloren. Dort hatte ich es kurz zuvor einer fröhlichen Runde präsentiert, da mir meine politische Einstellung wie eine aufregende persönliche Note vorkam.
Heute gefällt mir keine Partei mehr. Zu neoliberal, zu antiamerikanisch, zu nationalistisch, zu doof. Das ist schade, denn jetzt kann ich nicht mehr gewinnen, sondern nur noch verlieren. Komischerweise rege ich mich dann nämlich trotzdem auf, wenn die CDU die meisten Stimmen bekommt, so wie heute bei den Europawahlen. Ich freue mich im Gegenzug aber nicht, wenn andere Parteien obenauf sind. Ich kann also bei Wahlen nicht mehr gewinnen, nur noch verlieren, schade.

Netzfischer

Bei bestimmten Email-Anbietern erscheinen neben den Emails penetranterweise Werbeanzeigen. Diese stehen auf geheimnisvolle Weise mit dem Inhalt der Emails in Verbindung. Unheimlich und unverschämt ... Allerdings konnte ich mir die Gründe für das Erscheinen der Anzeige "Die Gerüchte sind wahr. Das Mittel, um enorm viel abzunehmen" durchaus noch zusammenreimen. Schwieriger wurde es bei "Hellsehen erster Güte. Exklusives Forum für Soforthilfe durch Experten, liebevoll& diskret". Interessanterweise stand diese Anzeige neben einer Email meiner leicht esoterisch angehauchten Mutter.
Zu verblüffen mochte mich dann aber doch folgende Anzeige neben selbiger Email meiner Mutter:

"Afrikanische Ehefrau
Finden Sie Ihre Afrikanische Frau Für Freundschaft, Liebe und Heirat
www.AfroIntroductions.com"

6/02/2009

Goldene Kims

Kim ist in Ost und West ein beliebter Name. Kim klingt kurz, frech, im Englischen stammt er von "Kimberly", was übertragen mit "Anführer" oder "Kämpfer" übersetzt werden könnte, und er bedeutet im Chinesischen: Gold. Ein wahrer Goldjunge soll nun auch in Nordkorea die Herrschaft übernehmen: Kim Jong-un wird Nachfolger seines Vaters Kim Jong-il, Nachfolger seines Vaters Kim il-Sung, Schöpfer der berühmten Juche-Ideologie. Anscheinend hat Kim Jong-un in der Schweiz immerhin Englisch, Deutsch und Französisch studiert. Er galt als schüchtern und soll sich für Skifahren und Basketball interessiert haben. Die idealen Voraussetzungen also für ein Führungsamt, das Fingerspitzengefühl und Vertrauenswürdigkeit erfordert. Dass die Nordkoreaner, die sich derzeit daran freuen können, dass ihr Lands atomare Stärke beweist, den neuen goldenen Führer und Diktatorensohn kaum kennen: geschenkt. Einfach Kim sagen, mit etwas Ehrfurcht in der Stimme, dann passt es schon.

5/27/2009

Blondies

Meine Haare sehen aus wie Strohhalme nach einem Unwetter. Ich versuchte sie, vermessen und in einem Anfall von Wahnsinn, blond zu färben, obwohl ich weiß, dass blond mir nicht steht. Ich schämte mich schrecklich, mit diesem von ca. acht Haarfärbepackungen malträtierten Haar auf die Straße zu gehen. Gleichzeitig schämte ich mich, mir überhaupt über so profane Dinge Gedanken zu machen. Als ich, beschämt, mit meinen ruinierten Haaren, die pissegelb aussahen und oben angesprochene Konsistenz aufwiesen, auf die Straße trat und spazieren ging, machte ich eine Entdeckung: Unzählige Frauen tragen grauenvoll mies gefärbte blonde Haare auf dem Kopf, die ganze Welt wimmelt von Möchtegernblondies mit rausgewaschenen, schlecht sitzenden, strohigen, karamel- bis barbiehaarfarbenen Schöpfen, darunter übrigens auch ein paar Männer. Dann aber stellte ich noch etwas fest: Manche Blondies haben gar keine gefärbten Haare, sie haben von Natur aus blöde Haarfarben und strohige Haare, wehren sich gegen den Konsumzwang, indem sie ihre mausgrau-pseudo-blonden Haare auf sich herumtragen! Das machte mich glücklich: Bei mir sind die hässlichen Haare wenigstens Produkt meines Willens und der künstlichen Veränderung meines Körpers! dachte ich stolz und ging befriedigt nach Hause.

5/25/2009

Gutes, altes Nordkorea

Eins muss man den Nordkoreanern lassen: Sie stehen zu ihrem Wort! Mahnte man noch kürzlich das Recht auf "atomare Selbstverteidigung" an, hat nun die Bombe gezündet! Ein Atomtest wurde durchgeführt, und die Begründung ließ nicht lange auf sich warten: Dies sei "Teil der Maßnahmen, um die nukleare Abschreckung zur Selbstverteidigung zu stärken". Wie üblich reagiert die Europäische Union mit starken Gesten: EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner sagte, ihr würde noch keine offizielle Bestätigung des Tests vorliegen, "aber wenn es so ist, wäre das sicherlich sehr, sehr beunruhigend". Das kann man wohl sagen. Die USA sammeln noch "Informationen", der Sicherheitsrat wird einberufen. Wenn das mal nicht nach einer kraftvollen Antwort auf unseren sympathischen Diktator Kim Jong Il aussieht, die den Guten sicher schnell in seine Schranken weisen wird!

Ich Syndrom, Du Syndrom

Die Erfindung neuer Krankheiten und Syndrome nimmt kein Ende. Nun gibt es seit Neuestem ein "Night Eating Syndrome", das sogar schon eine Abkürzung hat: NES. Dieses Syndrom hat Menschen befallen, die nachts zum Kühlschrank schleichen, um zu essen. Schon 16 Prozent der Deutschen sollen an dieser "psychischen Störung" "leiden", der natürlich ein "Forscherteam" bereits auf der Spur ist. Guten Appetit!

5/17/2009

Propaganda

Vorhin habe ich erfahren, dass ein "Propagandist" keineswegs ein Funktionär im Dienste der alten Sowjetmacht ist. Als ich gestern die Anzeige las "Propagandist/in für Baumarkt auf 400-Euro-Basis gesucht", konnte ich mir noch wenig unter dem Berufsbild vorstellen. Dabei sind Propagandisten, "Handlungsreisende, die zu Demonstrations- und Verkaufszwecken tätig sind". Es gibt, so erfuhr ich ferner, "Hauspropagandisten, die (verkaufsfördernde) Einführungswerbung in privaten Haushalten betreiben", dazu noch "Betriebspropagandisten, die potenzielle Abnehmerbetriebe besuchen", dann "Vorführpropagandisten, die an einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Stand, etwa in einem Kaufhaus, Produkte vorführen" und eine ganze Reihe weiterer Propagandisten. Wobei Vorführpropagandisten also die armen Schweine sind, die immer im Kaufhof stehen und hässliche Schmuck-Ketten mit heiserer Stimme anpreisen, also jene Menschen, die ich um ihren Job am allerwenigsten auf der Welt beneide. Nicht, dass ich irgendwie die alte Sowjetmacht zurückhaben möchte, aber ich stelle mir doch den Propagandisten zu kommunistischen Zeiten als irgendwie würdigeres Berufsbild vor.

5/15/2009

Netto vom Brutto

Während man von den neuen "Netto"-Märkten hört, dass dort Leute mal wieder für Hungerlöhne malochen und dazu in "Ehrlichkeitstests" geprüft werden, warnt die "Mehr Netto vom Brutto"-Partei FDP vor einem "Linksruck" in Deutschland.

5/07/2009

Worte, die uns bleiben

Heute in einem Text folgendes Wort entdeckt: "Stegreif". Es kam mir falsch geschrieben vor. Aber "Stehgreif" sieht auch falsch aus. Ist auch falsch, denn es heißt "Stegreif". Stegreif kommt nur gemeinsam mit "aus dem" vor. Ich stellte mir daher vor, falls ich mir überhaupt etwas vorstellte, Stegreif müsse aus "steh" und "greif" zusammen gesetzt sein. Mir fiel ferner auf, dass ich nie über dieses Wort nachgedacht hatte. Zumindest nicht in den letzten Jahren. Seit 1989 zumindest nicht mehr. 1989 ist eine schöne Zäsur, die immer passt. War ja auch eine Menge los 1989. Kaum einem historischen Ereignis würde man aber bescheinigen, "aus dem Stegreif" gekommen zu sein. Weil man sich Geschichte immer so vorstellt, zumindest inzwischen, dass bestimmte langatmige Prozesse zusammenfallen, ineinanderwirken, Stränge sich überkreuzen etc. Der Stegreif hingegen ist eine veraltete Bezeichnung für den Steigbügel eines Reiters, zusammengesetzt aus den Bestandteilen „steigen“ und „Reif“. Ein richtig sympathisches Wort, um genau zu sein. Denn aus dem Stegreif heißt übertragen "ohne vom Pferd zu steigen". Das Wort hat also mit "greif" nichts zu tun und ist daher viel unschuldiger und weniger kapitalistisch als ich dachte, und viel unschuldiger als ich allemal.

5/06/2009

Naivität

Obgleich eine erwachsene Person, dachte ich heute, eher kindlich, bei der Schlagzeile einer Website "Why I froze my eggs": Hä, Eier kann man einfrieren? Hartgekochte? Und das, obwohl neben der Frau kein Kühlschrank, sondern ein Labor abgebildet war.

Blühende Landschaft Nordkorea

Nordkorea hat aber noch mehr Freunde. Zum Beispiel die drei in Deutschland bestehenden Gruppen des "Freundeskreises der Juche-Ideologie in der Kommunistischen Partei Deutschlands". Sie benennen ganz klar als ihr Ziel, "dazu beizutragen, die Wahrheit über die Koreanische Demokratische Volksrepublik zu verbreiten, um die Lügenpropaganda der kapitalistischen Medien zu durchbrechen." Deswegen gibt es praktischerweise auch gleich eine Kategorie "Lügen" (neben "Bilder", "Tourismus", "Geschichte").
So schreiben die Nordkorea-Freunde von der "KJVD"-Delegation: "Wir sind nicht mit der Erwartung in die KDVR gereist, um dort ein unterentwickeltes, notleidendes und hungerndes Land vorzufinden, wie es die bürgerlichen Medien in unserem Lande den Menschen immer wieder offenbaren. Aber was sich uns schon in den ersten Minuten der Fahrt vom Pyongyanger Flughafen in die Hauptstadt der KDVR zeigte, war ein Land, wo die Baukräne moderne Wohnviertel mit Geschäften, Schulen, Kindereinrichtungen und Kultur- und Sportstätten wachsen lassen, wo auf den Feldern die Bauern der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ihre reiche Ernte einbrachten, wo auf den Straßen keine Bettler und Obdachlosen lungerten, wo die Menschen mit guter Laune und stolz, ohne Zwang, mit erhobenem Haupt zur Arbeit gingen. Uns wurden nicht die Augen verbunden, als uns unsere koreanischen Gastgeber während unseres Aufenthaltes quer durch das Land von einer Sehenswürdigkeit zu anderen fuhren. So erlebten wir ein Land mit unseren Augen und aus einem Blickwinkel heraus, der alle Berichte der bürgerlichen Medien über dieses sozialistische Land Lügen straft."
Blühende Landschaften also in Nordkorea! Glücklich, wer solche Freunde hat.
http://www.kdvr.de/start/start.html

Recht auf Kernenergie

Wenigstens unter manchen Linken hat Nordkorea noch Freunde!
So heißt es auf der Homepage des Linken-Abgeordneten Sedlmeier: "Statt transatlantisch neue Kriege und Liberalisierungen zu planen, sollte Deutsche Außenpolitik Kooperation, Partnerschaft, Ausgleich und Gerechtigkeit mit seinen nahen und fernen Nachbarn suchen." Denn: "Die Imperialistischen Staaten unter Führung der US betreiben eine Politik der Einflßunahme unter Inkaufnahme kriegerischer Eskalation, der entschieden Widerstand entgegengestellt werden muß. Für das Recht aller Nationen auf Kernenergie. Auch das der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik under Islamsichen Republik Iran."
Das hier mit Originalrechtschreibfehlern Geforderte dürfte Friedensfreunde wie Mahmud Ahmadinedschad, Kopf der "Islamsichen Republik" und unseren charmanten Paranoiker Kim Jong Il freuen. Endlich sieht mal jemand die guten Absichten hinter der bösen Fassade! Komisch, dass bei diesem hervorragenden Personal die Umfrageergebnisse für die Linke trotz Krise zu wünschen übrig lassen.
http://www.chris-sedlmair.de/news/index.php?option=com_content&task=category§ionid=6&id=17&Itemid=53

4/25/2009

Charmanter Paranoiker Nordkorea

Wäre Nordkorea, charmantester Widerstandspol gegen die Weltordnung an sich, ein Mensch, würde man ihm wohl bescheinigen, unter paranoider Schizophrenie zu leiden. Schön jedenfalls die aktuelle Begründung zur Wiederaufnahme des Plutonium-Programms: Es müsse "die atomare Abschreckung für die Selbstverteidigung auf jede Weise" verstärkt werden, denn man müsse mit "zunehmenden militärischen Bedrohungen durch feindselige Kräfte fertig werden". Schön daran ist, dass man mit Kräften fertig werden muss, die man durch das eigene Atomprogramm erst auf den Plan ruft. Merkmale der paranoiden Schizophrenie sind "Wahnvorstellungen, Ich-Störungen und akustische Halluzinationen", z.B. befehlende oder kommentierende Stimmen. "Die Wahnvorstellungen können z.B. eine Überwachung oder Fremdbeeinflussung, Kontakt zu 'Außerirdischen' oder 'Göttern' zum Inhalt haben und werden durch eventuell auftretende Halluzinationen verstärkt."

Konsumklick

Im Onlineauftritt der ehrwürdigen alten Zeitungsdame ZEIT steht alles nebeneinander, was mensch so braucht und sucht. Hier kann man wählen zwischen. * Partnersuche * Jobsuche * Immobiliensuche.
Irgendwie hat das noch etwas rührend Konsumverherrlichendes, Vorkrisenhaftes. Als alles noch einen Klick entfernt erreichbar schien: Haus, Auto, Pferd. Respektive Job, Auto, Haus. Oder auch Baum, Auto, Kind. Usw. Was die Partnersuche betrifft, bietet ja eine Schweizer Firma den neuestes Schrei an: Partnersuche per Geruchsprobe. Geruch abgeben, der wird dann in einen absurden Zahlencode übersetzt, und schnell mit ein paar potenziellen Mitriechern und Mitriechenden verglichen. Immerhin entscheidet dann nicht mehr der Status über die Partnerwahl. Schließlich tauchen schweißige Handarbeitende wie Klempner ja in vielen medialen Sex-Phantasien auf. Fertig ist die Traumbeziehung in Zeiten der Krise. Braucht es bloß noch einen Job und eine Immobilie, was heutzutage ja fast schwieriger ist.

4/23/2009

Mythen des Autos

Wer, wie ich, keinen blassen Schimmer hat von Autos, für den sind neueste Meldungen aus dem Reich der Wirtschaftsapokalypse ein Buch mit sieben Siegeln: "Fiat übernimmt Opel" - da denkt sich jemand wie ich: "Halt, Fiat, das sind doch diese kleinen Autos? Wie schaffen die es denn ...?". Und in Gedanken spinne ich dann die Reihe weiter: Mitsubishi übernimmt Citroen, Skoda übernimmt Porsche, Suzuki übernimmt Peugeot. Und dann fällt mir auf, dass die Namen dieser Autos so schön klingen, wie die einiger Kinder nicht. Und daraufhin muss ich daran denken, wie ich einmal, in der 10. Klasse, das Aufsatzthema "Das Auto - des Deutschen liebstes Kind?" wählte. Und mein Deutschlehrer, an meinem Platz vorbeigehend, missbilligend den Kopf schüttelte: Ich hatte mir das Dummy-Thema gewählt, und er traute mir mehr zu. Ich habe dann aber immerhin noch eine zwei plus bekommen.

4/01/2009

Rattenfänger

Dass die "Heimattreue Deutsche Jugend" verboten ist - geht klar. Ist es dazu aber nötig,mal wieder die Metapher von den "Rattenfängern" zu bemühen? So begründete unser Innenminister das Verbot der HDJ damit, "Kinder und Jugendliche" müssten vor diesen "Rattenfängern" geschützt werden. Gerne wird im Zusammenhang mit der rechten Szene auch von den "braunen Rattenfängern" gesprochen. Nun hatte ja der Rattenfänger von Hameln, den es im 13. Jahrhundert gegeben haben soll, die Stadt Hameln zunächst von ihrer Rattenplage befreit, wurde dann aber von den braven Bürgern um seinen Lohn geprellt. Inwiefern aber wurden die "braunen Rattenfänger" um ihren verdienten Lohn wofür betrogen? In der Rattenfänger-Saga jedenfalls flötete jener Rattenfänger von Hameln daraufhin so lieblich, dass ihm die Kinder des Ortes folgten und für immer verschwanden. Nur zwei der Kinder blieben zurück - eines davon war blind. Wenn auch die Parallele zu dem blinden Kind erst recht nun ja, hinterherhinkt, wie selbiges Kind es in der Fabel ja zu seinem Glück tat, so wird das Bild doch erst recht schief, wo es um die süßen Flötentöne geht.
Sind die Parolen der NPD oder der HDJ denn so lieblich und undurchschaubar? In einem Artikel zum HDJ-Verbot heißt es dramatisch: "Es sah aus wie ein Pfadfinderlager. Auf dem Gelände bei Hohen Sprenz in Mecklenburg waren mehrere Zelte im Halbkreis aufgebaut, in der Nähe plätscherte idyllisch ein Bach. Doch was die rechtsextreme "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) hier veranstaltete, war alles andere als friedfertig." Wie also muss man sich das vorstellen mit den armen Verführten: Auf Landkarten das "Memelland" einzeichnen, völkische Lieder singen, sein Geschirr mit Hakenkreuz-Handtüchern abtrocknen, und dann erschreckt ausrufen: "Huch! Ich dachte ich bin im Pfadfinderlager! Und jetzt bin ich bei den Rechten gelandet!" Das Bild von der verführten Unschuld war in Deutschland schon öfter populär. So hieß es in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Deutschen seien mit "Terror und Massenhypnose" überwältigt worden. Schau mir in die Augen, kleine Ratte!

Politisierung des Alltags

Heute am Kühlregal vorbeigelaufen. In der Nähe der Quarks schockiert gestoppt: Trotzki? Als Kräuterquark? Nein, da stand "Zaziki". Das kommt vom zu vielen Lesen.

Die Sprache in Zeiten der Krise

Auch schön: Die Firma plant, "Kurzarbeit zu verlängern".

3/23/2009

Richtige und falsche Namen

Rainer David Precht heißt natürlich Richard. Also, David Precht. Richard David Precht. Rainer hieß der Junge, der mir, als ich mit dreieinhalb Jahren aus dem Hochhaus, wo wir wohnten, auszog, seine Spielzeugpistole schenkte. Ein Teufel, wer Böses dabei denkt (z.B. Militarismus oder Amokläufe), es war eine unschuldige Zeit.
Von manchen Leuten kann man sich die Namen nie merken. Von anderen die Geburtstage. Oder sie sind einmal falsch abgespeichert, und das hält dann. Jahrelang. Jahrzehntelang. Eine sehr gute Freundin hat für mich jahrelang im August Geburtstag gehabt, dabei war es September. Als ich den September drauf hatte, merkte ich mir den falschen Tag. Es ist sogar so, dass ich mir von wirklich sehr guten Freunden die Geburtstage oft schlechter merken kann als von mittelguten. Mit Namen ist das nicht unbedingt der Fall.
Richard David Precht habe ich mir hingegen sicherlich bedingt durch einen leichten Trotz, überhaupt über ihn zu schreiben, falsch gemerkt. Eigentlich wusste ich genau, dass er Richard heißt. Also: David Precht. Richard David Precht. Und Richard ist ein ehrenwerter Mann. Ich meine, der Mann schreibt so banale Sachen und hat so viele Bücher veröffentlicht! Und Geld verdient! Und ich schreibe hier einen ziemlich banalen Blog über Namen und wie sieht es auf meinem Konto aus? Hm?

3/14/2009

Einkaufen mit Karadzic

Nachdem mir neulich der Straßenbahnschaffner auffiel, der wie Ronald Reagan aussah, und ich freundlicherweise darauf hingewiesen wurde, dass es in unserer Stadt auch einen Supermarktkassierer gibt, der wie George W. Bush aussieht, begegnete ich heute Radovan Karadžić beim Einkaufen. Gelassen, grau und leicht mürrisch ging der entsprechende Herr die Einkaufsstraße entlang. So also hätte die Geschichte auch ausgehen können, dachte ich, wenn der Gute Psychiater geblieben wäre. Paar Patienten mit Medikamenten ruhig gestellt, und dann den Samstag beim Einkaufsbummel genossen. Nun also ist stattdessen das Tribunal in Den Haag daraus geworden. Auf youtube kann man die Verteidigungsrede des Ex-Psychiaters anhören:
http://www.youtube.com/watch?v=ASuuB1rgmR0
Auch als Massenverbrecher hat Karadzic noch eine Menge Anhänger. Unter dem Video finden sich einige Kommentare wie dieses: "long live radovan/long live Mladic/Long live REPUBLIKA SRPSKA".
Der Mann heute mittag, der wie Karadzic aussah, wirkte etwas weniger charismatisch. Was weiter aus ihm geworden ist, weiß ich nicht, nur dass er in einen Einrichtungsladen abbog, was mir nicht gerade nach einem anschließenden militärischen Werdegang aussah.

Liebe und Trash

Neulich habe ich das Trash-Format "Papa gesucht" angeschaut und an mir gezweifelt. "Papa gesucht" handelt davon, wie sich alleinerziehende Mütter einen Mann erwählen. Die Serie gehört wie auch "Schwiegertochter gesucht" zur Reihe der schmierigen Nachfolgesendungen von "Bauer sucht Frau".
"Schwiegertochter gesucht" ist weitaus brutaler als "Papa gesucht", denn hier wählen Männer unter Aufsicht ihrer Mamas eine Frau aus. Die properen Muttersöhne ("der romantische Dachdecker", "der sensible Binnenschiffer") versuchen während der Sendung, ihre Kandidatinnen zu beeindrucken, in dem sie sich zu ihrem ersten selbstgekochten Kaffee oder zum Backen einer Fertigpizza durchringen. Man fühlt sich insgesamt in ein Mittelalter der Geschlechterbeziehungen zurückversetzt, denn die jeweilige Schwiegermutter fragt alle zwei Minuten nicht nur, wie die "Sache" denn jetzt aussieht, sondern testet die Fähigkeiten der Kandidatin, zu putzen, zu backen und dem Söhnchen sein Lieblinsgericht vorzusetzen. Einige Frauen suchen dann immerhin während der Sendung verzweifelt das Weite.
Bei "Papa gesucht" geht es moderater zu. Die nach männlicher Liebe ausgehungerten Kinder der Frauen sind weitaus lustiger als die Schwiegermütter, und die männlichen Kandidaten steigen sogar mit in den Haushalt ein. Was mich an mir zweifeln ließ: Von den zwei Kandidaten, die besagte "Mamas" nach Hause einluden, wählten alle Frauen der ersten Staffel jeweils den Kandidaten, den ich auf keinen Fall genommen hätte. Was nicht heißt, dass ich den jeweils anderen Kandidaten hätte haben wollen. Aber es war doch unfassbar, mitanzusehen, wie von den Frauen zielsicher immer wieder der unsympathischere und halbseidenere, schleimigere und aufschneiderischere Mann ausgewählt wurde. Auch nach Status, den die neuere Forschung zur Attraktivität so betont, wählten die Frauen nicht aus: der dubiose "Privatchauffeur" wurde dem netten Rentenversicherungsberater vorgezogen, der Mitte 30jährige "Frührentner" dem soliden Biobauern.
Ja, die Liebe! Ist wirklich ein unfassbares Stück. Da hilft auch der Blick in das neue Buch des beststellernden Super-Philosophen und Quatschkopfs Rainer David Precht zu selbigem Thema nicht. Das startet gleich mit Kalauern a la "Männer wollen auf die Venus und Frauen ein Mars". Haha. Liebe, so Precht, sei ein "Spiegel, in dem sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt". Nun gut. In einem Interview sagt Precht Sätze wie: "Liebe ist eine Laune der Natur – und eine Fehlkonstruktion: denn sie hindert uns daran, den Fortpflanzungstrieb mit vielen auszuleben, was für die Weiterverbreitung aber sinnvoller wäre." Oder: "Zur Liebe gehören immer zwei". Da schaue ich dann lieber weiter Trash-Formate im TV.

Die kulinarische Moderne in Nordkorea

Nordkorea ist nun endlich in der Moderne angekommen - zumindest kulinarisch. Denn gerade hat das erste italienische Restaurant in der Hauptstadt eröffnet. Dafür wurden eigens Köche zu einem Lehrgang nach Neapel geschickt, nachdem ihnen zuvor einige "Fehler" unterlaufen seien. In der kommunistischen Steinzeit hätte man ja bei solchen Fehlern gleich Sabotage gewittert (die Ankläger der Schaupsozesse 1937 in Moskau hatten jedenfalls ein breites Repertoire an Vorwürfen für alle Berufsgruppen parat). Kochkurse statt Kolyma - darauf hätte Stalin auch mal kommen können!
Das Restaurant ist jedenfalls der Gnade des Großen Führes zu verdanken: "General Kim Jong Il wollte, dass auch das Volk Zugang zu weltberühmten Gerichten bekommen sollte", sagte Restaurantchef Kim Sang Soon einer japanischen Zeitung. Und eine Besucherin wird mit den Worten zitiert: "Der Geschmack ist so einzigartig". Die Dame hatte gerade die erste Pizza ihres Lebens gegessen. Früher habe sie von Speisen wie Spaghetti oder Pizza nur durch Bücher und das Fernsehen gehört.
Anna Seghers begann ihren Roman "Transit" mit Reflexionen über die Pizza. Diese sei ein seltsames Ding, man erwarte vom Aussehen her etwas Süßes, und dann sei das Ding salzig. Das war 1944, und Seghers im Exil. Seither hat sich in punkto Gewöhnung an die italienische Küche einiges getan. In meiner Kindheit in einer westdeutschen Kleinstadt gab es in den 80er Jahren zwei Pizzarestaurants, aber noch keinen türkischen Schnellimbiss.
Vielleicht werden also bald die ersten nordkoreanischen Köche in die Türkei geschickt, um Hammel braten zu lernen. Einstweilen wird die eine Hälfte der Nordkoreaner Pizza schlemmen, die andere vermutlich weiter an Lebensmittelengpässen leiden. Immerhin starben noch Ende der 90er Jahre bei einer Hungersnot eine Million Menschen. Wenn also die darbende Bevölkerung den Liebhaber der italinischen Küche Kim demnächst einmal um Essen anbettelt, könnte der einfach sagen: "Ihr habt kein Brot? Dann esst doch Pizza!"

2/18/2009

Zuversicht hat einen Namen: Kim Jong-Il

Dank sei dem Freund meines Freundes, der den Hinweis auf den wunderbaren Korean News Service gab. Dieser Service liefert Nachrichten, die klar machen: Unter der Sonne Koreas ist die Welt noch in Ordnung! Finanzkrise? Rezession? Trübsal blasen? Keine Spur! So heißt es, zuversichtlich, Mut machend und kein bisschen bescheiden, wie es eben so die Art des "größten Führers der gegenwärtigen Ära" ist: "Kim Jong Il, Greatest Leader of Present Era. Pyongyang, February 13 - The Korean people and the world progressives are lauding Kim Jong Il as the greatest leader of the present era who is demonstrating the dignity and the national power of the socialist Korea all over the world and is guiding the cause of independence against imperialism to the victory." Während alle Welt schwammig vom Frieden faselt, spricht man hier in Nordkorea aus, was alle wissen - nur Aufrüstung bringt Stärke. Nicht ganz unbescheiden freut man sich dementsprechend: “Kim Jong Il, who ushered in a new age of the Juche-oriented revolution with his great Songun revolutionary leadership, saw to it that the army building and activities have been undertaken strictly in accordance with the requirements of the Juche idea. He has thus developed the People's Army into an invincible revolutionary strong army and turned the DPRK into a country with world-class military strength.”
Was aber hat das “Juche”, nicht zu verwechseln mit “juchhe!”, was der weltgrößte Leader ja angesichts der militärischen Fortschritte ausrufen könnte, mit der ganzen Sache zu tun? Es handelt sich dabei um nicht weniger als um eine ganz eigene Philosophie. Möchte man mehr darüber erfahren und konsultiert ein Dokument mit dem viel versprechenden Titel "Einige Probleme zum Verständnis der Juche-Ideologie. Nach einem Gespräch mit Parteipropagandisten, 2. April 1974", muss man sich allerdings erstmal die Ohren waschen respektive zusammenstauchen lassen. Mit leiser Ironie und einem Hauch Bitterkeit heißt es: „Vor kurzem erhielt ich von einem Gesellschaftswissenschaftler einen Brief, in dem er seine Meinung bezüglich der Juche-Philosophie darlegte. Seinen Äußerungen nach zu urteilen, hat unsere Fachwelt, so kann man sagen, immer noch keine klaren Vorstellungen von dieser Philosophie.“ Dann aber lässt man uns die süßen Früchte der jahrelangen gedanklichen Arbeit des Großführers kosten, wenn erklärt wird: „Die Juche-Philosophie ist eine neue Weltanschauung, die vom Genossen Kim Il Sung begründet wurde. Sie ist die Philosophie, die ihre vorrangige Aufmerksamkeit auf den Menschen richtet, eine Philosophie, bei deren Verwirklichung und Systematisierung der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass sie eine Philosophie ist, die einfach theoretische Fragen über den Menschen untersucht und klärt. Vielmehr richtet sie bezüglich der Grundfrage der Philosophie ihre größte Aufmerksamkeit auf den Menschen und untermauerte die Ansichten über die Welt mit dem Menschen als Mittelpunkt, die klare Einstellung zur Welt."
Der Mensch machts also - und unsere Zuversicht hat einen Namen: Kim Jong-Il, seines Zeichens größter Führer der gegenwärtigen Ära.

2/08/2009

Arme Schnorrer

Von armen, alternden Punks war ja schon die Rede. Aber auch die Schnorrer sind nicht mehr das, was sie mal waren. Neulich ging ich so in Richtung Supermarkt, da saß ein Typ auf der Straße. Er war jünger als ich, sah ganz nett aus, und er fragte, ob ich ein bisschen Geld für ihn hätte. Ich meinte wahrheitsgetreu, dass ich nur ganz kleines weniges Kleingeld hätte - ich war zudem noch generell ziemlich pleite an diesem Tag, Konto bis zum Dorthinaus überzogen -, und ich sagte dann noch, dass ich ihm also höchstens das ganz kleine Kleingeld geben könne. Fünfzig Cent würden schon zusammenkommen, aber eben nicht mehr.
Der Typ lächelte traurig. Er meinte dann, für mich überraschend: "Ich kauf mir eh nur Alkohol davon!" Als ich verduzt schaute, meinte er: "Kauf mir lieber eine Brezel, da nebenan, dann kaufe ich mir wenigstens keinen Alkohol". Ich war aber zu verblüfft, um seiner Bitte Folge zu leisten. Hat der Arme die Ermahnungen braver Bürger internalisiert, die immer sagen: "Dem geb ich nichts, der kauf eh nur Alkohol!" Wollte er mir den Wind aus den Segeln nehmen? Oder doch tatsächlich eine Brezel? Leider konnte ich meine Verblüffung nicht überwinden. Ich drückte dem armen Schnorrer schnell die ungefähr fünfzig Cent in sehr kleinem Kleingeld in die Hand, murmelte sowas wie "Alkohol is nich gut, das stimmt wohl", und machte mich vom Acker. Schnorrer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, dachte ich.

Ihr Biologisierer der Welt!

Die Biologisierer der Welt, also jene Forscher, die sämtliches Sozialverhalten des Menschen aus biologischen Ursachen herleiten, haben momentan sowas von diskursive Überhand. Nichts gegen die Evolutionsbiologie! Die muss man ja momentan schon wieder gehen durchgeknallte Kreationisten verteidigen. Aber, liebe Damen und Herren Biologisierer, deswegen alles, was Menschen tun, auf biologische Ursachen zurückzuführen, ist das nicht ein bisschen simpel? Das mit den Männern und Frauen kennen wir ja schon lange. Aber es treibt immer bizarrere Blüten. Zum Beispiel: Männer seien gegenüber Frauen spendabler, wenn die ihre fruchtbaren Tage haben. Da frage ich mich dann immer: Wie erforschen die das überhaupt? Fragen die Stripperinnen nach ihrem Eisprung und beobachten dann hinter einem Vorhang sitzend, wie viele Scheine Männer diesen zustecken? Und: Wer finanziert überhaupt so einen Schrott? Neulich las ich einen Artikel in der Zeitung: Das Bedürfnis nach Konformität sei auch biologisch zu erklären. Forscher haben dann unglaublich aufwändige Studien betrieben, mit irre vielen Probanden, um herauszufinden: Menschen verhalten sich konform, weil sie dann ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl haben. Na so was. Manchmal reichen die Erklärungen auch stark ins Menschenverachtende hinein. So will ein Forscher herausgefunden haben, warum sich Menschen altruistisch verhalten und anderen helfen. Das hört sich dann so an: "Die Verwandtenunterstützung ... sichert den Fortbestand eigener Gene." Wie soll ich das verstehen? Wenn mir meine Kusine das nächste Mal wieder ihr Auto ausleiht, soll ich ihr dann entgegentreten und sagen: Ich weiß, was Du willst, Du falsches Stück! Dir geht es nur darum, deine Gene zu sichern! Ihr Biologisierer der Welt - lebt ihr gerne in der Welt, die ihr solcherart entwerft?

1/29/2009

Der Intellektuelle und der Revolutionär

Wenn man heute darüber klagt, dass man als intellektuelles Prekariat ein Schattendasein fristet, darf man nicht übersehen, dass es Intellektuelle in den meisten politischen Systemen nicht gerade leicht hatten. Besonders dann wenn diese von Intellektuellen selbst errichtet worden waren. Schlimm trieben es natürlich die totalitären Diktaturen. Lenin, der am 21. Januar seinen 85. Todestag feierte, rückte Intellektuelle in die Nähe von Ungeziefer. Über die Faschichsten und ihr Verhältnis zu den meisten Intellektuellen ganz zu schweigen, obgleich auch Goebbels ja z.B. links-intellektuelle Ambitionen gehabt hatte, was ihn später von keiner Hetze gegen Leute, die es in dieser Richtung weiter gebracht hatten, abhielt.
Zu Lenins diesjährigem Todestag druckt die in jeder Hinsicht sympathisch rückwärtsgewandte MLPD einfach noch einmal ihren Nachruf von 2004 ab, in dem es heißt:

"Die Kraft, die Lenin im prinzipiellen Kampf gegen alle Feinde des Volkes so siegessicher machte, war sein tiefer Glaube an die Massen des werktätigen Volkes. Lenin war … Intellektueller, aber er hat sich mit den Massen verbunden, er wurde zu einem Teil der Arbeiterklasse, die als fortschrittlichste und führende Klasse allein fähig ist, die menschliche Gesellschaft weiterzuentwickeln. (…) Lenin war mit den Arbeitern eng verbunden. Kein anderer Intellektueller konnte so in die Gedankenwelt der Arbeiter, die vielfach noch einen bäuerlichen Einschlag hatten, eindringen wie Lenin."
Intellektuelle sind also nur dann okay, wenn sie mit den Massen geradezu penetrativ-organisch verbunden sind und selbst zu einem Teil der Arbeiterklasse werden. Wenn nicht, dann können sie als insektengleicher Abschaum gerne mal ein paar Jahre im Gulag verbringen, um zu sehen, wie der einfache Arbeiter sich abschuftet. Warlam Scharlamow beschreibt in seinen Geschichten aus dem stalinistischen Lagersystem, "Durch den Schnee", sehr eindrücklich, dass die Intellektuellen dort am wenigstens Überlebenschancen hatten.

Pol Pot, seines Zeichens studiert und Auslandsstudent (so viel zum heute viel gepriesenden Auslandsstudium!) wollte die Intellektuellen ganz abschaffen und gleich alle Menschen in bäuerliche Proletarier verwandeln.
Ganz so schlimm geht es heute dann doch nicht zu. Zwar
darf man nicht hoffen, dass, sollte jemals ein zuvor jahrelang arbeitsloser Ex-Doktorand der Geisteswissenschaften Kanzler werden, Stellen und Geld über den nun arbeitslosen Ex-Doktoranden ausgeschüttet werden. Ein paar Gelegenheitsjobs und unbezahlte Lehraufträge scheinen allerdings drin zu sein - und immerhin mit zum Besten zu gehören, was die Geschichte bisher so zu bieten hatte.

1/12/2009

Schaffner als Präsidenten

Als ich heute aus der Straßenbahn stieg und diese wieder anfuhr, sah ich, dass der Schaffner wie Ronald Reagan aussah. Einen Moment sinnierte ich darüber, was geschehen wäre, wenn Reagan Straßenbahnfaher geworden wäre. Oder Busfahrer. Woody Allen hat einmal eine sehr schöne Kurzgeschichte geschrieben, die heißt "Wenn die Impressionisten Zahnärzte geworden wären". Van Gogh schreibt darin Briefe an seinen Bruder, in denen er von den "wilden, fliehenden Brücken" berichtet, die er einer Frau eingesetzt hat, diese Spießerin habe sich aber darüber beschwert; und er klagt, er hätte doch eigentlich lieber einen ganz bürgerlichen Beruf wie Maler ergriffen.
Busfahrer ist vielleicht gar nicht so eine schlechte Vorbereitung auf ein Präsidentenamt, denn es hat ja irgendwie auch mit Lenkung zu tun. Wobei Reagan als Schauspieler sicherlich auch nicht ganz schlecht vorbereitet war. Deutsche Kanzler sind ja eher sowas wie Juristen oder Naturwissenschaftler. Auch Obama war Jurist. Obwohl also interessanterweise Obama kein Schauspieler war, bevor er Präsident wurde, wird er nun aber behandelt, als wäre er einer. Er passt problemlos in die Klatschseiten der bunten Zeitschriften und sein Waschbrettbauch kann es mit Brad Pitt ja angeblich auch locker aufnehmen. Ob mein Straßenbahnschaffner auch Ambitionen hegt, von denen keiner was ahnt? Er sah jedenfalls ziemlich erschöpft aus, eher so wie die Reagan-Puppe, die im Genesis-Video "Land of Confusion" aus Müdigkeit aus Versehen einen Atomkrieg auslöst. Weswegen es vielleicht besser ist, wenn der Mann Straßenbahnschaffner bleibt.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...