11/26/2013

Im neuen Jahrhundert - zum Tod von Peter Kurzeck

Sein Schreiben war ein Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit, gegen die Zeit: In Peter Kurzecks Büchern wurde das Leben zur Kunst, jede Minute der Geschichte entborgen, jeder Gegenstand, jedes Blatt und Wort. Kurzeck, 1943 in Tachau in Böhmen geboren, aufgewachsen in Staufenberg, später in Frankfurt wohnhaft und in Südfrankreich, entwarf dazu seine eigene Sprache: kurze Sätze, die in einem ewigen, soghaften Rhythmus dahinflossen. Seine Romane brauchten keinen Plot, keine Handlung im engeren Sinne, sie bildeten ein Leben ab, sein Leben – gezeichnet von Flucht, Alkoholismus, der späten Anerkennung. Dem Großstadtleben, dem Vatersein, scheiternden Beziehungen, bundesdeutschen Zuständen. Und immer war da etwas Ungreifbares, Sehnsüchtiges und Utopisches, dem man als Leser nachjagte, das einen berührte und an diese Texte band, süchtig werden ließ nach diesem in aller Melancholie verheißungsvollen Sound. Kurzeck, dessen erstes Buch Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst 1979 publiziert wurde, hat seinen großen Romanzyklus Das alte Jahrhundert, der ihn letztlich einem etwas breiteren, nie dem großen Publikum bekannt machte und Schilderungen seiner Frankfurter Zeit der 1980er Jahre enthielt, nicht mehr vollendet. Vergangenen Montag starb er, gerade 70jährig. Sage aber niemand, er habe gegen die Zeit verloren – seine Texte haben es nicht. Er zählt zu den großen Schriftstellern des neuen Jahrhunderts.

Weblinks, Nachrufe:
 http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-11/peter-kurzeck-nachruf
 http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122268984/Abschied-von-einem-Erinnerungsarbeiter.html
 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur-peter-kurzeck-ist-tot-12681424.html
 http://www.mittelbayerische.de/nachrichten/kultur/artikel/schriftsteller-peter-kurzeck-ist-tot/988330/schriftsteller-peter-kurzeck-ist-tot.html
 http://www.sueddeutsche.de/kultur/gegenwartsliteratur-peter-kurzeck-ist-tot-1.1828035

10/24/2013

Ins Eck

Stäbe – rot, grün, blau, Zahlenwerte, du legst Menschen, Zäune, Häuser. Du zerstreust sie, in jede Richtung, farbig auf dem Holztisch. Draußen frisst dich das Weiß. Du gehst von einem Torbogen zum anderen, gehst, und der Torbogen ist der Eintritt zur Welt, und immer gehst du zwischen Toren hindurch, bis es kalt wird. Basteln: wie verklebt die Finger vom Uhu, der doch ein Vogel ist. Die Holzklötzchen könnten dir festkleben am Finger. Und der Sportbeutel ist schwer, schwer von den Schuhen, echte Sportschuhe mit dicker Sohle, mit Rillen, keine Schläppchen, schwarz und biegsam, die Ballerinas tragen: Es schlägt dir der Sportbeutel an die Seite, einmal zweimal, zählst du, in die Seite, Seitenhiebe, regelmäßig wie das Schlagen einer Uhr, der alten Uhr im Haus deiner Oma, mit dem Pendel – ein Kinderarm, gefangen hinter dem Glas, der immer auf etwas zeigen möchte und kann nicht raus und kann nicht weg und kommt nicht weiter.

Aber die Blumen auf dem Weg zur Ungargasse sind noch da, die mit den guten und gelben und die mit den bösen Köpfen, bei denen man ans Abreißen denkt, und sie recken ihre Köpfe, um nicht verwechselt zu werden mit dem Unkraut, mit den Gräsern, die sich dort an den Zaun drücken, von dort hast du welche abgerissen, sie im Schulranzen mitgetragten, waren dann schlapp und kleiner, ihre Farbe verblichen, als du sie auf die Platte geklebt habt, ausgeritzt später, ein Relief, das hat sich die Großmutter in den Flur gehängt, neben den Kalender mit Sprüchen von Gott. Sterben die Gräser, hatte ein Kind gefragt.
Vielleicht pflückst du noch Blumen zart, durchsichtig, zeichnen sie sich ab vor dem Weiß, und das Weiß wird dichter und nimmt die Blumen fort. Und es könnte sein, alle Straßen sind nicht mehr Straßen: fremde Wege, hin zu andern Orten, es kann sein, die Stadt ist verschwunden, ist ein Labyrinth, wie du sie selbst gerne malst, wie es dir der Vater gezeigt hat, als er einmal da, einmal wach war, das Bild des Vaters verschwindet aus dem Tag, aus dem Kopf, die Stäbe leuchten nach im Nebel. Leg sie in das Kästchen zurück, die roten oben, und die grünen langsam ins Eck.

9/14/2013

Traumwandlung: Wohnung


Ich bin eine Wohnung und bin in der Wohnung.
Die Wohnung hat einen Holzboden, ein Parkett, ein modernes, wie man es gerade zu haben pflegt in sehr neuen Wohnungen. Es ist eine Wohnung ohne Haus, das heißt, die Wohnung ist frei schwebend. Ein Teil der Wohnung ist eckig, der andere rund. Der runde Teil steht auf Stelzen: ein Halbkreis mit Fenstern. Ein Stück Boden, dann ist alles aus Glas. 
Die Wohnung, die ich bin, hat also einen hellen Teil, der im Sommer sehr schön sein könnte. Doch ist er nicht schön. Denn dieser Teil, der auf einer langen, dünnen, einzigen, riesigen Stelze steht, ist windschief, windschief und schrecklich leer und schwankend. Es ist mir unangenehm, mich in diesem Teil meiner Ich-Wohnung aufzuhalten. Der andere Teil der Wohnung ist verschattet. Es sind Zimmer, große, leere Zimmer. Die ganze Wohnung ist kaum oder gar nicht eingerichtet, nichts in ihr ist wohnlich, gemütlich. Der eckige Teil ist so dunkel, dass mir angst wird. Ich bin vollkommen einsam, und ebenso einsam wandele ich zwischen diesen beiden Teilen umher.

8/04/2013

Traumwandlung



Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.  
Elias Canetti

Hahn
Meine Großmutter steht in einer kleinen Küche, die nach hinten offen ist. Sie trägt eine Schürze und bereitet Essen zu. Neben ihr auf den Boden ist ein lebendiger Hahn. Es ist ein recht kleiner Hahn, schüchtern, mit einem übergroßen roten Kamm. Er schaut mich an, der Hahn, die ich eben zur Küche hereinkomme. Immer wenn Großmutter etwas illustrieren will, packt sie den Hahn am Hals. Er baumelt dann in ihrer Hand, sie zeigt auf diesen oder jenen seiner Körperteile. Dann stellt sie den Hahn wieder auf das Küchenbord, wo er geduldig wartet.
Der Hahn ist nicht für das Essen vorgesehen.
Als meine Großmutter alles zubereitet hat, packt sie den Hahn und schickt sich an, ihm den Kopf abzuhacken. Er sei angeblich vom vielen Zeigen „verbraucht“ und zu nichts mehr nütze.
Nein! schreie ich.
Na gut, sagt meine Großmutter.
Vor lauter Aufregung ist der Hahn, den ich wohl zu packen versucht habe, um ihn zu retten, hinter den glühend heißen Ofen geraten. Ich fasse hinter den Ofen, versuche, des Hahnes habhaft zu werden. Der flattert irre, verbrennt sich, ist eingeklemmt zwischen Wand und Ofen. Immer wieder versuche ich, ihn herauszuziehen, während er, in seiner Irrheit und in seinem Flattern, sich immer mehr versengt. Schließlich halte ich ihn doch in meinem Arm. Er ist ganz zerrupft und verbrannt.
Siehst du, sagt meine Großmutter, nun müssen wir ihn wohl doch schlachten.
Ja, du hast Recht, sage ich.
Wieder nimmt sie ihn, legt ihn auf das Bord, zückt das Beil.
Der Hahn wird größer und größer, sein roter Kamm schwillt an, er wird ein Mensch, er wird mein Vater, Sohn meiner Großmutter, mein Vater mit seinem roten Hut, am Hals hat er schon eine Ritze wie von einem Beil oder Messer, er will um Hilfe rufen, ich sehe es, aber sein Mund ist ein Schnabel noch, und es kommen nur gackernde Laute heraus, „nein“ schreie ich an seiner Stelle, als ich das Beil der Großmutter in der Luft sehe.

Rotten (Kurzgeschichte, Auszug)



Die dicken Mädchen sind wieder am Haus. Wippen mit den Füßen. Stemmen die Arme in die speckigen Hüften, die von den Hosen kaum gehalten werden. Diese Unruhe in ihren Gesichtern, dieses Zucken, das unter der Haut irrlichtet, diese Art zu gehen – mit den Hintern wackelnd, die Schultern eingezogen, wie Pavian: bereit, bei Gefahr auf alle Viere zu gehen. Irgendwann werden sie einbrechen und alles mitnehmen. Sie werden erst Kirschkerne ans Fenster spucken, dann Steine vom Boden aufheben, die es am See reichlich gibt, sie werden die Sehnen ihrer kräftigen kurzen Arme anspannen und mit großer Kraft schmeißen, sich ducken beim Klirren und Splittern der Scheibe.

7/27/2013

Kein Flug

Morgenheiß, Beeren, dicht
Gedrückt am Zaun, raschelt
Es. Schwillt. Blick nur die Hand
An (alle fünf Finger, alle sind
da).

Torbögen, lose, die Häuser ge-
drückt, als tauche sie wer unter 
Wasser, als träte ein Auge dir über 
(Macht man mit Katzen. Immer
noch so).

Im Nacken die Häuser, sie laufen
Dir nach: (kratzen die Sonne), schon
Warst du weg, schon ist Mittag, kehrst
Du um: Schmeckst Schweiß blutig
Im Mund.

Schau tief hinab, schau auch ins Laub:
Klebt noch ein Abdruck da, unter den
Früchten: findest du wieder den Vogel,
(verletzt): hüpft er am Boden, hüpft nur,
Fliegt nie.

7/13/2013

Falsche Freunde

Serienmörder faszinieren. Ihre Taten regen zur Phantasie, ihre Person zur Fiktionalisierung an - so dass im kulturellen Gedächtnis fast kein Unterschied mehr zu bestehen scheint zwischen Charles Manson und "Hannibal Lecter". Leicht geraten literarische oder filmische Produkte dabei in den Sog ihrer eigenen Ästhetik der Gewalt. Der im letzten Jahr erschienene Comic Mein Freund Dahmer, der den Werdengang des Serienkillers Jeffrey Lionel Dahmer nachzeichnet, entzieht sich dieser Gefahr durch Stil und Erzählperspektive.

Dahmer, Sohn eines Physikers, ermordete zwischen 1978 und 1991 mutmaßlich siebzehn junge Männer, an deren Leichen er sich verging. Der Serienkiller begegnet uns im Comic als Schüler - geschildert wird seine Jugend als verschrobener Außenseiter aus der Sicht seines ehemaligen Klassenkameraden Derf Backderf. Nur auf den ersten Blick klammert "Mein Freund Dahmer" dabei die eigentlichen Morde aus. Im lässigen Stil der Underground-Comics der 1970er Jahre bietet das Buch einen grausamen Einblick in die Abgründe menschlicher Einsamkeit und eine unaufgeregte Reflexion darüber, wie Gewalt entsteht - wie aus einem Außenseiter mit quälenden sexuellen Phantasien ein brutaler Killer wird.

6/10/2013

Aus den Untiefen des Supermarkts

Im Supermarkt sah ich zuerst eine monströs dicke Frau mit Laufhilfe in einem hellroten, zeltartigen Kleid. Sie erinnerte mich an eine Figur in einem David-Lynch-Film. Eine Vorbotin! Für was? Zwischen den Bananen tauchte nun eine zweite Frau auf, die zielsicher auf mich zuging. Sie wirkte empört, fast verärgert und sah mich aus alten Augen eindringlich an. Dann sagte sie in einem dumpf klingenden Dialekt: "Ich hätte sie auf der Straße vorhin fast aufgehalten."
Ich versuchte mich zu erinnern: Tatsächlich, jemand war auf der Straße seltsam dicht hinter mir gelaufen. Aber warum? Eine Petition, ein Hilfegesuch? Die Frau sah an mir herab, sie deutete auf meine rutschende Hose und sagte mit großer Bestimmtheit: "Man sah ihren Arsch".
Sie rollte das R dabei. Verstört bog ich ab zum Nudelregal, obgleich ich gar keine Nudeln brauchte.

fluten!

Ans Herz gelegt sei dieser von der letzten großen Flut inspirierte Roman des Autors Jörg Jacob. Dicht und eindringlich erzählt "fluten" die Geschichte eines Mannes, der im Angesicht des steigenden Wassers nicht die Flucht ergreift, sondern ausharrt. Eigentlich bräuchte es keiner erneuten Flutkatastrophe, um auf dieses großartige, 2009 erschienene Buch hinzuweisen.


Jörg Jacob fluten
Erzählung 120 Seiten
KlBr. ISBN 978-3-89812-630-4

Die Flut kommt. Unaufhaltsam. Dunkel und bedrohlich steigt das Wasser. Stufe um Stufe bewegt es sich Carl und seiner Frau entgegen. Der Strom ist längst ausgestellt, die Nachbarn haben sich mit Sandsäcken in ihren Häusern verschanzt, auch Carls Frau hat versucht, das Nötigste zu tun. Aber Carl verweigert sich selbst dann noch allen Gegenmaßnahmen, als die Anwohner bereits mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden – und lässt kommen, was da kommt.
Inspiriert vom Erlebnis des Jahrhunderthochwassers erzählt Jörg Jacob in diesem Prosatext atmosphärisch dicht von einem Mann, dem der natürliche Flucht- und Schutzreflex abhanden gekommen ist. »fluten« ist eine eindrückliche und sorgfältig komponierte Studie über einen Mann in einer Ausnahmesituation, einen Stillhalter, bei dem sich die vielen kleinen Unauffälligkeiten des Alltags zu einem ungeheuerlichen Verhalten ausgewachsen haben und sich spektakulär Raum verschaffen.


6/05/2013

Frau Czerninski Diät

Bei der Frau Czerninski Diät durfte man am Wochenende Schnitzel essen.
Auch Sahnetorte war erlaubt, und Salami. Leicht konnte der Verdacht aufkommen, dass es sich nicht um eine wirkliche Diät handelte, die Frau Czerninsiki selbst erfunden und mit krakeliger Schrift auf zwei Seiten niedergeschrieben hatte, und die nun, kopiert, abgeschrieben, von Hand zu Hand ging. 

Die Schlange der Kunden wurde seit der Erfindung der Frau Czerninski Diät länger und länger, sie zog sich durch den gesamten Laden: von der Theke, hinter der Herr Czerninski mürrisch Brot einpackte, vorbei am Regal mit den Dosen - Ravioli, rot, Reis mit Huhn -, dem Kühlregal - Fleisch- und Wurstwaren -, den einzeln, auch in kleinen Spitztüten zu erwerbenden Süßigkeiten, bis zum Ständer mit den Zeitschriften und Comics am Ausgang: Eine Ausgabe der Gespenstergeschichten war für mich reserviert.

Ich stand schwitzend da. In der Hand hielt ich das Geldstück, das mir meine Mutter mitgegeben hatte. Das Geldstück rutschte herum, es wurde feucht, jeden Moment konnte es sich lösen und aus der Hand auf den glattgewischten Boden oder hinter eines der Regale springen. Das war einmal passiert. Einige von Frau Czerninskis Kunden hatten mit mir gesucht, auf den Knien rutschend unter die Regale geschaut, keuchend hatten sie sich wieder aufgereichtet und mir über das Haar gestrichen: Das Geld war verschwunden geblieben, und ich hatte geweint, was wohl meine Mutter dazu sagt. Die Leute hatten versucht, mich zu beruhigen, meine Mutter müsse doch verstehen, dass so was vorkäme. Es hatte mir gefallen, dass man glaubte, meine Mutter sei streng und kümmere sich um mich und habe unumstößliche Prinzipien, und Tränen waren mir über das Gesicht gelaufen, salzig und echt. 

Der Mann vor mit schwitzte, der Schweiß lief ihm in langen Bahnen aus seinem kurzärmeligen Hemd. In der Schlange die Laute der Menschen, Schweiß, Zusammenrücken, Eikaufskörbe, die klackend aneinanderstießen, das Wort: Diät. Ich starrte auf die Eisbox, ich scherte aus und beugte mich hinunter, zum Kirschwassereis, Florett, mein Rock rutschte nach oben. Jemand beobachtete mich, oder es war die Gier, die sich selbständig gemacht hatte und mir von hinten auf die Schulter tippte, ich fuhr herum. Niemand war mehr im Laden, der Moment des Hinunterbeugens musste lang gedauert haben, ewig, wie eine Erinnerung, wie wenn man unter Wasser die Luft anhält: nun war alles leer, und die Sonne, die durch das Ladenfenster kam, machte den Staub in den Regalen sichtbar - neben den Ravioli klaffte die Leere. Frau Czerniski kassierte mein Eis. Sie nahm mein Geldstück, sah mich misstrauisch an, von unten, wie es mir vorkam, ich musste gewachsen sein, so klein war sie auf einmal.

Als ich aus dem Laden trat, war es hell, die Hellligkeit drang durch meine Lider, die ich unwillkürlich zusammengekniffen hatte. Das Eis: lang und kühl im Mund, ich schob es weit hinauf in den Gaumen, bis ich einen Würgereflex spürte, Tropfen lösten sich, die Kehle hinab, über die Mundwinkel hinaus, so ging ich über den Parkplatz: Beton, Hitze, Staub, in der einen Hand das Wechselgeld, das ich mir selbst verdient hatte, nicht auf die Striche treten. Mit den Sandalen trat ich auf ein Papier, das dort lag, darauf war die Rede von zwei Broten mit fünf Gramm Butter. Erdbeermarmelade, ich sah sie vor mir, sie war sehr rot.

6/03/2013

Dream of Comiczeichnen

Mit süßen jungen 20 oder 21 Jahren strebte ich eine Karriere als Comiczeichnerin an ... es entstanden zahlreiche Strips wie der folgende - bis ich meine begrenzten Möglichkeiten einsah und mich fortan anderen Dingen widmete: wie der Rettung der Welt beispielsweise. Usw.


6/02/2013

Los, iss die Pizza

Halt dich am Computer fest. Keuche. Iss die Pizza, los iss die Pizza, beiß rein, nimm viel Käse dazu, schieb den Knoblauch mit der Zunge im Mund herum, damit sich das Brennen gleichmäßig verteilt. Kein Ekel vor dem schlechten Schinken, zerfetzten Schinken, der dazu gehört, inklusive ist, all inclusive, auch das Gefühl, den Schinken gerne wieder auszuspucken, behalt ihn im Mund. Genieß jetzt das Krosse, Weiche, das ewige Tomatenelement, das heilige Basilikum. Jetzt geh aus dem Zimmer, es ist an der Zeit, prüfe, ob alles noch da ist: Arme und Beine. Bewege zuerst das rechte Bein, dann das linke, oder nein, andersrum, andersrum, Anden-rum (was war das mit den Anden im Schnee … den schneebedeckten Bergen, den Alpakas? Ein Comic, nichts weiter, Donald Duck vermutlich, das Alpaka hatte so eine warme Wolle, die Dagobert für einen Pulli brauchte, es sprang dann auf einem Dach herum … fang nicht an zu frieren jetzt, es ist warm genug, dein Puls geht ruhig). 

Ignorier die Dreckverkrustung, du brauchst einen Tee dazu, Tee zur Pizza. Sieh beim Öffnen, beim Wassereinfüllen, nicht zu tief hinein, du hast das schon mal gemacht, tief hineingesehen in den alten Teekocher, metallfarben, Dreckschlieren, Kalk, ein Mitbewohner hat ihn dir hinterlassen (ihm hingen immer die Haare im Gesicht, pustete er sie in die Luft … Einmal lagt ihr ganz nahe herum in der Küche, Backe an Back auf dem Küchentisch, die Wohnung voller Lachen und Pfützen vom Regen der Leute, die längst gegangen waren, rausgetröpfelt, da hat er auf einmal über deine Wange gestrichen, ganz zart, mit der rechten, nach Zigarette riechenden Hand). Press Zitrone in den Tee, drücke sie, während der Kocher an ist, tief in die Zitronenpresse - blau, mit schrundigem Rand -, fasse dann mit der Hand hinein, in die Überreste der ausgewrungenen Zitrone, die Zitrone ist der von der Pizza am weitesten entfernte Pol, du bist von allem der am weitesten entfernte Pol auf der Welt, der Bildschirm leuchtet, und du fliegst los.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...