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Es werden Posts vom 2013 angezeigt.

Im neuen Jahrhundert - zum Tod von Peter Kurzeck

Sein Schreiben war ein Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit, gegen die Zeit: In Peter Kurzecks Büchern wurde das Leben zur Kunst, jede Minute der Geschichte entborgen, jeder Gegenstand, jedes Blatt und Wort. Kurzeck, 1943 in Tachau in Böhmen geboren, aufgewachsen in Staufenberg, später in Frankfurt wohnhaft und in Südfrankreich, entwarf dazu seine eigene Sprache: kurze Sätze, die in einem ewigen, soghaften Rhythmus dahinflossen. Seine Romane brauchten keinen Plot, keine Handlung im engeren Sinne, sie bildeten ein Leben ab, sein Leben – gezeichnet von Flucht, Alkoholismus, der späten Anerkennung. Dem Großstadtleben, dem Vatersein, scheiternden Beziehungen, bundesdeutschen Zuständen. Und immer war da etwas Ungreifbares, Sehnsüchtiges und Utopisches, dem man als Leser nachjagte, das einen berührte und an diese Texte band, süchtig werden ließ nach diesem in aller Melancholie verheißungsvollen Sound. Kurzeck, dessen erstes Buch Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst 1…

Ins Eck

Stäbe – rot, grün, blau, Zahlenwerte, du legst Menschen, Zäune, Häuser. Du zerstreust sie, in jede Richtung, farbig auf dem Holztisch. Draußen frisst dich das Weiß. Du gehst von einem Torbogen zum anderen, gehst, und der Torbogen ist der Eintritt zur Welt, und immer gehst du zwischen Toren hindurch, bis es kalt wird. Basteln: wie verklebt die Finger vom Uhu, der doch ein Vogel ist. Die Holzklötzchen könnten dir festkleben am Finger. Und der Sportbeutel ist schwer, schwer von den Schuhen, echte Sportschuhe mit dicker Sohle, mit Rillen, keine Schläppchen, schwarz und biegsam, die Ballerinas tragen: Es schlägt dir der Sportbeutel an die Seite, einmal zweimal, zählst du, in die Seite, Seitenhiebe, regelmäßig wie das Schlagen einer Uhr, der alten Uhr im Haus deiner Oma, mit dem Pendel – ein Kinderarm, gefangen hinter dem Glas, der immer auf etwas zeigen möchte und kann nicht raus und kann nicht weg und kommt nicht weiter.

Aber die Blumen auf dem Weg zur Ungargasse sind noch da, die mit den…

Traumwandlung: Wohnung

Ich bin eine Wohnung und bin in der Wohnung.
Die Wohnung hat einen Holzboden, ein Parkett, ein modernes, wie man es gerade zu haben pflegt in sehr neuen Wohnungen. Es ist eine Wohnung ohne Haus, das heißt, die Wohnung ist frei schwebend. Ein Teil der Wohnung ist eckig, der andere rund. Der runde Teil steht auf Stelzen: ein Halbkreis mit Fenstern. Ein Stück Boden, dann ist alles aus Glas.  Die Wohnung, die ich bin, hat also einen hellen Teil, der im Sommer sehr schön sein könnte. Doch ist er nicht schön. Denn dieser Teil, der auf einer langen, dünnen, einzigen, riesigen Stelze steht, ist windschief, windschief und schrecklich leer und schwankend. Es ist mir unangenehm, mich in diesem Teil meiner Ich-Wohnung aufzuhalten. Der andere Teil der Wohnung ist verschattet. Es sind Zimmer, große, leere Zimmer. Die ganze Wohnung ist kaum oder gar nicht eingerichtet, nichts in ihr ist wohnlich, gemütlich. Der eckige Teil ist so dunkel, dass mir angst wird. Ich bin vollkommen einsam, und ebenso …

Kein Flug

Morgenheiß, Beeren, dicht
Gedrückt am Zaun, raschelt Es. Schwillt. Blick nur die Hand An (alle fünf Finger, alle sind da).
Torbögen, lose, die Häuser ge- drückt, als tauche sie wer unter  Wasser, als träte ein Auge dir über  (Macht man mit Katzen. Immer noch so).
Im Nacken die Häuser, sie laufen Dir nach: (kratzen die Sonne), schon Warst du weg, schon ist Mittag, kehrst Du um: Schmeckst Schweiß blutig Im Mund.
Schau tief hinab, schau auch ins Laub: Klebt noch ein Abdruck da, unter den Früchten: findest du wieder den Vogel, (verletzt): hüpft er am Boden, hüpft nur, Fliegt nie.

Falsche Freunde

Serienmörder faszinieren. Ihre Taten regen zur Phantasie, ihre Person zur Fiktionalisierung an - so dass im kulturellen Gedächtnis fast kein Unterschied mehr zu bestehen scheint zwischen Charles Manson und "Hannibal Lecter". Leicht geraten literarische oder filmische Produkte dabei in den Sog ihrer eigenen Ästhetik der Gewalt. Der im letzten Jahr erschienene Comic Mein Freund Dahmer, der den Werdengang des Serienkillers Jeffrey Lionel Dahmer nachzeichnet, entzieht sich dieser Gefahr durch Stil und Erzählperspektive.

Dahmer, Sohn eines Physikers, ermordete zwischen 1978 und 1991 mutmaßlich siebzehn junge Männer, an deren Leichen er sich verging. Der Serienkiller begegnet uns im Comic als Schüler - geschildert wird seine Jugend als verschrobener Außenseiter aus der Sicht seines ehemaligen Klassenkameraden Derf Backderf. Nur auf den ersten Blick klammert "Mein Freund Dahmer" dabei die eigentlichen Morde aus. Im lässigen Stil der Underground-Comics der 1970er Jahre bie…

Aus den Untiefen des Supermarkts

Im Supermarkt sah ich zuerst eine monströs dicke Frau mit Laufhilfe in einem hellroten, zeltartigen Kleid. Sie erinnerte mich an eine Figur in einem David-Lynch-Film. Eine Vorbotin! Für was? Zwischen den Bananen tauchte nun eine zweite Frau auf, die zielsicher auf mich zuging. Sie wirkte empört, fast verärgert und sah mich aus alten Augen eindringlich an. Dann sagte sie in einem dumpf klingenden Dialekt: "Ich hätte sie auf der Straße vorhin fast aufgehalten."
Ich versuchte mich zu erinnern: Tatsächlich, jemand war auf der Straße seltsam dicht hinter mir gelaufen. Aber warum? Eine Petition, ein Hilfegesuch? Die Frau sah an mir herab, sie deutete auf meine rutschende Hose und sagte mit großer Bestimmtheit: "Man sah ihren Arsch".
Sie rollte das R dabei. Verstört bog ich ab zum Nudelregal, obgleich ich gar keine Nudeln brauchte.

fluten!

Ans Herz gelegt sei dieser von der letzten großen Flut inspirierte Roman des Autors Jörg Jacob. Dicht und eindringlich erzählt "fluten" die Geschichte eines Mannes, der im Angesicht des steigenden Wassers nicht die Flucht ergreift, sondern ausharrt. Eigentlich bräuchte es keiner erneuten Flutkatastrophe, um auf dieses großartige, 2009 erschienene Buch hinzuweisen.


Jörg Jacob fluten
Erzählung 120 Seiten
KlBr. ISBN 978-3-89812-630-4

Die Flut kommt. Unaufhaltsam. Dunkel und bedrohlich steigt das Wasser. Stufe um Stufe bewegt es sich Carl und seiner Frau entgegen. Der Strom ist längst ausgestellt, die Nachbarn haben sich mit Sandsäcken in ihren Häusern verschanzt, auch Carls Frau hat versucht, das Nötigste zu tun. Aber Carl verweigert sich selbst dann noch allen Gegenmaßnahmen, als die Anwohner bereits mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden – und lässt kommen, was da kommt.
Inspi…

Frau Czerninski Diät

Bei der Frau Czerninski Diät durfte man am Wochenende Schnitzel essen.
Auch Sahnetorte war erlaubt, und Salami. Leicht konnte der Verdacht aufkommen, dass es sich nicht um eine wirkliche Diät handelte, die Frau Czerninsiki selbst erfunden und mit krakeliger Schrift auf zwei Seiten niedergeschrieben hatte, und die nun, kopiert, abgeschrieben, von Hand zu Hand ging. 

Die Schlange der Kunden wurde seit der Erfindung der Frau Czerninski Diät länger und länger, sie zog sich durch den gesamten Laden: von der Theke, hinter der Herr Czerninski mürrisch Brot einpackte, vorbei am Regal mit den Dosen - Ravioli, rot, Reis mit Huhn -, dem Kühlregal - Fleisch- und Wurstwaren -, den einzeln, auch in kleinen Spitztüten zu erwerbenden Süßigkeiten, bis zum Ständer mit den Zeitschriften und Comics am Ausgang: Eine Ausgabe der Gespenstergeschichten war für mich reserviert.
Ich stand schwitzend da. In der Hand hielt ich das Geldstück, das mir meine Mutter mitgegeben hatte. Das Geldstück rutschte herum, es wu…

Dream of Comiczeichnen

Mit süßen jungen 20 oder 21 Jahren strebte ich eine Karriere als Comiczeichnerin an ... es entstanden zahlreiche Strips wie der folgende - bis ich meine begrenzten Möglichkeiten einsah und mich fortan anderen Dingen widmete: wie der Rettung der Welt beispielsweise. Usw.


Los, iss die Pizza

Halt dich am Computer fest. Keuche. Iss die Pizza, los iss die Pizza, beiß rein, nimm viel Käse dazu, schieb den Knoblauch mit der Zunge im Mund herum, damit sich das Brennen gleichmäßig verteilt. Kein Ekel vor dem schlechten Schinken, zerfetzten Schinken, der dazu gehört, inklusive ist, all inclusive, auch das Gefühl, den Schinken gerne wieder auszuspucken, behalt ihn im Mund. Genieß jetzt das Krosse, Weiche, das ewige Tomatenelement, das heilige Basilikum. Jetzt geh aus dem Zimmer, es ist an der Zeit, prüfe, ob alles noch da ist: Arme und Beine. Bewege zuerst das rechte Bein, dann das linke, oder nein, andersrum, andersrum, Anden-rum (was war das mit den Anden im Schnee … den schneebedeckten Bergen, den Alpakas? Ein Comic, nichts weiter, Donald Duck vermutlich, das Alpaka hatte so eine warme Wolle, die Dagobert für einen Pulli brauchte, es sprang dann auf einem Dach herum … fang nicht an zu frieren jetzt, es ist warm genug, dein Puls geht ruhig). 

Ignorier die Dreckverkrustung, du br…