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Kafka im Geschäft oder: Supermarkt als Utopie II

Neulich habe ich mich durchgerungen, mir einen Kalender für das Jahr 2009 zu besorgen. Nach langem Zaudern kaufte ich einen bunten Kalender, der ziemlich billig war. Beim Bezahlen fragte die Verkäuferin: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender gerade im Angebot sind?" Dies erschein mir umso absurder, als ich gerade einen Kalender gekauft hatte. Wollte sie mir damit sagen, ich hätte den Kalender sonst teurer gekauft? Oder mich dazu drängen, einen zweiten Kalender für 2009 zu erwerben? Am nächsten Tag erstand ich zwei Stifte, und die Verkäuferin sagte wieder, ebenso freundlich lächelnd wie am Tag zuvor: "Haben Sie bemerkt, dass unsere Kalender im Angebot sind?"
Da erst wurde mir beswusst, dass ihr merkwürdiges Gebaren Teil moderner Marketingstrategie war, die mir nun schon öfter aufgefallen ist. Verkäufer in Geschäften, sogar in Supermärkten, sollen Kunden auf besondere Angebote hinweisen. Dies beschämt mich immer sehr. Ganz anders ein kleiner, abgefuckter Supermarkt in meiner Nähe, über den ich im ersten Teil von "Supermarkt als Utopie" schrieb: "Der Supermarkt bei mir um die Ecke verkörpert die in Franz Kafkas "Amerika" gezeichnete Utopie einer Welt, in der für jeden Menschen Platz ist." Tatsächlich würde dort niemand auf die Idee kommen, ein Produkt auch noch anzupreisen. Im Gegenteil sagte gestern die blonde Kassiererin zu einem Mann, der zwei Flaschen Jägermeister kaufte: "Igitt, wie kann man das Zeug nur saufen!" Recht hat sie. Der Mann kicherte traurig. Er war Alkoholiker, und anscheinend in einem Stadium, wo ihm bereits alles egal war.
Auch heute morgen hat sich wieder bestätigt, dass Warenhäuser auch in unserer heutigen Welt ohne ökonomischen Eifer bestehen können: Ich kam um 8.10 bei besagtem Supermarkt an, um Brötchen zu erwerben, und der Supermarkt war dunkel. Niemand da. Ich las das Schild an der Eingangstür mehrmals durch: Öffnungszeiten: 8-19 Uhr. Ich wartete, aber niemand war zu sehen. Also ging ich nebenan in den Zeitungsladen und kaufte zwei Zeitungen. Ich zeigte auf den Supermarkt, der immer noch im Dunkeln lag und fragte den älteren, arabischen Verkäufer, ob der Markt heute geschlossen sei. Er sagte: Nein, die seien nur manchmal zu spät dran. Er lächelte hintergründung.

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