9/16/2016

Wasserbombe (Aus: Dinge als Kind)


Eine Wasserbombe kam von ganz oben. Wir standen unten, um sie aufzufangen, wir wurden freiwillig nass. Ganz oben standen die Bombenwerfer, sie sahen riesig aus, oben: Das war auf dem Felsen, wir standen unten in einem ausgebaggerten Tal. Wenn die Wasserbombe nicht gefangen wurde, zerschellte sie und spritzte, entleerte sich auf uns.Die Kinderfreizeit wurde von einer religiösen Gemeinschaft veranstaltet. Ich war zufällig reingeraten. Hatte meine Strichtasche gepackt, die weiße mit dem roten großen Knopf, und war losgegangen. In der Kindergruppe lernten wir die Bibel kennen. Wir durften durchsichtige Figuren der Bibelgeschichten auf einer Tafel zuordnen, wir sangen Lieder, nach dem Bibelkreis durften wir andere Dinge spielen. Die Leiterin sah aus wie eine Nonne, sie trug ein Tuch eng um den Kopf. Schwester Manuela hatte keinen Mann, sie ging auf Mission, wenn sie das Zimmer betrat, wehte eine andere Welt herein, in der es gut und böse gab, vielleicht Abenteuer in Afrika, in der es einen festen Glauben gab an etwas: an Gott, und an einen selbst, der an Gott glaubt.
Ich war ein unsicheres Kind, ich kaute meine Nägel. War schüchtern. Dinge bedrückten mich rasch, machten mich nervös. Mit anderen Kindern kam ich gut aus, aber wenn sie zu laut waren, bekam ich Angst. Die Kinder in der Kindergruppe waren ein merkwürdiger Haufen. Niemand war zugezogen, wie man sagte, wie ich. Aber kaum eines der Kinder kam aus einer religiösen Familie. Sie waren da alle auch so reingeraten, zufällig, sie kannten sich mit der Bibel noch weniger aus als ich, sie lernten widerwillig und merkten sich die Dinge kaum, es interessierte sie gar nicht, sie wollte immer Flüsterpost spielen und Fangen und kicherten viel. Sie schienen mir irgendwann wie ein verschworener Haufen, ihre Eltern schon kannten sich, sie alle waren aus dem Ort. Wie sie alle dazu gekommen waren, immer dienstags am Nachmittag zu Schwester Manuelas Kindergruppe zu stoßen, davon habe ich keine Ahnung. Sie waren dabei, sie waren da, und ich war auch dabei, mehrere Jahre. Und eines Tages sprach Schwester Manuela von der Freizeit. Sie fand ein paar Stunden weit weg statt, aber ich habe die Fahrt nicht mehr vor Augen, ich kann mich nicht daran erinnern, wie wir in den Bus stiegen, ob wir Orangesaft in Plastiktüten dabei hatten, klebrige Brote und mehlige Äpfel. Ich weiß nur, dass die Freizeit in einer Landschaft stattfand, die wie eine Wüste aussah: mit wilden Felsen, viel Sand, und es war sehr heiß an diesem Tag. Mir lief der Schweiß. Ich trug eine kurze Hose, die in die Oberschenkel einschnitt.

Schwester Manuela selbst leitete einige der Spiele, aber dort waren auch viele andere Erwachsene und Kinder – wo kamen sie her? Es gab viele Stationen, und man trug eine Karte um den Hals. Für jede Station gab es ein Häkchen und Punkte, es galt , alle Stationen abzuhaken. Man konnte etwas gewinnen, aber ich habe vergessen, was. Es stand außer Frage, bei etwas nicht mitzumachen, und ich machte bei allem mit. Ballweitwürfen, den Wasserbomben, vielleicht  gab es auch Stelzenlaufen. Bei Schwester Manuela durfte man eine Geschichte schreiben. Sie wartete auf die Kinder in einem Raum unter freien Himmel, der Raum war durch Pappwände begrenzt. Oder vielleicht gab es sie wegen der Sonne. Später sagte sie uns, dass sie abgelöst würde in der Kindergruppe, sagte es mit tapferem Bedauern, ihr Nachfolger sei ausgebildet, im Missionshaus. Er sei ein viel besserer Kindergruppenleiter als sie, aber das sollte nicht stimmen. Er nahm Kinder auf die Schultern, und er strich sich immer die Spucke in einer kleinen Geste mit Daumen und Zeigefinger aus dem Mundwinkel, was ich imitierte und was mir als Zwang über Jahre blieb.
Als Schwester Manuelas Nachfolger uns Dias zeigte, in denen es hieß, dass wir wie kleine Vögel seien, und wenn wir aus dem Nest fielen, dann würde uns die große Hand Gottes wieder aufheben, sagte ich: „Aber man darf kleine Vögel nicht aufheben. Sie werden dann von ihren Eltern nicht mehr akzeptiert.“ Der Nachfolger von Schwester Manuela schaute mich missbilligend an. Er antwortete nicht. Daraufhin bin ich nie mehr in die Kindergruppe gegangen. Er schrieb mir einen Brief auf einem Bogen mit einem Regenbogen, es war eines der grauen Umweltpapiere, die es damals gab, die erste, raue Generation, er würde sich so freuen, wenn ich zu ihm zurückfinden würde, in die Gruppe, und zu Gott. Ich zerriss den Brief und streute seine Überreste hinter das Bett. Vermutlich hat meine Mutter in den Jahren nach meinem Auszug öfter gesaugt, sonst würden die Schnipsel dort noch immer liegen.

Am Tag der Kinderfreizeit machten die Wasserbomben am meisten Spaß. Am wichtigsten aber war mir das Schreiben in Schwester Manuelas Pappraum in der Wüste. Ich war stolz und glaubte, meine Geschichte wäre die beste. Es ging, denke ich, um Gott. Schließlich musste man das Kerngeschäft auch ein wenig betreiben. An diesem Tag dachte ich nicht so viel an Gott, nur ein wenig. Ich war ganz dabei, lachte laut, als die Wasserbombe zerplatzte und ich nass wurde, mein Oberteil, die kurze Hose, alles trocknete rasch in der Sonne. Ich erinnere mich überhaupt nicht an die anderen Kinder, an kein einziges. Nur an mich selbst. An mich und Schwester Manuela in dem Pappraum, und wie ich schrieb und schrieb und schrieb, viel zu lange und viel zu viel, und ich war so sicher, dass sie beeindruckt sein würde, ich schrieb nicht für Gott, sondern für sie.

Orangenfarmer

Freue mich über den unlängst erschienenen Band "Von Aprikosen und Angsthasen" des Fördervereins deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg. Darin: meine Kurzgeschichte "Orangenfarmer" -- vom Ende der Utopien.

"Vom Wohnzimmer aus werdet ihr auf den Orangenhain sehen. Ihr werdet dort sitzen, wenn Regen fällt. Wenn es heiß wird. Manche mit angezogenen Beinen. Leise sprechen werdet ihr, mit angehaltenem Atem. Zeit ist keine Zeit: aus dem Zusammenhang gefallene Stunden.
So spricht der Farmer zu uns, und immer ist das Mädchen an seiner Seite. Orangenfarmer, so nennt mein Bruder den in fließende Gewänder mit Schlangemuster gekleideten Mann, dessen wettergegerbtes Gesicht seine Geschichten zu beglaubigen scheint. Klar stehen sie vor uns, wie die Adern an seinen Armen, zeichnen sich ab in der Dunkelheit der Gänge und noch vor den helleren Fenstern, wo es immer nach Zimt riecht, nach Ferne und nach dem Traum vom Orangenhain, den wir alle teilen."

Orangenfarmer, in: Von Aprikosen und Angsthasen. Ausgewählte Stipendiatentexte, hrsg. von Astrid Braun für den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, Bretten 2016, S. 91-100. Erhältlich hier.

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