5/27/2009

Blondies

Meine Haare sehen aus wie Strohhalme nach einem Unwetter. Ich versuchte sie, vermessen und in einem Anfall von Wahnsinn, blond zu färben, obwohl ich weiß, dass blond mir nicht steht. Ich schämte mich schrecklich, mit diesem von ca. acht Haarfärbepackungen malträtierten Haar auf die Straße zu gehen. Gleichzeitig schämte ich mich, mir überhaupt über so profane Dinge Gedanken zu machen. Als ich, beschämt, mit meinen ruinierten Haaren, die pissegelb aussahen und oben angesprochene Konsistenz aufwiesen, auf die Straße trat und spazieren ging, machte ich eine Entdeckung: Unzählige Frauen tragen grauenvoll mies gefärbte blonde Haare auf dem Kopf, die ganze Welt wimmelt von Möchtegernblondies mit rausgewaschenen, schlecht sitzenden, strohigen, karamel- bis barbiehaarfarbenen Schöpfen, darunter übrigens auch ein paar Männer. Dann aber stellte ich noch etwas fest: Manche Blondies haben gar keine gefärbten Haare, sie haben von Natur aus blöde Haarfarben und strohige Haare, wehren sich gegen den Konsumzwang, indem sie ihre mausgrau-pseudo-blonden Haare auf sich herumtragen! Das machte mich glücklich: Bei mir sind die hässlichen Haare wenigstens Produkt meines Willens und der künstlichen Veränderung meines Körpers! dachte ich stolz und ging befriedigt nach Hause.

5/25/2009

Gutes, altes Nordkorea

Eins muss man den Nordkoreanern lassen: Sie stehen zu ihrem Wort! Mahnte man noch kürzlich das Recht auf "atomare Selbstverteidigung" an, hat nun die Bombe gezündet! Ein Atomtest wurde durchgeführt, und die Begründung ließ nicht lange auf sich warten: Dies sei "Teil der Maßnahmen, um die nukleare Abschreckung zur Selbstverteidigung zu stärken". Wie üblich reagiert die Europäische Union mit starken Gesten: EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner sagte, ihr würde noch keine offizielle Bestätigung des Tests vorliegen, "aber wenn es so ist, wäre das sicherlich sehr, sehr beunruhigend". Das kann man wohl sagen. Die USA sammeln noch "Informationen", der Sicherheitsrat wird einberufen. Wenn das mal nicht nach einer kraftvollen Antwort auf unseren sympathischen Diktator Kim Jong Il aussieht, die den Guten sicher schnell in seine Schranken weisen wird!

Ich Syndrom, Du Syndrom

Die Erfindung neuer Krankheiten und Syndrome nimmt kein Ende. Nun gibt es seit Neuestem ein "Night Eating Syndrome", das sogar schon eine Abkürzung hat: NES. Dieses Syndrom hat Menschen befallen, die nachts zum Kühlschrank schleichen, um zu essen. Schon 16 Prozent der Deutschen sollen an dieser "psychischen Störung" "leiden", der natürlich ein "Forscherteam" bereits auf der Spur ist. Guten Appetit!

5/17/2009

Propaganda

Vorhin habe ich erfahren, dass ein "Propagandist" keineswegs ein Funktionär im Dienste der alten Sowjetmacht ist. Als ich gestern die Anzeige las "Propagandist/in für Baumarkt auf 400-Euro-Basis gesucht", konnte ich mir noch wenig unter dem Berufsbild vorstellen. Dabei sind Propagandisten, "Handlungsreisende, die zu Demonstrations- und Verkaufszwecken tätig sind". Es gibt, so erfuhr ich ferner, "Hauspropagandisten, die (verkaufsfördernde) Einführungswerbung in privaten Haushalten betreiben", dazu noch "Betriebspropagandisten, die potenzielle Abnehmerbetriebe besuchen", dann "Vorführpropagandisten, die an einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Stand, etwa in einem Kaufhaus, Produkte vorführen" und eine ganze Reihe weiterer Propagandisten. Wobei Vorführpropagandisten also die armen Schweine sind, die immer im Kaufhof stehen und hässliche Schmuck-Ketten mit heiserer Stimme anpreisen, also jene Menschen, die ich um ihren Job am allerwenigsten auf der Welt beneide. Nicht, dass ich irgendwie die alte Sowjetmacht zurückhaben möchte, aber ich stelle mir doch den Propagandisten zu kommunistischen Zeiten als irgendwie würdigeres Berufsbild vor.

5/15/2009

Netto vom Brutto

Während man von den neuen "Netto"-Märkten hört, dass dort Leute mal wieder für Hungerlöhne malochen und dazu in "Ehrlichkeitstests" geprüft werden, warnt die "Mehr Netto vom Brutto"-Partei FDP vor einem "Linksruck" in Deutschland.

5/07/2009

Worte, die uns bleiben

Heute in einem Text folgendes Wort entdeckt: "Stegreif". Es kam mir falsch geschrieben vor. Aber "Stehgreif" sieht auch falsch aus. Ist auch falsch, denn es heißt "Stegreif". Stegreif kommt nur gemeinsam mit "aus dem" vor. Ich stellte mir daher vor, falls ich mir überhaupt etwas vorstellte, Stegreif müsse aus "steh" und "greif" zusammen gesetzt sein. Mir fiel ferner auf, dass ich nie über dieses Wort nachgedacht hatte. Zumindest nicht in den letzten Jahren. Seit 1989 zumindest nicht mehr. 1989 ist eine schöne Zäsur, die immer passt. War ja auch eine Menge los 1989. Kaum einem historischen Ereignis würde man aber bescheinigen, "aus dem Stegreif" gekommen zu sein. Weil man sich Geschichte immer so vorstellt, zumindest inzwischen, dass bestimmte langatmige Prozesse zusammenfallen, ineinanderwirken, Stränge sich überkreuzen etc. Der Stegreif hingegen ist eine veraltete Bezeichnung für den Steigbügel eines Reiters, zusammengesetzt aus den Bestandteilen „steigen“ und „Reif“. Ein richtig sympathisches Wort, um genau zu sein. Denn aus dem Stegreif heißt übertragen "ohne vom Pferd zu steigen". Das Wort hat also mit "greif" nichts zu tun und ist daher viel unschuldiger und weniger kapitalistisch als ich dachte, und viel unschuldiger als ich allemal.

5/06/2009

Naivität

Obgleich eine erwachsene Person, dachte ich heute, eher kindlich, bei der Schlagzeile einer Website "Why I froze my eggs": Hä, Eier kann man einfrieren? Hartgekochte? Und das, obwohl neben der Frau kein Kühlschrank, sondern ein Labor abgebildet war.

Blühende Landschaft Nordkorea

Nordkorea hat aber noch mehr Freunde. Zum Beispiel die drei in Deutschland bestehenden Gruppen des "Freundeskreises der Juche-Ideologie in der Kommunistischen Partei Deutschlands". Sie benennen ganz klar als ihr Ziel, "dazu beizutragen, die Wahrheit über die Koreanische Demokratische Volksrepublik zu verbreiten, um die Lügenpropaganda der kapitalistischen Medien zu durchbrechen." Deswegen gibt es praktischerweise auch gleich eine Kategorie "Lügen" (neben "Bilder", "Tourismus", "Geschichte").
So schreiben die Nordkorea-Freunde von der "KJVD"-Delegation: "Wir sind nicht mit der Erwartung in die KDVR gereist, um dort ein unterentwickeltes, notleidendes und hungerndes Land vorzufinden, wie es die bürgerlichen Medien in unserem Lande den Menschen immer wieder offenbaren. Aber was sich uns schon in den ersten Minuten der Fahrt vom Pyongyanger Flughafen in die Hauptstadt der KDVR zeigte, war ein Land, wo die Baukräne moderne Wohnviertel mit Geschäften, Schulen, Kindereinrichtungen und Kultur- und Sportstätten wachsen lassen, wo auf den Feldern die Bauern der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ihre reiche Ernte einbrachten, wo auf den Straßen keine Bettler und Obdachlosen lungerten, wo die Menschen mit guter Laune und stolz, ohne Zwang, mit erhobenem Haupt zur Arbeit gingen. Uns wurden nicht die Augen verbunden, als uns unsere koreanischen Gastgeber während unseres Aufenthaltes quer durch das Land von einer Sehenswürdigkeit zu anderen fuhren. So erlebten wir ein Land mit unseren Augen und aus einem Blickwinkel heraus, der alle Berichte der bürgerlichen Medien über dieses sozialistische Land Lügen straft."
Blühende Landschaften also in Nordkorea! Glücklich, wer solche Freunde hat.
http://www.kdvr.de/start/start.html

Recht auf Kernenergie

Wenigstens unter manchen Linken hat Nordkorea noch Freunde!
So heißt es auf der Homepage des Linken-Abgeordneten Sedlmeier: "Statt transatlantisch neue Kriege und Liberalisierungen zu planen, sollte Deutsche Außenpolitik Kooperation, Partnerschaft, Ausgleich und Gerechtigkeit mit seinen nahen und fernen Nachbarn suchen." Denn: "Die Imperialistischen Staaten unter Führung der US betreiben eine Politik der Einflßunahme unter Inkaufnahme kriegerischer Eskalation, der entschieden Widerstand entgegengestellt werden muß. Für das Recht aller Nationen auf Kernenergie. Auch das der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik under Islamsichen Republik Iran."
Das hier mit Originalrechtschreibfehlern Geforderte dürfte Friedensfreunde wie Mahmud Ahmadinedschad, Kopf der "Islamsichen Republik" und unseren charmanten Paranoiker Kim Jong Il freuen. Endlich sieht mal jemand die guten Absichten hinter der bösen Fassade! Komisch, dass bei diesem hervorragenden Personal die Umfrageergebnisse für die Linke trotz Krise zu wünschen übrig lassen.
http://www.chris-sedlmair.de/news/index.php?option=com_content&task=category§ionid=6&id=17&Itemid=53

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...