1/19/2013

Zuhause im Film

Polizeisirenen, gegen neun Uhr fünfzehn. Circa. Eis. Kakaocreme. Pistazien. Ein Fernsehstuhl, Fernsehsessel, dieses harten, schalenartigen, die wie umgedrehte, ermordete Krebse aussehen. 

Küchentücher. Aha, aha. Schlierige Reste von Fett in der Pfanne. Keine Uhr – in allen Filmen, Fernsehspielen, überall ticken Uhren. In alle Ecken: keine Uhr. Pfannkuchen. Das waren Pfannkuchen. Vermutlich traditionell, Zimt, Zucker. Kein Zimt.

1/16/2013

Kindheit reaktionär

Als ich ein Kind war, kam es in Mode, für Jugendbücher mit dem Label „unsentimental erzählt“ zu werben: Diese Bücher handelten von Kindern mit sterbenskranken verwirrten Großeltern, Kindern, die verwahrlost der Prostitution nachgehen, und es kamen häufig Entwicklungsländer vor (was dieser Begriff am Horizont erscheinen ließ: Sand, Schweiß, Fliegen). Die Kinder in den Büchern waren immer rotzig, frech und stark, und ich konnte mich nicht mit ihrer robusten Widerständigkeit identifizieren. Auch Pippi Langstrumpfs penetrant gute Laune war mir unheimlich. 
Mein Lieblingsfilm war "Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ aus den Fünfziger Jahren, in dem die junge Romy Schneider ihren verschollenen Schnulzenpapa kennen lernt. Dieses Machwerk strahlte für mich eine gemütliche Traurigkeit aus, die einen einhüllt, ganz umfasst, wie ein Frotteeschlafanzug: Wenn man langsam zu Bett gehen muss, sich aber noch Zeit ausbedungen hat, unter der Decke zu lesen. Ich liebte Show-Treppen, von denen Moderatoren mit feinen Anzügen und Lackschuhen hinab stiegen, begleitet von leicht bekleideten oder eleganten Damen mit Puscheln auf dem Kopf, besonders mochte ich es, wenn die ganze Crew dabei steppte. Mag sein, ich stammte nicht aus einer heilen Familie, aber wer tut das schon, mag sein, ich war ein Kind mit reaktionärem Geschmack, jedoch: ein Kulturprodukt, das einen weißen Flieder zum magischen Symbol des Glücks und des rückwärtigen Glücks der Wiedergutmachung aller Trauer kürt, verhieß eine andere, wunderbare Welt.

1/15/2013

Tiere, weiterer Teil: Fische

Vater füttert die Fische bis sie japsen. Er schüttet zu viel Fischfutter hinein, zu viel Futter, Vater, rufe ich ihm zu, durch die Jahre hindurch, doch hinter dem Nebel schüttelt er starrsinnig den Kopf nein nein so eine Messerspitze Futter das kann doch nicht genügen da verhungern die Fischchen nein Vater!! Die Fischchen liegen da mit aufgequollenen Bäuchen sie vertragen das Futter nicht, siehst du nicht wie sie japsen und keuchen – aber nein doch, Fische sind stumm.

Wörter

"Einschleppung fremder Tier- und Pflanzenarten" (Radio)

1/14/2013

Stimmungsaufhellung

Draußen schleicht ein Grau herum. Ein Weiß, ein Unsichtbar. Als Gegenmittel sollen die Farben leuchten. Hervorgekramt: das schlichte, uralte Bild "Zwei Frauen lachen sich an".

Pflanzen im Haus

Wie die Pflanzen im Haus verteilt sind: Eine da, eine da, eine direkt vor der Balkontüre, im Luftzug, eine auf dem Schrank sogar, von weit oben hängen ihre Blätter, ihre fleischigen Fangarme, herunter. Wie die Pflanzen verteilt sind: ewige Kindheit. Die Eltern haben die Pflanzen verteilt, haben jeder Pflanze ihren bis zum Tod unauslöschlichen Platz zugewiesen; und wenn sie die Hälse hängen lassen, ließen, ach schnitte einer sie ab!

1/13/2013

Singen die Vögel tanzen die Krähen

Sich lichtender Nebel Umspannnebel Umschlag von Wörtern in fremde Sprache draußen singen die Vögel tanzen die Krähen. Wieso stößt er mit dem Kopf an eine blaue Wunde: im Moos wird sie zurückbleiben, so wie sie damals, mit hochgeschobenem Rock. Aber er hat ihr nichts getan. Regen tropft ja schöner als Blut Regen tropft von Oben nach Unten. Dann wird er zu Nebel. Wenn man nicht aufpasst wird Regen Nebel graue Krähen bevölkern die Landschaft Szenerie im Kopf.

In der Küche sind die Reste. Schimmeldosen. Spuren von Existenz. Zwang und Brot. Nicht über die Linien streichen: die hier und die jenseits. Besonders nicht über die, die den Küchentisch in Parzellen unterteilen, in Schlachtfelder wie auf einem Spielbrett, vage Linien nur, sichtbar bei näherem Hinsehen, Karos, Quadrate in blassgelb. Die tropfende Spüle. Das Elend leerer Schränke. Dazwischen sein Körper.

(Auszug aus "Zeus im Umspannkraftwerk")

Singvögel

Die Vögel waren zwei Wochen zu spät. Sie flogen los mit kleinen Rucksäcken: Singvögel, die Lichtinformationen erhielten.


1/07/2013

Eisbären

Der Junge: Kam in die Straßenbahn, lang, schlaksig, mit einem unbotmäßig geformten Rucksack. Begrüßte freundlich das dicke Mädchen im weißen Fuselmantel, vor der ein Kinderwagen mit schreiendem Baby stand. Sie kannten sich vielleicht von der Schule. Ich stellte mir vor, sie sei schwanger geworden und habe die Klasse verlassen.

Er: "Und, wie läufts?"
Sie: "Jo. Muss."
Er: "Alles gut so bei dir?"
Sie: "Ach ja."

Schweigen. Das Mädchen starrte vor sich hin.
Dann hellte sich das Gesicht des Jungen auf, er strahlte und sagte zu ihr, auf eine schwer zu beschreibende, charmante Art und Weise: "Mensch du, du siehst aber heute auch wie n Eisbär aus!"

Beide lachten.

Und er hatte Recht: Das Mädchen sah in diesem weißen Mantel exakt aus wie ein lieber, trauriger Eisbär, der aus seinem Polarkreis gefallen ist.
Das Mädchen verabschiedete sich und verließ die Straßenbahn. Der Junge schlug beim Umdrehen seinen Rucksack, aus dem zwei riesige, höckerartige Wulste ragten, einer Frau ins Gesicht, die empört den Kopf schüttelte.




1/02/2013

Werkstatt

Ich bin in die engere Auswahl zum aktuellen Wiener Werkstattpreis gelangt. Das Thema war "Rückschritt:Fortschritt". Bis zum 31.1.2013 könnt ihr hier für meinen Text "Gehst du" abstimmen - erzählt wird die Geschichte eines Abschieds; nicht linear, sondern im Rhythmus des Abschreitens immer gleicher Wege.



Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...