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Arme Schnorrer

Von armen, alternden Punks war ja schon die Rede. Aber auch die Schnorrer sind nicht mehr das, was sie mal waren. Neulich ging ich so in Richtung Supermarkt, da saß ein Typ auf der Straße. Er war jünger als ich, sah ganz nett aus, und er fragte, ob ich ein bisschen Geld für ihn hätte. Ich meinte wahrheitsgetreu, dass ich nur ganz kleines weniges Kleingeld hätte - ich war zudem noch generell ziemlich pleite an diesem Tag, Konto bis zum Dorthinaus überzogen -, und ich sagte dann noch, dass ich ihm also höchstens das ganz kleine Kleingeld geben könne. Fünfzig Cent würden schon zusammenkommen, aber eben nicht mehr.
Der Typ lächelte traurig. Er meinte dann, für mich überraschend: "Ich kauf mir eh nur Alkohol davon!" Als ich verduzt schaute, meinte er: "Kauf mir lieber eine Brezel, da nebenan, dann kaufe ich mir wenigstens keinen Alkohol". Ich war aber zu verblüfft, um seiner Bitte Folge zu leisten. Hat der Arme die Ermahnungen braver Bürger internalisiert, die immer sagen: "Dem geb ich nichts, der kauf eh nur Alkohol!" Wollte er mir den Wind aus den Segeln nehmen? Oder doch tatsächlich eine Brezel? Leider konnte ich meine Verblüffung nicht überwinden. Ich drückte dem armen Schnorrer schnell die ungefähr fünfzig Cent in sehr kleinem Kleingeld in die Hand, murmelte sowas wie "Alkohol is nich gut, das stimmt wohl", und machte mich vom Acker. Schnorrer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, dachte ich.

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