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Es werden Posts vom 2018 angezeigt.

Was ich an Silvester tat

Meinem Vater zusehen, wie er im Garten schwitzend versucht, Raketen zu zünden, die nicht explodieren. Staunen, wenn der Himmel voller Lichtpunkte ist, während wir wie Götter die ganze Stadt überblicken vom Balkon der Großmutter. Zigaretten aus dem Dachfenster rauchen und Liebeskummer haben. Käsefondue mit echtem Käse zubereiten, der noch gerieben werden muss. Fondue mit Packungskäse zubereiten, der schon fertig ist. Alles falsch mischen, so dass die Gäste beschwipst werden. Knoblauch nachkaufen. Käse nachkaufen. Sekt nachkaufen an der Tankstelle. Raclettepfännchen zerkratzen. Pfännchen schonend behandeln, weil man etwas gelernt hat. Mit Freunden beim Essen tanzen und sich dabei ein Handtuch auf den Kopf ziehen. Ein traditionelles chinesisches Orakel legen, bei dem es 64 Zeichen gibt und um Wandlung geht. Nach dem Essen noch ohne Freunde in meine Stammbar ziehen und ihm zusehen, wie er eine andere Frau küsst. Im Schnee an Straßenbahngleisen gehen und hinfallen, das Geräusch beim Aufpra…

Gong (Aus der Sammlung kurzer Texte "Dinge als Kind")

Hörte ich je den Gong?  Er hing im Flur des Hauses meiner Großmutter, und schon das Wort selbst schlug an.  Ein Gong klingt, schon wenn du ihn noch gar nicht berührst, er hat schon zum Essen gerufen, es ist schon der Schlegel geschwungen worden – lange bevor du da warst. Hing da neben der Dame mit Hut und gefalteten Händen, die einem beim Vorübergehen ansah, gegenüber vom Bild einer absplitternden Landschaft, unter der etwas anderes zum Vorschein gelangte, die abbröckelte, etwas enthüllte, eine nächste und wiedernächste Landschaft, eine Wiese, Berge Hügel Wolken, in denen oder hinter denen etwas verborgen lag wie in der geheimen Kammer. So nannten wir sie, sie war schon immer da gewesen, schräg gegenüber der Gong, und wir betraten sie mit angehaltenem Atem und Ehrfurcht: die Tür öffnest du zunächst nur einen Spaltbreit. Mönche, die Großmutter sagte etwas von Mönchen, und der Gong strahlte Konzentration aus, so klar geschnitten und rund und überzogen von einem feinen, hellen Leder. Großmu…

Touristen

In meiner Stadt gibt es viele Besucher auf der Suche nach Romantik und Betörung. Eigentlich mag ich Touristen. Sie fotografieren sich mit den Promotern für Biobrot und benutzen dabei riesige Selfie-Sticks, die in der Sonne glänzen. Finden vieles „amazing“, aber wenn es ihnen reicht, sagen sie: „Pretzels, Pretzels, that`s nice, alright, but I need a beer now!”
Einmal war ich in einer Gegend mit besetzten Häusern, da stand: Wir sind die Terroristen und grüßen die Touristen. Die Ähnlichkeit beider Worte war mir zuvor nicht aufgefallen. Später las ich, dass die Besatzer sich das nicht ausgedacht hatten, den Spruch gab es schon lange.
In Prag lebte ich gegenüber der deutschen Botschaft. Im Winter sah ich dabei zu, wie das Wappen einschneite und rauchte dabei Zigaretten und schrieb in ein dunkles Buch. Von unten hörte ich die Touristen sagen: Unsere Botschaft, das ist unsere Botschaft! So wie Verliebte sagen: Hey! Sie spielen unser Lied.
Ich mag Touristen, aber auch ich bin nicht immer best…

Lernen

In der Grundschule hörten wir das Weihnachtsoratorium ganz an. Die Lehrerin brachte dazu einen Kassettenrecorder mit. Es war keine Fassung für Kinder. Sie hatte auch eine Aufnahme des "Freischütz". Erinnerlich ist mir, dass es um Kugeln ging und das Wort "äffen". Unsere Lehrerin trug einen Dutt und halblange Röcke. Ihre Haut war fest und dunkel und voller Leberflecken. Sie war nicht so viel älter als ich jetzt bin. Ihre Stimme war tief und rauchig, wie die einer Jazz-Sängerin. Einmal haute sie einem "Rabauken" mit dem Lineal auf die Finger. Ein Junge mit italienischem Namen half mir beim Versteckspiel als ich keuchend durch den sich verengenden Hof rannte. Bei den "Jungs aus der Türkei", wie wir sie nannten, hatte ich einen Stein im Brett. Sie wollten mich zur Klassensprecherin wählen, aber ich stand nicht zur Wahl, weil ich zu schüchtern war. Niemand fragte nach ihrer Geschichte.
Zu zweit holten wir Milch und Kakao in Körben aus dem Zimmer des …

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn.
Gebeugt geht er, seine Schultern sind grau. Sein Haar ist aus Garn, weich und leicht. Durch die Zeit fass ich es an, es ist gewebt Aus Momenten des Abschieds.
Ich machte mir Sorgen um Vater. Ich machte mir Sorgen um die Tasche. Sie war ihm so nah, sie stieß an sein Bein. So lose die Fäden als wären sie Luft.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die sieben Mal abgetrieben hatte. Er erzählte von einem heißen Tag in Heidelberg, von den Fahrten im Schulbus, bei denen er kein Mädchen ansprechen durfte, weil sonst seine Mutter ihm eine Backpfeife verpasst hätte oder Schlimmeres oder ihn im Hof hätte knien lassen auf einem Brett, er sprach vom berühmtem Philosophen und seiner Art, durchs Zimmer zu laufen, und ich schwöre, sage ich zu Elsa, der Mann war da, lief vor mir durchs Zimmer, ich sage: der blaue Nachmittag war da, ich konnte ihn um mich spüren, und das, sage ich, war, warum immer Menschen um Vater waren, sie zerrten an ihm, wollten etwas von ihm, sahen ihn als stark, und nur wir wussten, dass er hinterher, wenn alle weg waren, wenn er zu Ende erzählt hatte für den Tag, in ein tiefes Starren verfiel, als sei jemand ganz leergeräumt worden, ausgenommen worden, als seien jemandem die Eingeweid…

Raum

Wenn du gehst, suchst du den Raum. Niemand zeigt dir den Weg
Am Horizont ist er sichtbar Als Punkt, alle Linien Laufen auf ihn zu
Es gibt ihn, und läge Er hinter Tapeten Verschwändest du Dorthin