12/03/2017

Schwimmen in Prag



In der Straßenbahn in Prag, die an der Moldau entlangfuhr, öffnete sich der Blick und verhieß Weite, Helligkeit, ich war auf dem Weg zum Schwimmbad, jeden zweiten Tag. Sah mich nach dem Schwimmen selbst im Spiegel, unter einem altmodischen Föhn, mein Gesicht. Nie habe ich gelernt, das Ticket am Eingang korrekt zu bestellen. Immer fühlte ich mich schon in der Tram einsam, versuchte ein Lächeln, war mir nicht sicher, was ich hier tat , auch wenn ich gern ins Wasser tauchte, ins Becken, das so lang war, dass man nie am andern Ende ankam, so schien es, das voller Chlor war.


Einmal war ich mit meiner Freundin dort, sie lachte immer, es war Sommer, wir waren im Außenbecken, oben auf den Hügeln mit Gras saßen die Voyeure, auf die sie mich aufmerksam machten. Sie gingen einsam ihrem selbstauferlegten Geschäft nach, das uns abstieß, während Frauen und Mädchen in Badeanzügen voller Freude ins Wasser sprangen, kraftvoll und unausweichlich.


Die Duschen waren grün gekachelt, glaube ich. Man passierte ein Becken, das einen immun machen sollte gegen Keime, immer war es furchtbar kalt. Ich war noch jung. An die anderen Menschen erinnere ich mich nicht, keine einzige Begegnung, kein Gesicht. Das Wasser war schimmernd, in dem großen, hohen Raum, es war magisch, immer schwamm ich im gleichen Tempo.

Gegenüber, an der Moldau, soll ein Strandband gewesen sein, in dem Franz Kafka gerne schwamm. Es wurde die ganzen Monate, in denen ich in Prag wohnte, renoviert, so dass ich niemals das alte Strandbad nutzen konnte, um zu schwimmen, sondern immer nur das Schwimmbad.#

Einundhalb, sagte ich immer am Tresen, und sie verstanden vielleicht sofort, dass ich 1 ½ Stunden schwimmen buchen wollte, fragten aber ein oder zwei Mal nach.  
Einundhalb, sagte ich, wiederholte ich, alles andere war zu kompliziert, und keiner verstand englisch.

Als ich ging, wurde das Strandbad wieder eröffnet, und manchmal stelle ich mir vor, ich hätte einmal dort schwimmen können: Ich erinnere mich an das Gefühl, durch Gras zu laufen als wären es Algen, ich sehe Kafka in einem schwarzen Badeanzug ins Wasser steigen, aber in einem Fluss habe ich nie gebadet. 
Die Fahrten in der Trambahn verschwimmen zu einer einzigen Fahrt, die letzten Stationen an der Moldau entlang waren endlos, und wenn ich die Augen schließe, fahre ich noch immer zu diesem Schwimmbad, und es kommt mir ganz unwahrscheinlich vor, dass ich dort irgendwann ankam und tatsächlich meine Bahnen schwamm, mich dazu zwang, bei innerer Aufregung langsam und bedacht zu schwimmen, einzutauchen, zwanzig oder dreißig Bahnen lang, mich abzustoßen am Beckenrand mit Kraft und auf meinen Atem zu hören, oder war er gar nicht hörbar?

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