4/24/2016

Würdevoll ausrutschen

Die Dinge ähneln sich, und ähneln sich doch nicht: Mit zwanzig in einer Bierlache auszurutschen, bedeutet: Hey, Punk, dein Leben ist wild, okay, du bist mit den richtigen Leuten unterwegs.
Mit vierzig bedeutet es: Hey, du warst gerade aber mächtig in Eile, musstest noch kurz vor Ladenschluss in den kleinen, von Touristen und Betrunkenen zugewimmelten Supermarkt huschen. Dann auch noch vergessen, dass dein Mann deinen Geldbeutel eingesteckt hat und vor den Augen ungeduldig wartender Touristen, Betrunkener und weniger Altstadtbewohner hysterisch versuchen, ins Freie stürmen, um von eben jenem Mann, der dort mit Kind wartete und der eh nicht verstehen konnte, dass du wegen dieses mittelguten Bergkäses und der Nussmischung unbedingt noch in die kleine Klitsche wolltest, die Börse zurückhaschen, was aber nicht gelang, da du auf dem Weg zur Tür, unter den Augen aller, auch des wenig beeindruckten Kassierers, auf dem feinen Bierfilm, der sich gleichsam schon durch die Ausdünstig einiger Umstehender gebildet haben könnte, in Wirklichkeit wohl durch einige auslaufende, zerbrochen Flaschen entstand, ausgerutscht und hingeknallt bist. Jetzt hast du ein dickes Knie, mittelguten Bergkäse, keine besonders gute Figur gemacht, aber immerhin auch keinen Kater (Katze allerdings auch nicht).

Männer in den 70ern

Männer waren, glaube ich, viel dünner als heute. Manche sahen aus wie Habstarke, und zur Lederjacke passte ein alkoholisches Getränk. Alle Väter tranken viel, man trank ständig und ohne Pause, auf der Straße, in Talkshows, zuhause, man rauchte auch, man rauchte und trank wie es einem passte, und Kinder wurden losgeschickt, um Zigaretten zu holen. Selbst Akademiker rauchten HB Zigaretten, und manche tranken Fusel-Wein, und praktisch kaum jemand war so wählerisch wie heute, und die Männer hatten kein Wein-Abo. Das heißt, als ich ein Kind war, hatten die Erwachsenen, allen voran die Männer und Väter, ständig einen sitzen, waren unaufmerksam, benebelt. Natürlich fiel uns das nicht auf, wir hatten ja keinen Vergleich, und auch ich ging brav Zigaretten holen, und einmal erlebte ich dabei etwas Glückliches: Der Automat war offenbar kurz zuvor geknackt worden, wie ich es mir heute erkläre, damals aber erschien es mir einfach als ein Wunder, dass alle Türen mit Zigaretten offen waren und dass, als mein Geld durchfiel und ich auf diesen Knopf drückte, noch mehr und mehr Geld herauskam aus dem Automaten, ich ließ die Münzen in meine Hände prasseln und stopfte alles, Zigaretten und Geld, in meine kleine Tasche und kam heim mit vollen Händ
Man freute sich also über Kinder, wenn sie einem Zigaretten brachten, aber vielleicht waren Männer von Kindern weniger begeistert, vielleicht waren die Männer in jener Zeit sogar ständig zerquält von ihrer bürgerlichen Existenz, genervt von ihren Frauen und latent unhöflich. Sie müssen aus dem Haus, es treibt sie weg von dort. Alles, was mit ihrer Frau und ihren Kindern zu tun hat, ist belastend und eng. Sie laufen oft durch die Stadt. Ob Männer damals öfter gelaufen sind und nicht etwa Auto gefahren, lässt sich schwer beurteilen, denn gleichzeitig fuhren diejenigen, die ein Auto hatten, oft damit. Selbst in der Kleinstadt konnte man, ohne scheel angeschaut zu werden, mit seinem Auto etwa zum nächsten Zigarettenautomaten fahren, jeder hatte dafür Verständnis.
Fahrräder gab es, aber sie waren nicht hip. Es gab keine Helme. Mit dem Fahrrad konnte man dann durch den Wald fahren statt zu laufen. Jeder war sonntags im Wald. Es war obligatorisch, doch der Wald war eher so ein Schlechtelaunteraum, es gab keine Landlust-Zeitschriften, die den Wald priesen und schmackhaft machten, sondern dort gab es eher Ameisenhaufen und Pilze, und die Väter waren, denke ich, oft schlecht gelaunt und liefen voraus, und vielleicht dachten sie über ihre schrecklichen bürgerlichen Existenz nach, und die Mütter mit kleinen Kindern hechelten ebenso schlecht gelaunt hinterher. Und es musste dann eingekehrt werden auf ein Bier, das noch ein echtes gelbes Standard-Ding war, in das Wespen hineinfielen, und das sicher nicht besonders schmeckte, eher günstig war, und dann wankte man eben heim oder fuhr mit dem Auto, denn das Sicherheitsbewusstsein war noch nicht so ausgeprägt.
Sonntags gingen Männer also in den Wald, zumindest die verheirateten. Vielleicht gingen manche zu einer Geliebten. Damals fand alles früher statt, manche hatte schon in den Zwanzigern eine Familie, deswegen musste auch die Geliebte sein, weil man noch offen war und jung und irgendwie unbekümmert und grausam, und die Männer waren auch viel kindischer als heute, viele ließen sich noch lange die Kleider von ihren Müttern herauslegen, und viele Väter riefen noch als Väter täglich ihre Mütter an, die oft dicke, gestandene Frauen waren, mit denen nicht gut Kirschen essen war, die gut kochten und einen Besuch für sonntags nach dem Waldspaziergang erwarteten.
Zuhause herrschte eine gewisse Muffigkeit, die vielleicht von den überhitzten Räumen kam. Zimmer waren im Winter heiß, Lüften war ein Fremdwort, in der Luft festhängender Zigarettenrauch keine Schande, sondern vielleicht sogar Ausweis langer, interessanter intellektueller Diskussionen, in denen man das bürgerliche Leben und die frigiden Frauen verdammte, und dabei saß man in Zimmern, in denen es noch Schallplatten gab und manchmal Heizöfen und Zeitschriften, immer bullenheiß, und vielleicht mussten deswegen die Männer öfter mal raus, während es den Frauen nicht so viel auszumachen schien, oder sie ließen es sich nicht anmerken.
Wie heute wieder trugen viele Männer neben den Lederjacken auch Parkas und hatten Bärte. Sie gingen mit den Kindern Drachen steigen, die Topffrisuren hatten und zottelige Haare über die Augen, die immer husteten, die auch Parkas trugen und tendenziell viel draußen herumstromerten und ab und zu Zigaretten mitbrachten. Männer lasen teilweise auch Bücher über männliche Sexualität, gingen zum Therapeuten und machten sich so ihre Gedanken. Sie seufzten, sie spürten ihre Rippen unter dem dicken Parka und das Zotteln des Barts nervte etwas. Hinterher tranken sie ein sehr gelbes Bier und sahen in den blauen Himmel, in denen die Zukunft steckt, ihre und unsere.

Lernen

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