4/05/2014

Dinge als Kind: Zinnoberrot

Zinnoberrot. Rot der Kristalle, in dem die Sonne wohnt: Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, hielt der Zeiger der Uhr den Atem an. Schlucken. Das Rot schon aufgeschäumt. Meine Kinderhand trocken, mit feinen Rissen in der Beuge zwischen Zeigefinger und Daumen. Der Pinsel drehte sich, noch tiefer ins Rot, damit sich die Borsten tief einfärbten, dann erst malte ich einen Strich auf dem Papier, die Frau sagte: „Zinnoberrot“, ich ließ das Wort noch eine Weile im Mund, schaute nach oben, zum Fenster und versuchte herauszufinden, wie viele Stunden es seien, bis mein Vater wiederkäme.

Welche Farben ich als Kind kannte: das Rot meines Pullovers im Schnee, auf dem Weg zur Schule, weiß und rot, der Himmel hellblau, schneeblau, und es leuchtete eine Sonne aus dünnem, fast durchsichtigem Papier in gelb auf dem Fenster des Klassenzimmers. Und so malte ich Sonnen, nur so kannte ich Sonnen – die am Himmel war zu abstrakt und fern, ein Schwarm Licht, der mir keine Kontur offenbarte und, obwohl für alle sichtbar, obwohl aus Licht, seltsam verschattet und verborgen blieb. Eine Sonne, die Sonne, viele Sonnen, mussten ein Gesicht haben, wie der Mond, sie waren Lebewesen zwischen Mensch und liebem Gott, hatten einen lachenden Mund, lachten sie aus einer Ecke auf Häuser, Straßen, Autos Mutter Vater Kind, immer rechts in der Ecke, nie links in der Ecke, ausgemalt mit gelbem Filzstift, der immer zu dünn war, immer dauerte es lange, bis die Sonne ganz ausgefüllt war, dann erst durfte ihr ein Mund gemalt werden in anderer Farbe.

Ein ängstliches Kind war ich: Angst im roten Pullover, im roten Auto meines Vaters fuhren wir los, und wer konnte sagen, in welcher Stimmung er heute wieder, ob er traurig oder wütend war, lief er rot an, zartort, wangenrot, blieb er in Balance, ich wollte ihn beschützen, schon fuhren wir los, fand ich mich in einem langen Flur, von dem es abging zu den Toiletten, die man nicht verschließen konnte, mit klappernden kleinen Türen, Schildchen überm Handtuchhaken. Jeder wollte die Rose, tiefrot war sie, wie Rosen in Wirklichkeit, und noch wirklicher als das, und auch ich mochte ihr Rot und Wörter mit O, den wärmenden Nachklang um eine Leere. 
War auf meinem Schildchen ein gelbe Sonnenblume gewesen, oder eine Butterblume, oder eine Orchidee, deren Namen ich kannte, von der ich nicht wusste, wie sie aussieht? Überall hing schon ein Handtuch am Haken. Quadratisch, länglich, gelb rot blau kariert mit Hunden runden Figuren ohne Gesicht. Nun stand ich da, mit meinem blauen Handtuch, auf dem das Meer war, Möwen, und ein Segelschiff, mein Handtuchort, hatte es ihn je gegeben, war fort, in Vergessenheit geraten. Wie am Strand, wenn man eine Fußspur macht, die dann zugeweht wird oder überspült, wie einmal, als wir wirklich am Meer waren, das man nur blau malen konnte, auch wenn es in Wirklichkeit manchmal weiß war, durchsichtig, oder rot gesprenkelt vom Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, dort suchten wir Krebse und gestrandete Meerjungfrauen, dort wollte ich ein Fisch sein, wurden meine Fußspuren unsichtbar, verschwanden, wie mein Ort im Kindergarten, der nur temporär war, eingenommen wurde durch andere, nachkommende Kinder, die in den Fluren lärmten, ihr Gesang von der Gruppe, im Rhythmus abgehakter Töne, von Rumpfwörtern, ließ die Wände erzittern: Ich stand allein. 

Mit schnellen Schritten zur Tür aus Glas, ich sah ihn zum roten Auto gehen, unter der Sonne, mein Atem, Tränen auf den Backen, die bei Kindern immer wie atmend sind, lebendige Backen, verschmierte Backen, gerötet, Aufregungsrot, ich schrie, ich schlug gegen die Scheibe, ein Schmerz, der in die Hand fuhr, denn die Tür war verschlossen, oder hielt sie jemand zu, drückte jemand dagegen? – Mein Vater selbst, er musste jetzt los, dann öffnete sich die Tür, ich fiel in den Vorhof, auf die Steine, mit den Händen konnte ich mich abfangen, die Knie aufgescheuert, den Stein spüren, wie er die Handinnenfläche aufreißt, Steine eingefugt in Kleeblattform. So auf allen Vieren. So ich. So weit oben die Sonne, dann ein Rasenstück, wäre dort ein Abdruck, Spuren, Schritte meines Vaters, ein Beweis, dass er gerade noch da gewesen, dass er noch gar nicht ganz weg war, ich wollte nicht hier sein, nicht unter den anderen Kindern, wollte an ihm hängen, dessen Blick oft leer war, als hätte eine Last ihm die Farbe aus den Augen genommen, wollte, dass er mich umarmt und sagt: „Ich bleibe immer bei dir.“ Wann wäre er weg wie an den Morgenden, wenn sein Auto losfuhr, eine Leerstelle hinterließ, leerer als leer, weißer als weiß, ein Puzzle mit ausgestanzten Figuren, dem immer ein Teil fehlt.

Ich war noch da! Musste wieder hinein. War noch vorhanden, war noch der Körper, Kopf, die mit der aufgerissenen Hand, wer beschützt mich, wenn wieder ein Junge mir in die Backe zwickt, mir jemand ein Bein stellt, wer hat seinen Blick auf mich gerichtet. Ein Kind zerrte mich am Arm, nahm meine Hand, aufgerissen, blutend, schon schlossen sich die kleinen Wunden, „komm, wir malen Wasserfarben!“ – Ich fragte die Kindergärtnerin nach der Farbe, warum es zwei Rottöne gebe, warum Rot gespalten ist, wunderte ich mich, schaute auf den Malkasten, wo die beiden Rots nebeneinander lagen, ein großer Kasten, Doppeldecker, sagten die Kinder, heute durfte ich ihn benutzen, aber warum gab es nicht nur ein einziges Rot, das wie das meines Pullovers war, und wie hieß das andere Rot, der Zeiger der Uhr stand jetzt links, dort, wo die Sonne aufgeht, ich malte sie wieder ins rechte Eck, malte sie rot, deren Gesicht mir vom Himmel schien, einen Mund hinein in Gelb, kaum sichtbar, diesmal käme er wieder.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...