Direkt zum Hauptbereich

Frau Czerninski Diät

Bei der Frau Czerninski Diät durfte man am Wochenende Schnitzel essen.
Auch Sahnetorte war erlaubt, und Salami. Leicht konnte der Verdacht aufkommen, dass es sich nicht um eine wirkliche Diät handelte, die Frau Czerninsiki selbst erfunden und mit krakeliger Schrift auf zwei Seiten niedergeschrieben hatte, und die nun, kopiert, abgeschrieben, von Hand zu Hand ging. 

Die Schlange der Kunden wurde seit der Erfindung der Frau Czerninski Diät länger und länger, sie zog sich durch den gesamten Laden: von der Theke, hinter der Herr Czerninski mürrisch Brot einpackte, vorbei am Regal mit den Dosen - Ravioli, rot, Reis mit Huhn -, dem Kühlregal - Fleisch- und Wurstwaren -, den einzeln, auch in kleinen Spitztüten zu erwerbenden Süßigkeiten, bis zum Ständer mit den Zeitschriften und Comics am Ausgang: Eine Ausgabe der Gespenstergeschichten war für mich reserviert.

Ich stand schwitzend da. In der Hand hielt ich das Geldstück, das mir meine Mutter mitgegeben hatte. Das Geldstück rutschte herum, es wurde feucht, jeden Moment konnte es sich lösen und aus der Hand auf den glattgewischten Boden oder hinter eines der Regale springen. Das war einmal passiert. Einige von Frau Czerninskis Kunden hatten mit mir gesucht, auf den Knien rutschend unter die Regale geschaut, keuchend hatten sie sich wieder aufgereichtet und mir über das Haar gestrichen: Das Geld war verschwunden geblieben, und ich hatte geweint, was wohl meine Mutter dazu sagt. Die Leute hatten versucht, mich zu beruhigen, meine Mutter müsse doch verstehen, dass so was vorkäme. Es hatte mir gefallen, dass man glaubte, meine Mutter sei streng und kümmere sich um mich und habe unumstößliche Prinzipien, und Tränen waren mir über das Gesicht gelaufen, salzig und echt. 

Der Mann vor mit schwitzte, der Schweiß lief ihm in langen Bahnen aus seinem kurzärmeligen Hemd. In der Schlange die Laute der Menschen, Schweiß, Zusammenrücken, Eikaufskörbe, die klackend aneinanderstießen, das Wort: Diät. Ich starrte auf die Eisbox, ich scherte aus und beugte mich hinunter, zum Kirschwassereis, Florett, mein Rock rutschte nach oben. Jemand beobachtete mich, oder es war die Gier, die sich selbständig gemacht hatte und mir von hinten auf die Schulter tippte, ich fuhr herum. Niemand war mehr im Laden, der Moment des Hinunterbeugens musste lang gedauert haben, ewig, wie eine Erinnerung, wie wenn man unter Wasser die Luft anhält: nun war alles leer, und die Sonne, die durch das Ladenfenster kam, machte den Staub in den Regalen sichtbar - neben den Ravioli klaffte die Leere. Frau Czerniski kassierte mein Eis. Sie nahm mein Geldstück, sah mich misstrauisch an, von unten, wie es mir vorkam, ich musste gewachsen sein, so klein war sie auf einmal.

Als ich aus dem Laden trat, war es hell, die Hellligkeit drang durch meine Lider, die ich unwillkürlich zusammengekniffen hatte. Das Eis: lang und kühl im Mund, ich schob es weit hinauf in den Gaumen, bis ich einen Würgereflex spürte, Tropfen lösten sich, die Kehle hinab, über die Mundwinkel hinaus, so ging ich über den Parkplatz: Beton, Hitze, Staub, in der einen Hand das Wechselgeld, das ich mir selbst verdient hatte, nicht auf die Striche treten. Mit den Sandalen trat ich auf ein Papier, das dort lag, darauf war die Rede von zwei Broten mit fünf Gramm Butter. Erdbeermarmelade, ich sah sie vor mir, sie war sehr rot.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Lernen

In der Grundschule hörten wir das Weihnachtsoratorium ganz an. Die Lehrerin brachte dazu einen Kassettenrecorder mit. Es war keine Fassung für Kinder. Sie hatte auch eine Aufnahme des "Freischütz". Erinnerlich ist mir, dass es um Kugeln ging und das Wort "äffen". Unsere Lehrerin trug einen Dutt und halblange Röcke. Ihre Haut war fest und dunkel und voller Leberflecken. Sie war nicht so viel älter als ich jetzt bin. Ihre Stimme war tief und rauchig, wie die einer Jazz-Sängerin. Einmal haute sie einem "Rabauken" mit dem Lineal auf die Finger. Ein Junge mit italienischem Namen half mir beim Versteckspiel als ich keuchend durch den sich verengenden Hof rannte. Bei den "Jungs aus der Türkei", wie wir sie nannten, hatte ich einen Stein im Brett. Sie wollten mich zur Klassensprecherin wählen, aber ich stand nicht zur Wahl, weil ich zu schüchtern war. Niemand fragte nach ihrer Geschichte.
Zu zweit holten wir Milch und Kakao in Körben aus dem Zimmer des …

Raum

Wenn du gehst, suchst du den Raum. Niemand zeigt dir den Weg
Am Horizont ist er sichtbar Als Punkt, alle Linien Laufen auf ihn zu
Es gibt ihn, und läge Er hinter Tapeten Verschwändest du Dorthin

Was ich an Silvester tat

Meinem Vater zusehen, wie er im Garten schwitzend versucht, Raketen zu zünden, die nicht explodieren. Staunen, wenn der Himmel voller Lichtpunkte ist, während wir wie Götter die ganze Stadt überblicken vom Balkon der Großmutter. Zigaretten aus dem Dachfenster rauchen und Liebeskummer haben. Käsefondue mit echtem Käse zubereiten, der noch gerieben werden muss. Fondue mit Packungskäse zubereiten, der schon fertig ist. Alles falsch mischen, so dass die Gäste beschwipst werden. Knoblauch nachkaufen. Käse nachkaufen. Sekt nachkaufen an der Tankstelle. Raclettepfännchen zerkratzen. Pfännchen schonend behandeln, weil man etwas gelernt hat. Mit Freunden beim Essen tanzen und sich dabei ein Handtuch auf den Kopf ziehen. Ein traditionelles chinesisches Orakel legen, bei dem es 64 Zeichen gibt und um Wandlung geht. Nach dem Essen noch ohne Freunde in meine Stammbar ziehen und ihm zusehen, wie er eine andere Frau küsst. Im Schnee an Straßenbahngleisen gehen und hinfallen, das Geräusch beim Aufpra…