5/19/2013

Orangenhain (Auszug)


Um den Tisch sitzend, konnten wir auf den Weinberg sehen.
Wir saßen dort, wenn Regen fiel und wenn es heiß war, manche mit angezogenen Beinen, in der Hand eine Tasse Kaffee, Jakob mit dem Fuß wippend. Die Zeit war keine Zeit: aus dem Zusammenhang gefallene Stunden. Wir hätten eine Stunde so sitzen können oder drei, oder einen halben Tag, es wäre niemandem aufgefallen, und die Welt, so dachten wir, ginge auch ohne uns ganz gut weiter.
Diejenigen, die sprachen, taten es oft leise, wie mit angehaltenem Atem. Und Mina und Jakob sprachen ohnehin wenig. Ich sah Jakob durch den Weinberg laufen, von meinem Zimmer im ersten Stock aus, sah ihn, wenn ich auf dem Balkon stand spätabends und heimlich rauchte, wie er an den Stöcken vorbeiging, vorbei strich, ruhig, als träume er, oder helfe den Pflanzen zu wachsen. Im Sommer lief er mit nacktem Oberkörper herum und einmal sah ich ihn lange zwischen den Pflanzen kauern.
Und es gab immer etwas zu tun: Wir ernteten im Herbst nachdem ich eingezogen war die ersten Trauben, zerstampften sie im Fass, wir hatten Hilfe: Männer und Frauen reisten von überall an, viele jünger als ich, mit bunten Tüchern, die sie um die Köpfe gebunden hatten, Umhängetaschen, unten eingerissenen Jeanshosen. Sie saßen nach der Ernte, am Abend, trinkend vor unserem Haus, was Jan nicht gefiel. Die Hunde rannten durch unser Wohnzimmer, ein Tier riss die Decke mit Krügen und Tellern von der Anrichte, die in tausend Stücke zersprangen, die wir noch Wochen später fanden – winzige Splitter im Holzfußboden, die sich in die nackten Fußsohlen gruben. Und dann das Gebell. 
 
Diese Leute, niemand, den ich kannte, schliefen in unseren Zimmern ... oder vor dem Haus in einem Zelt. Morgens wuschen sie sich mit dem Wasser aus der Regentonne, so früh, dass sich noch keine Insekten dort gesammelt hatten (Später am Tag zuckten dort die Fliegen, die sich gerade im Sommer zu Dutzenden auf der Wasseroberfläche wanden, ertrunken bildeten sie eine Schicht, eine Decke, dahintreibend und dunkel). Wir mussten, auch im Winter morgens früh, wenn der Tau auf den Gräsern lag und die Finger vor Kälte juckten, zuerst den alten blauen Eimer ausleeren, der vor dem Haus stand und ihn neu befüllen. Der Schwall des Wassers - ein Geräusch wie eine heftige Regenflut, eine Sintflut, die alles mit sich wegreißt. Zugleich mit dem Wasser spülten wir unsere alten Existenzen, den Schmutz der Vergangenheit, das Gestern und die Fehler davon.
Dann regnete es zu heftig, und der kalte Winter mit Hagel hätte fast alles zunichte gemacht. Die Käfer, die wie aus dem Nichts kamen, die Trauben bedeckten, schwarz und wimmelnd, und die ebenso plötzlich wieder verschwunden waren. Oder hatte jemand sie abgespritzt, weggesaugt, mit den Fingern zerschnipst? Ich wusste es nicht, denn ich kannte mich nicht aus mit Trauben. Und ich war nicht wegen des Weinbergs hier.

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