5/31/2013

Späte Entdeckung - Thomas Klings Lyrik

Im vergangenen Jahr - 2012 - bei Suhrkamp erschienen, entdeckte ich das schmale Buch zwischen üppigen Geschenkbänden der üblichen Gedichte-Verdächtigen beim Schlendern durch eine normale, sprich, unambitionierte Buchhandlung dieser Universitätsstadt mittlerer Größe.
 Nun empfehle ich heftig die Lektüre des Buchs - eine Sammlung von Gedichten, Bildern, Handschriften, Essays und Gesprächen des früh verstorbenen Lyrikers Thomas Kling, der schöne Titel: Das brennende Archiv.

Thomas Kling
Augenverstärkung

im einsetzenden regen gespreiztes
amselbad: sprunghaft erhöhtes
sichtvermögen: fiebrige sichtung
aufgehäufter schätze, detail-
schrapnells, "verschwimmt nicht",
unverschwommene polaroids!";

unser
augenbedürfnis unstillbar,
erregtes geschwisterlicht und gleitende
daumepfötchen, "deine heutige
augentracht, regenhaut! geöffnetes
betrachten!"

rasch ufernde
moment-tattoos auf den pfützen
draußen das zerschrappte,
die verplemperten sprachen

(1985, "für Dorothea Gelker": aus: Das brennende Archiv)


Siehe auch:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1524277/
http://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poet/item/2219/19/Thomas-Kling
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/verkoppler-1332934.html

5/30/2013

Aus der Frühzeit konstruktiver Dekonstruktion


Alltag als Notiz, II: Alliterativer Alltag, oder: Früchtepop

Als gestern die zu erledigenden Aufgaben mal wieder mit voller Wucht auf mich einstürzten, kam mir die Idee, diese nach dem von Max Goldt vorgeschlagenen "Früchte-Pop" (FrüPo)-Prinzip zu organisieren. Das Frü-Po-Spiel hat mir schon über manche traurige Festivität hinweggeholfen.
Beim Früchtepop, nicht zu verwechseln mit Agitprop, geht es darum, blitzschnell Begriffspaare zu bilden, die mit dem gleichen Buchstaben beginnen, wobei der eine Begriff, wie der Name schon sagt, eine Frucht, der andere eine Pop- oder Rockband bezeichnen muss. Klassiker hierbei waren:

"Apfel/ACDC" und
"Banane/Bananarama" (eine längst zu Recht vergessene englische Frauenband, die vermutlich nur Generationsgenossen etwas sagt).

Auf jeden Fall schoss es mir angesichts der Dinge, die ich schon lange vorhabe, gestern in den Kopf:

"Schalansky/Schwimmen"

Gerade durch die Alliteration schien mir das Vorhaben so rund, so geglückt, an ein und demselben Tag den Roman von Judith Schalansky zu lesen und auch noch endlich einmal wieder das Hallenbad zu besuchen. So perfekt also die Idee, so schwierig die Umsetzung: schwimmen vor oder nach der Arbeit? Soll ich das Schalansky-Buch mitnehmen, es auf einer Badeliege konsumieren? Wie aber ist das zu bewerkstelligen, wenn man keinen modischen Bademantel hat?

Das Leben ist eben doch kein Früchtepop.

5/19/2013

Lesung Querbeet

Wer am 25. Mai 2013 in Leipzig ist, sei herzlich eingeladen zu dieser Lesung - ich werde ebenso dabei sei wie Jörg Jacob und andere Autoren.

Hier eine Leseprobe - den Text "Kirschen, Gespenster" werde ich zum Thema "Garten" vortragen.

http://www.querbeet-leipzig.de/pflanzfest-am-25-mai-ab-14-uhr/


Orangenhain (Auszug)


Um den Tisch sitzend, konnten wir auf den Weinberg sehen.
Wir saßen dort, wenn Regen fiel und wenn es heiß war, manche mit angezogenen Beinen, in der Hand eine Tasse Kaffee, Jakob mit dem Fuß wippend. Die Zeit war keine Zeit: aus dem Zusammenhang gefallene Stunden. Wir hätten eine Stunde so sitzen können oder drei, oder einen halben Tag, es wäre niemandem aufgefallen, und die Welt, so dachten wir, ginge auch ohne uns ganz gut weiter.
Diejenigen, die sprachen, taten es oft leise, wie mit angehaltenem Atem. Und Mina und Jakob sprachen ohnehin wenig. Ich sah Jakob durch den Weinberg laufen, von meinem Zimmer im ersten Stock aus, sah ihn, wenn ich auf dem Balkon stand spätabends und heimlich rauchte, wie er an den Stöcken vorbeiging, vorbei strich, ruhig, als träume er, oder helfe den Pflanzen zu wachsen. Im Sommer lief er mit nacktem Oberkörper herum und einmal sah ich ihn lange zwischen den Pflanzen kauern.
Und es gab immer etwas zu tun: Wir ernteten im Herbst nachdem ich eingezogen war die ersten Trauben, zerstampften sie im Fass, wir hatten Hilfe: Männer und Frauen reisten von überall an, viele jünger als ich, mit bunten Tüchern, die sie um die Köpfe gebunden hatten, Umhängetaschen, unten eingerissenen Jeanshosen. Sie saßen nach der Ernte, am Abend, trinkend vor unserem Haus, was Jan nicht gefiel. Die Hunde rannten durch unser Wohnzimmer, ein Tier riss die Decke mit Krügen und Tellern von der Anrichte, die in tausend Stücke zersprangen, die wir noch Wochen später fanden – winzige Splitter im Holzfußboden, die sich in die nackten Fußsohlen gruben. Und dann das Gebell. 
 
Diese Leute, niemand, den ich kannte, schliefen in unseren Zimmern ... oder vor dem Haus in einem Zelt. Morgens wuschen sie sich mit dem Wasser aus der Regentonne, so früh, dass sich noch keine Insekten dort gesammelt hatten (Später am Tag zuckten dort die Fliegen, die sich gerade im Sommer zu Dutzenden auf der Wasseroberfläche wanden, ertrunken bildeten sie eine Schicht, eine Decke, dahintreibend und dunkel). Wir mussten, auch im Winter morgens früh, wenn der Tau auf den Gräsern lag und die Finger vor Kälte juckten, zuerst den alten blauen Eimer ausleeren, der vor dem Haus stand und ihn neu befüllen. Der Schwall des Wassers - ein Geräusch wie eine heftige Regenflut, eine Sintflut, die alles mit sich wegreißt. Zugleich mit dem Wasser spülten wir unsere alten Existenzen, den Schmutz der Vergangenheit, das Gestern und die Fehler davon.
Dann regnete es zu heftig, und der kalte Winter mit Hagel hätte fast alles zunichte gemacht. Die Käfer, die wie aus dem Nichts kamen, die Trauben bedeckten, schwarz und wimmelnd, und die ebenso plötzlich wieder verschwunden waren. Oder hatte jemand sie abgespritzt, weggesaugt, mit den Fingern zerschnipst? Ich wusste es nicht, denn ich kannte mich nicht aus mit Trauben. Und ich war nicht wegen des Weinbergs hier.

Cellospieler

Befreundete Cellospieler sind nichts Schlimmes, glauben Sie mir. Wenn sie wissen, was sie zu tun haben. Aber wer weiß das schon. Oder vielmehr weiß ich es, ich weiß es. Seine Finger umspannen den Sessel. Ein scharfer Wind fährt mir unter den Rock, es kommt mir vor als käme der Wind aus dem Paradies. Er lüftet das ganze Haus immer so, da wird einem anders. So jung bin ich nicht mehr, wie er mich gern hätte, er macht keine Anstalten, mich an sich zu ziehen, ich aber umfasse seine Beine, ich lecke daran, die Spucke läuft herunter in feinen Bahnen, auf seinen trockenen Beinen, seiner trockenen Haut. 
(Textauszug "Befreundete Cellospieler")

5/16/2013

Alltag als Notiz, I: 15. Mai


Esse Frikadellen mit Erbsen und Kartoffelpüree. Am Nebentisch spricht ein Mann mit ausladendem Schnauzbart über „soziale Kompetenz“.

Die Sprühflasche "Power Cleaner", die dem Badreinigen dient, sieht mit dem ungeplant austretenden Schaum aus wie eines der Kamele, die in Saudi Arabien zur Belustigung der Scheichs gegeneinander antreten. Ich sah im Fernsehen, wie ihnen beim Rennen die Spucke schaumig aus den Mäulern quillt. Fortschritte sind allerdings erzielt worden: Die Kamele werden nicht, wie jahrelang zuvor, von Kindern aus ärmeren Nachbarstaaten, sondern von kleinen Robotern geritten.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...