4/21/2013

Nie in Tokio: anderswo

Wir wären anderswo: das Zimmer ein Raumschiff, die rote Lampe hat unsichtbare Schalthebel. Der Wäscheständer: wir wären im schäbigen Haus einer alten russischen Frau, sie trägt ein Kopftuch, schneidet Kartoffeln und hat viel durchgemacht. Die Bilder mit noch frischer Farbe an der Wand – wären wir nicht in einer Galerie, wir staunten, wir wollen die Bilder mit den Fingern berühren, ihre Echtheit prüfen, die Epochen vergleichen, uns dabei verstohlen an den Händen fassen.




Anderswo: in einer anderen Stadt: am Kanal waren wir nie, nie haben wir die Bücherstände der Seine gemeinsam angesehen, dort Bücher ausgewählt, gehandelt … (Wir waren aber in Antiquariaten in anderen Städten, auf einer Ostseeinsel, dort war die Luft salzig, und in einem Internetcafé gab es Bücher, teure alte Bände, wie Stiefkinder am falschen Ort) … wir waren nie in Tokio zusammen, und jetzt ist es vielleicht auch zu spät für Moskau oder Mexico.

4/17/2013

Ein Fisch aus Gold

Goldfisch: nutzlose, abgenutzte Kostbarkeit, gemacht in China: schimmernd schwebt er im Wasser.
Immer stellt man sich den Goldfisch im Glas vor. Goldfisch und Glas gehören untrennbar zusammen. Sogar wenn der Goldfisch woanders schwimmt, ist um ihn ein unsichtbares Glas: Immer bleibt er im Glas gefangen, zu halten in einem Glas. Sein Vorrat an Luft hängt allein von mir ab, von meiner Gunst. Wie viele Menschen möchten sich diese kleine Grausamkeit leisten - Goldfische sind die begehrtesten Tiere der Welt. Ein Goldfisch ist kostbar, doch sein Tod günstig. Schwimmt er doch immer im Kreis, immer allein, immer im Glas: verletztlich, billig und wertvoll zugleich, einsam.

4/03/2013

Chasing Rabbits


Lieder über Drogen machen mich traurig. Nur junge Sänger können diese Lieder singen. Ihr weiteres Schicksal ist niederschmetternd: Sie sterben jung, oder sie werden aufgedunsen und müde. Immer, wenn ich Drogenlieder höre, werde ich melancholisch und denke über die versäumten Möglichkeiten im Leben eines jeden Menschen nach. 

Bademeister

Ich bin der Bademeister. Ich trage eine enge Neoprenhose in rot, die im Schritt einschneidet. Das Wasser schimmert: blau, hinter den Plastikstühlen. Ich kontrolliere streng. Meine Mundhöhle ist weit geöffnet, als öffne sie sich für das Wasser - das schwappte mir immer tiefer in den Rachen, zöge mich zur Tiefe. Wachsam, das bin ich. Ab und zu kratze ich mich am Sack.



Old Times



“We were 19 years old, and no way anything in the world could go wrong for us.“

(Weggefährte W. Guthrie, BBC Dokumentation)


Auszug aus "Kommunistinnen"

Die Möbel in ihrem Haus waren so zart, dass man glauben konnte, sie habe sich nur vorübergehend eingerichtet. Zu Anfang hatte ich mich vor dem Badezimmer geekelt, das wir gemeinsam benutzten und unter dessen Weiß an vielen Stellen andere Farben zum Vorschein kamen. Als ich mich erschöpft und schwer atmend ins Bett legte, schaute ich die Tapeten an, die gelblich waren und akkurat geklebt, deren Gelb aber an den Rändern ausblich. Es sollten „befreundete Kommunistinnen“ kommen, so hatte sie ihren Besuch genannt. Ich lauschte den Schritten, dem Getrappel im Wohnzimmer und stellte mir die Kommunistinnen bärbeißig und schwer vor, stellte mir vor, wie sie mit ihren dreckigen Stiefeln auf dem zarten Sofa sitzen würden.
Paradies =  von griechisch παράδεισος, Tiergarten

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...