2/18/2013

Radio-Lesung "Angst um Flamingos"

 Am 20. Februar werde ich in der Radio-Sendung "Ambossquietschen" von Dr. Jenny Warnecke zu Gast sein und eigene literarische Texte lesen. Ich habe "Angst um Flamingos" und schlüpfe in die Haut eines Elternmörders, der das Leuchten im Auge der Mutter ausknipst - "Nicht mehr leuchten".

Zu hören in: Radio Dreyeckland, 102.3 mhz
Wann: Mittwoch, 20.2.2013, 20-21 Uhr
Online (livestream): http://www.rdl.de/





2/01/2013

Yogamatte falling


Ich besaß einmal eine Yogamatte, die mir meine Mutter geschenkt hatte. Beim Lüften fiel sie von meinem Fenster in den Bauschacht vor meinem Haus. Weil ich unter Anämie litt, was ich noch nicht ahnte, obgleich alle Anzeichen doch darauf hindeuteten, war mir ständig schwindelig, und ich konnte kaum atmen. Es war Sommer und manchmal fast vierzig Grad heiß. Ich wohnte unter dem Dach in einem ehemals besetzten Haus, und um uns wurde gebaut, manchmal in Vierundzwanzig-Stunden-Schichten – nachts noch sah man die Bauarbeiter unter der Laterne, verschattet, mit tiefen Augenringen, ihre Augen glichen den meinen im blassen Gesicht. Gegenüber wurden Häuser errichtet und direkt vorm Haus Straßenbahnschienen verlegt. Die Schienen feierte ich als Anzeichen der Ankunft der Moderne.
Als ich nach unten ging, um die Yogamatte zu holen, als ich nahe am Schacht stand, um mich Hitze und Staub und die Rufe der Bauarbeiter, wurde mir so schwindelig, dass ich glaubte, es würde sich ein Sog entwickeln und mich, mitten im Versuch der Rettung meiner Yogamatte, ins Nichts ziehen. Ich schaute die Yogamatte noch einmal an: Es war eine besondere Matte mit zotteligem Fellbelag, sie war einmal sehr teuer und edel gewesen und gab warm, und es hatte schon mehr als ein Besucher auf ihr übernachtet. Die Sonne stand hoch am Himmel, ich schaute mir die Straße an, die Tram, das Haus, in dem ich wohnte – von unten ein ungeschlachter Kasten –, und alles kam mir, obgleich doch von unten, nicht von oben betrachtet, sehr klein vor.
Einige Tage später kamen Bagger, und es wurde viel Staub aufgewirbelt und Sand umgeschichtet, und dann war die Yoga-Matte verschwunden.
Allerdings war mir Yoga von jeher suspekt gewesen.

Textauszug aus "Falscher Vater" (2010)

Durch den Hauseingang bricht Licht. Die Gesichter: Schatten. Sie scheinen es eilig zu haben, dahin fließende Schritte, Laute. Ich folge dem Jungen, auf den ich ein Auge geworfen habe, in die Vorlesung: Literatur der Apokalypse. Der Hörsaal ist alt und riecht nach Holz und Orangen. Es ist Herbst. Semesteranfang. Auf dem Tisch vor mir sind Buchstaben eingelassen, in das Holz gestoßen, ausgekratzt, Augen auskratzen, er schaut herüber, ein Junge mit langem Haar, das er zu einem Zopf gebunden hat. Der Professor dramatisiert den Text, den er vorliest, er läuft auf und ab, er öffnet das Buch mit den sieben Siegeln, schon erscheinen die Reiter, es fehlte noch, dass er sich das Haar raufte, ich bin betrunken, ich bin unruhig, ich muss meinen Atem verbergen, mich verkriechen, klein machen vor den Augen, schrumpfen, bis in das Holz hinein.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...