12/19/2012

Bangladesch Unlimited

Bangladesch, sagte die Frau.
Bangladesch, sagte der Mann.
Sie liefen hinter mir. Sie lachten.
Bangla-desch, sagte die Frau erneut.
Haha Bangla-desch, sagte der Mann.
Sie wollten mich wahnsinnig machen. Mich zerstören. Ich lief schneller. Sie liefen auch schneller.
Bahahahngladeeesch, sagte die Frau.
Der Mann lachte.
Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollten. Wussten sie, dass ich einmal einen Text geschrieben hatte mit dem Titel "Bangladesch, sagt Mimi"? Es war und ist zugegeben nicht mein Meisterstück. Ein Stück eher unterhaltsamer Literatur, in dem sich junge Menschen aufhalten, die in Kneipen namens "Blue-Inn" herumhängen. Ich schrieb diesen Text als Teil eines "fiktiven Tagebuchs" in meinen blutjungen Zwanzigern.
Bahahangla-desch, sagte der Mann.
Bahahangla-desch, rief die Frau. Mir wurde heiß.
War diese Frau Mimi?
War sie aus meinem alten Text herausgestiegen, um mich an etwas zu erinnern? Wollte sie mir sagen, dass dieser Text womöglich einen literarischen Schatz barg, dessen ich in all den Jahren nicht gewahr geworden bin?
Die beiden bogen ab. Sie lachten noch immer, sie gackerten, wieherten "Bangladesch!"
Ich schwitzte, trotz des Schnees. Zuhause holte ich den Text aus den Windungen meiner Archive.
Er beginnt so:

Hinter meinem neuen Leben fehlt ein Ausrufungszeichen!
Das ist mir vorhin bewusst geworden, als Mimi mich anrief und irgendwas von „Bangladesch“ sagte, und ich zugeben musste, dass ich gestern nach langer Abstinenz wieder ins Blue Inn gefahren bin. Dort hingen die Jungs von der Darts-Spieler-Clique herum und luden mich zu Tequila Orange ein. Muse war betrunken und hatte extremen Schnupfen. Er fragte den ganzen Abend Leute nach Taschentüchern, zuerst diejenigen, die er gut kannte, dann die ihm nur vom Sehen Bekannten und schließlich ihm völlig Fremde. Er tat mir leid, weil die wenigsten Leute Taschentücher dabeihatten und er ständig in die Toilettenräume verschwinden musste, um Klopapier zu benutzen. Muse und ich wohnen in der gleichen Ecke der Stadt. Wir begegnen uns ständig im Supermarkt. Manchmal verstecke ich mich hinter den Regalen, weil ich, normalerweise nicht unter verbaler Verlegenheit leidend, nicht weiß, was ich sagen soll, wenn Muse mit seinem langen dunklen Haar vor mir steht und sich nervös eine Locke hinters Ohr knautscht. Ich wünschte dann, ich könnte ein Wort sagen, dass uns beide erlösen würde.
"Bangladesch" zum Beispiel.

Ich beschloss, diese Geschichte erneut und für immer zu verbannen.
Bangladesch, klingt es in meinem Ohr.
Vielleicht werde ich eines Tages dorthin reisen und Mimi treffen.



Bären im Park

An Tagen wie diesem streife ich die Nachrichten wie ein umherschweifender Streuner, ein Ignorant, es verflicht sich, was nicht zusammengehört, geht durcheinander:
* Die Tochter des langjährigen südkoreanischen Diktators hat die Präsidentenwahlen gewonnen. Sie heißt Park. Park ist so ein schöner, unschuldiger Name. - Sie hat Stabilität und einen "mütterlichen" Führungsstil angekündigt ... "A walk in the park, a step in the dark?" Ach, ein Park voll Frieden und Frühlingsblumen. Doch es ist Winter.
* Eine Schweizer Schokoladenfirma darf ihren Schoko-Teddy nicht mehr verkaufen, da dieser gegen Markenrechte eines Gummibärchenherstellers verstößt. Bären als Kuscheltiere, in Gummi, auch in Schokolade sind ein Kulturgrauen. Sogar in der Knabberkiste, die ich mir neulich aus moralischer Verkommenheit kaufte, stießen mich die Bären ab. Ich aß sie ganz zuletzt, als mir keine Wahl mehr blieb.
* In meinem Park wandelt nun ein Bär, wie er abstoßender kaum sein könnte. Er hat sich unter dem Vorwand der Harmlosigkeit eingeschlichen und ein Streichholz dabei.
* Ich mag Bären.

12/12/2012

Whisky JETZT

Sollte ich je durchdrehen, dann doch bitte ganz ähnlich wie jener Supermarktarbeiter, den ich heute beobachten durfte: Während er in einem raschen, durchaus eine gewisse Sogwirkung entwickelnden Rhythmus Packungen mit bereits kochfertiger Pasta in das Regal stopfte, Gesten, die einige, vermutlich aus Wut, gespeiste Energie verrieten, sagte er, laut und im gleichen Rhythmus, mit dem er die Packungen dem Regal zuwies: "Whisky JETZT! Whisky JETZT!"
Ich blieb kurz stehen, in angemessener Ferne, in der Nähe des Süßwarenregals, direkt vor den Zitronenkeksen, wartend, ob er noch etwas anderes sagen würde.
Doch nein: "Whisky JETZT! Whisky JETZT", das war alles, was zu hören war, allenfalls fiel mir auf, dass er das "jetzt" besonders betonte, einem Peitschenhieb gleich.
Alle taten, als bemerkten sie nichts, fuhren höflich vorbei mit ihren Einkaufswägen, nicht mal gegenseitig in die Seite stießen sie sich.
Hatte man ihm etwas versprochen, das man nicht eingehalten hatte?
Wieder und wieder sogar?
Hatten sich alle Wünsche, die er gehabt, alle, die sich nicht erfüllt hatten, zusammengezogen, waren geschrumpft, und übrig geblieben war nun ein klumpiges Etwas, die Sehnsucht nach einem Schluck Johnny Walker oder Jim Beam?
Schrieb er heimlich nachts Geschichten über Alkohol und Arbeit, rauchend und fluchend wie Charles Bukowski?
Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich, "Whisky JETZT" im Ohr, die Worte beinahe leise mitklopfend auf dem Griff meines Einkaufswagens, im von ihm vorgegebenen Rhythmus, Schritt um Schritt, Whisky, jetzt, Whisky jetzt, das Regal umrundete und zur Kasse ging, um Brot und Schokolade zu bezahlen.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...