10/13/2012

Kind



Ein Kind mit Ponyfransen, Kinder in Parkas, mit langen Haaren, kleinen Wünschen, großer Hoffnung, verschwitzt hereinkommend vom Spielen, atemlos, Hoola-Hoop-Reifen über dem Arm: Und die Freunde haben sie nicht bis zum Schluss mitspielen lassen! Immer sitzen sie auf den Garagendächern und schauen und spielen Kirschkerne runterspucken, sie kriegen die Kirschen von der Tante mit dem schlechten Atem, aber Kinder, die zu viele davon essen, müssen sterben – Kirschen gegessen, Bauchweh gekriegt, ins Krankenhaus gekommen.
Und wer trocknet ein solches Kind ab, ein verschwitztes, atemloses Kind, ein einen langen Weg gekommenes Kind,  mit diesen Sorgen, dass es zu wenige Murmeln bekommen hat, es hat nicht getroffen, es hat alle verloren, auch die blaue Murmel, die an das Meer erinnert, wo sie einmal waren, mit dem Campingbus, und wo das Kind die rote Mütze trug, und es trotzdem einen Sonnenbrand im Gesicht hatte, die Haut sich löste, in kleinen Fetzen herabhing, wo der Hund starb, ein großer Hund, dort, wo der Campingplatz sandig wurde und wie eine Wüste aussah (lange noch das Hecheln des Hundes im Ohr, die hervorquellenden Augen). 

Das Kind kommt in den kühlen Raum, die Straße war lang, fast hat es sich in die Hose gemacht, es kommt hinein, und das Haus der Eltern ist leer. Das Kind ruft, aber keine Antwort kommt. Wer wird das Kind abtrocknen, das verschwitzte Kind, wo findet es ein Handtuch, die Eltern sitzen auf dem Balkon, die Mutter starrt ins Nichts, der Vater hat seine Hand auf ihrem Knie, aber als das Kind hereinkommt, legt die Mutter die Hand vom Knie, und das Kleid wirft an dieser Stelle noch Falten, zitternde Falten sieht das Kind, und das Kind will rennen, aber der Raum ist endlos, es wird nicht ankommen, nicht heute, so bleibt das Kind stehen und schaut sich nicht um. 

(Sammlung kurzer Texte, 2005-2012)

10/02/2012

Phantastisch

Man kann gar nicht oft genug die wahrhaft "Phantastischen Gebete" Richard Huelsenbecks ins Gedächtnis rufen. Eine Ausgabe dieses Schatzes von 1920 gibt es, noch dazu illustriert vom großartigen George Grosz, hier zum freien download. Eine gewisse nostalgische Verbundenheit spüre ich diesbezüglich auch - lernte ich Huelsenbeck doch im allerersten Seminar an der Universität in Heidelberg zum Thema "Das Wilde" kennen, das ich gemeinsam mit einer Freundin besuchte. Diese tat eines Tages eine Kassette auf - die gelesenen Gedichte hörte ich, bis das Band brüchig wurde und der Tonträger, ohne dass die Angelegenheit je geklärt worden wäre, in meinen Besitz überging. Wer auch in diesen Genuss kommen möchte: hier findet sich eine Version. Trotzdem Huelsenbeck in der Weimarer Zeit politisch links stand, schien er in den 1930ern anfangs mit dem NS-Regime zu sympathisieren - was ich gerade erst las und was mir neu war -, emigrierte später in die USA, wo er als Psychiater arbeitete.
Es lebe das Netz, die Freiheit, der Dadaismus!

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...