12/19/2012

Bangladesch Unlimited

Bangladesch, sagte die Frau.
Bangladesch, sagte der Mann.
Sie liefen hinter mir. Sie lachten.
Bangla-desch, sagte die Frau erneut.
Haha Bangla-desch, sagte der Mann.
Sie wollten mich wahnsinnig machen. Mich zerstören. Ich lief schneller. Sie liefen auch schneller.
Bahahahngladeeesch, sagte die Frau.
Der Mann lachte.
Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollten. Wussten sie, dass ich einmal einen Text geschrieben hatte mit dem Titel "Bangladesch, sagt Mimi"? Es war und ist zugegeben nicht mein Meisterstück. Ein Stück eher unterhaltsamer Literatur, in dem sich junge Menschen aufhalten, die in Kneipen namens "Blue-Inn" herumhängen. Ich schrieb diesen Text als Teil eines "fiktiven Tagebuchs" in meinen blutjungen Zwanzigern.
Bahahangla-desch, sagte der Mann.
Bahahangla-desch, rief die Frau. Mir wurde heiß.
War diese Frau Mimi?
War sie aus meinem alten Text herausgestiegen, um mich an etwas zu erinnern? Wollte sie mir sagen, dass dieser Text womöglich einen literarischen Schatz barg, dessen ich in all den Jahren nicht gewahr geworden bin?
Die beiden bogen ab. Sie lachten noch immer, sie gackerten, wieherten "Bangladesch!"
Ich schwitzte, trotz des Schnees. Zuhause holte ich den Text aus den Windungen meiner Archive.
Er beginnt so:

Hinter meinem neuen Leben fehlt ein Ausrufungszeichen!
Das ist mir vorhin bewusst geworden, als Mimi mich anrief und irgendwas von „Bangladesch“ sagte, und ich zugeben musste, dass ich gestern nach langer Abstinenz wieder ins Blue Inn gefahren bin. Dort hingen die Jungs von der Darts-Spieler-Clique herum und luden mich zu Tequila Orange ein. Muse war betrunken und hatte extremen Schnupfen. Er fragte den ganzen Abend Leute nach Taschentüchern, zuerst diejenigen, die er gut kannte, dann die ihm nur vom Sehen Bekannten und schließlich ihm völlig Fremde. Er tat mir leid, weil die wenigsten Leute Taschentücher dabeihatten und er ständig in die Toilettenräume verschwinden musste, um Klopapier zu benutzen. Muse und ich wohnen in der gleichen Ecke der Stadt. Wir begegnen uns ständig im Supermarkt. Manchmal verstecke ich mich hinter den Regalen, weil ich, normalerweise nicht unter verbaler Verlegenheit leidend, nicht weiß, was ich sagen soll, wenn Muse mit seinem langen dunklen Haar vor mir steht und sich nervös eine Locke hinters Ohr knautscht. Ich wünschte dann, ich könnte ein Wort sagen, dass uns beide erlösen würde.
"Bangladesch" zum Beispiel.

Ich beschloss, diese Geschichte erneut und für immer zu verbannen.
Bangladesch, klingt es in meinem Ohr.
Vielleicht werde ich eines Tages dorthin reisen und Mimi treffen.



Bären im Park

An Tagen wie diesem streife ich die Nachrichten wie ein umherschweifender Streuner, ein Ignorant, es verflicht sich, was nicht zusammengehört, geht durcheinander:
* Die Tochter des langjährigen südkoreanischen Diktators hat die Präsidentenwahlen gewonnen. Sie heißt Park. Park ist so ein schöner, unschuldiger Name. - Sie hat Stabilität und einen "mütterlichen" Führungsstil angekündigt ... "A walk in the park, a step in the dark?" Ach, ein Park voll Frieden und Frühlingsblumen. Doch es ist Winter.
* Eine Schweizer Schokoladenfirma darf ihren Schoko-Teddy nicht mehr verkaufen, da dieser gegen Markenrechte eines Gummibärchenherstellers verstößt. Bären als Kuscheltiere, in Gummi, auch in Schokolade sind ein Kulturgrauen. Sogar in der Knabberkiste, die ich mir neulich aus moralischer Verkommenheit kaufte, stießen mich die Bären ab. Ich aß sie ganz zuletzt, als mir keine Wahl mehr blieb.
* In meinem Park wandelt nun ein Bär, wie er abstoßender kaum sein könnte. Er hat sich unter dem Vorwand der Harmlosigkeit eingeschlichen und ein Streichholz dabei.
* Ich mag Bären.

12/12/2012

Whisky JETZT

Sollte ich je durchdrehen, dann doch bitte ganz ähnlich wie jener Supermarktarbeiter, den ich heute beobachten durfte: Während er in einem raschen, durchaus eine gewisse Sogwirkung entwickelnden Rhythmus Packungen mit bereits kochfertiger Pasta in das Regal stopfte, Gesten, die einige, vermutlich aus Wut, gespeiste Energie verrieten, sagte er, laut und im gleichen Rhythmus, mit dem er die Packungen dem Regal zuwies: "Whisky JETZT! Whisky JETZT!"
Ich blieb kurz stehen, in angemessener Ferne, in der Nähe des Süßwarenregals, direkt vor den Zitronenkeksen, wartend, ob er noch etwas anderes sagen würde.
Doch nein: "Whisky JETZT! Whisky JETZT", das war alles, was zu hören war, allenfalls fiel mir auf, dass er das "jetzt" besonders betonte, einem Peitschenhieb gleich.
Alle taten, als bemerkten sie nichts, fuhren höflich vorbei mit ihren Einkaufswägen, nicht mal gegenseitig in die Seite stießen sie sich.
Hatte man ihm etwas versprochen, das man nicht eingehalten hatte?
Wieder und wieder sogar?
Hatten sich alle Wünsche, die er gehabt, alle, die sich nicht erfüllt hatten, zusammengezogen, waren geschrumpft, und übrig geblieben war nun ein klumpiges Etwas, die Sehnsucht nach einem Schluck Johnny Walker oder Jim Beam?
Schrieb er heimlich nachts Geschichten über Alkohol und Arbeit, rauchend und fluchend wie Charles Bukowski?
Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich, "Whisky JETZT" im Ohr, die Worte beinahe leise mitklopfend auf dem Griff meines Einkaufswagens, im von ihm vorgegebenen Rhythmus, Schritt um Schritt, Whisky, jetzt, Whisky jetzt, das Regal umrundete und zur Kasse ging, um Brot und Schokolade zu bezahlen.

11/23/2012

Dreaming ...

Ich empfehle heute die schöne Bilderserie "Dream Diaries" von Vaka Valo -Alltags- und Anweisungsgrafiken, zu surrealen Albtraumbildern angeordnet.

11/21/2012



Unter Neonlampen aufgewachsen, ließ sich jahrelang das Gefühl nicht abschütteln, es sei nicht hell genug.


10/13/2012

Kind



Ein Kind mit Ponyfransen, Kinder in Parkas, mit langen Haaren, kleinen Wünschen, großer Hoffnung, verschwitzt hereinkommend vom Spielen, atemlos, Hoola-Hoop-Reifen über dem Arm: Und die Freunde haben sie nicht bis zum Schluss mitspielen lassen! Immer sitzen sie auf den Garagendächern und schauen und spielen Kirschkerne runterspucken, sie kriegen die Kirschen von der Tante mit dem schlechten Atem, aber Kinder, die zu viele davon essen, müssen sterben – Kirschen gegessen, Bauchweh gekriegt, ins Krankenhaus gekommen.
Und wer trocknet ein solches Kind ab, ein verschwitztes, atemloses Kind, ein einen langen Weg gekommenes Kind,  mit diesen Sorgen, dass es zu wenige Murmeln bekommen hat, es hat nicht getroffen, es hat alle verloren, auch die blaue Murmel, die an das Meer erinnert, wo sie einmal waren, mit dem Campingbus, und wo das Kind die rote Mütze trug, und es trotzdem einen Sonnenbrand im Gesicht hatte, die Haut sich löste, in kleinen Fetzen herabhing, wo der Hund starb, ein großer Hund, dort, wo der Campingplatz sandig wurde und wie eine Wüste aussah (lange noch das Hecheln des Hundes im Ohr, die hervorquellenden Augen). 

Das Kind kommt in den kühlen Raum, die Straße war lang, fast hat es sich in die Hose gemacht, es kommt hinein, und das Haus der Eltern ist leer. Das Kind ruft, aber keine Antwort kommt. Wer wird das Kind abtrocknen, das verschwitzte Kind, wo findet es ein Handtuch, die Eltern sitzen auf dem Balkon, die Mutter starrt ins Nichts, der Vater hat seine Hand auf ihrem Knie, aber als das Kind hereinkommt, legt die Mutter die Hand vom Knie, und das Kleid wirft an dieser Stelle noch Falten, zitternde Falten sieht das Kind, und das Kind will rennen, aber der Raum ist endlos, es wird nicht ankommen, nicht heute, so bleibt das Kind stehen und schaut sich nicht um. 

(Sammlung kurzer Texte, 2005-2012)

10/02/2012

Phantastisch

Man kann gar nicht oft genug die wahrhaft "Phantastischen Gebete" Richard Huelsenbecks ins Gedächtnis rufen. Eine Ausgabe dieses Schatzes von 1920 gibt es, noch dazu illustriert vom großartigen George Grosz, hier zum freien download. Eine gewisse nostalgische Verbundenheit spüre ich diesbezüglich auch - lernte ich Huelsenbeck doch im allerersten Seminar an der Universität in Heidelberg zum Thema "Das Wilde" kennen, das ich gemeinsam mit einer Freundin besuchte. Diese tat eines Tages eine Kassette auf - die gelesenen Gedichte hörte ich, bis das Band brüchig wurde und der Tonträger, ohne dass die Angelegenheit je geklärt worden wäre, in meinen Besitz überging. Wer auch in diesen Genuss kommen möchte: hier findet sich eine Version. Trotzdem Huelsenbeck in der Weimarer Zeit politisch links stand, schien er in den 1930ern anfangs mit dem NS-Regime zu sympathisieren - was ich gerade erst las und was mir neu war -, emigrierte später in die USA, wo er als Psychiater arbeitete.
Es lebe das Netz, die Freiheit, der Dadaismus!

9/15/2012

Regenspaziergang

An allen Orten gleichen sich Spaziergänge im Regen: der angenehme Schleier über den Dingen, ihr vorsichtiges Leuchten.

8/22/2012

Rostock-Lichtenhagen


Vor zwanzig Jahren warf der deutsche Mob Brandsätze. Ziel war die "Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst)" in Rostock-Lichtenhagen, das so genannte "Sonnenblumenhaus". Damals wurde, nach Mölln und Hoyerswerda, klar, was wieder möglich ist im "neuen Deutschland". Und die Politik wich zurück vor Menschen, die allzu oft als "überfordert" dargestellt wurden, anstatt in ihnen die (potenziellen) Täter zu sehen. 

Links zu einem grauenhaften "Jubiläum":

http://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-politik-jahre-rostock-lichtenhagen-1.1446824

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rechtsextremismus/krawalle-in-rostock-lichtenhagen-was-von-den-feuernaechten-blieb-11863416.html

http://www.spiegel.de/video/die-rassistischen-ausschreitungen-in-rostock-lichtenhagen-1992-video-1216462.html

http://www.publikative.org/2012/08/22/die-konformistische-revolte/

http://www.tagesschau.de/inland/lichtenhagen100.html

http://www.zeit.de/2012/34/Rostock-Lichtenhagen-Rechtsextremismus

http://www.zeit.de/2012/34/Rostock-Lichtenhagen-Rechtsextremismus

Jochen Schmidt: Politische Brandstiftung, http://www.amazon.de/Politische-Brandstiftung-Rostock-Asylbewerberheim-Flammen/dp/336001040X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1345640903&sr=8-1

Bündnis "20 Jahren nach den Pogromen - das Problem heißt Rassismus", http://lichtenhagen.net/

8/05/2012

Randnotizen sensibler Zeitgenossen, I: FRISUREN


Schlimm ist: diese Geste der Friseurin auszuhalten, wenn sie mit ihrer rechten Hand von oben das frisch geschnittene Haar noch einmal prüfend strubbelt, denn meist, wenn sie das tut, ist es viel zu kurz und viel zu stufig geschnitten, und ich verberge ein Schluchzen über mein verstümmeltes Haar und bin doch gezwungen zu lachen, in den Spiegel hinein zu lachen, als könne man nur mit einem Lachen auf den Lippen überprüfen, ob die Frisur stimmt, und ich muss lächeln, um die Friseurin nicht zu verärgern, die tut, als sei sie mit meiner Frisur zufrieden, ja, als handle es sich bei dieser meiner Frisur um ihr lange vorbereitetes, kaum zu übertreffendes, dem Glück und dem Leben mühsam abgerungenes Meisterstück.


7/20/2012

"Arty Nature"

Das Verhältnis von Kunst und Natur ist ein wahrlich großes Thema. Bei Adorno heißt es, Kunst sei „anstatt Nachahmung der Natur, Nachahmung des Naturschönen.“
Ein paar Bilder - in Videofolge - von künstlicher Natur findet ihr auf dieser Seite meines Blogs.

(das kurze Video kann unten rechts auf Bildschirmgröße gebracht werden).



6/18/2012

Hymnen an Essen_Imitat Thai Suppe


Imitat Thai-Suppe

Nudeln, kurz erhitzt, Pfefferkörner ganz,
Karotten, Gewürze, Soja-Schuss,
Zu essen mit angehaltenem
Atem und schlürfend,
Weihevoll, wie der 
Gang in einen Tempel mit
Dunklem Innern

6/16/2012

Wiedergelesen: J´ ai tué ...

„Die Sonne ist den ganzen Tag über den Himmel gewandert. Ich wollte sie für uns entzweischneiden. Ich hätte dir das größere Stück überlassen, wie früher bei der Lammschulter.“




Ich habe Emma S. getötet:
So heißt das Buch der Autorin Emma Santos, das 1976 in der édition des femmes erschienen ist und das mit dieser Selbstauslöschung einer obsessiv Liebenden endet: „In dem Augenblick, als er am 2. Juli 1975 nicht zu der Verabredung beim Psychiater gekommen ist, habe ich Emma S. getötet, Emma S., die Schriftstellerin, mit einem vom MANN auferlegten Namen, seinem Namen, literarische und psychiatrische Frau ...“. Emma S., ein Pseudonym – die Autorin ist tatsächlich ‚tot‘, im Sinne der Rezeption zumindest: Kaum eine Spur von ihr im Internet, die irgendwann in den 1940er Jahren geboren, und früh, 1983, gestorben ist. Die Bücher: vergriffen.

Sicherlich, vieles, was in „Emma S.“ steht, erinnert an die typischen Merkmale der 1970er Frauenliteratur: die Frau als die unterdrückte, vom Mann gemachte, vom Mann und der Gesellschaft als wahnsinnig abgestempelte Andere ... Abtreibung und Gebären spielen zentrale Rollen, das Ringen um das Schreiben und das Ringen um den weiblichen Körper – eng verknüpft. Die radikale Innerlichkeit und die Larmoyanz, der intensive Verweis auf die eigene Autobiographie, das alles befremdet heute.

Und doch ... Das Buch schildert den Sog des Begehrens mit wenigen Strichen: „Deine Silhouette wie ein hüpfendes Kind, trotz deiner vierzig Jahre. Deine schmalen Hüften und Dein starker Penis.“ – Und es entwirft eine poetische Annäherung an die darunter lauernde Obsession: „Ich verwechselte dich mit der Krabbe, und mein Körper heulte auf: Dich unter deiner Schale aus Härte platzen zu sehen, deine Rinde abzuschälen“.
Mich erinnerten zahlreiche Passagen an Ingeborg Bachmanns Malina ‒ thematisch, bisweilen sogar sprachlich: Auch in „Emma S.“ geht es um Sprache und Identität, Wahnsinn und Ausschluss der bürgerlichen Frau. Das Ich des Buchs wird von ihrem Mann gedemütigt und verlassen, nach ihrer obsessiven Reaktion mit Elektroschocks gequält, in geschlossene Räume gesperrt, schließlich der deprimierenden Gleichförmigkeit einer „Tagesklinik“ überlassen, vor deren Toren Männer darauf warten, die „wahnsinnigen“ Frauen ins Bett zu kriegen: „In den letzten Tagen im psychiatrischen Zentrum ist es zu heiß und wir schleppen uns herum wie an den letzten Schultagen vor den großen Ferien. Wir gehen in die Kneipen. Wir versuchen, uns von den Proletariern im Café einen ausgeben zu lassen ...“

Die zeitgenössische Literaturkritik war gespalten, die ZEIT lobte 1978 zwar, dass „die Geschichte Eindruck“ mache, „weil sie die zerstörerische Dimension von Liebesbeziehungen durch das Ende begreifen lehrt“, konnte dem Buch ansonsten aber wenig abgewinnen: „Emma Santos Sprache geht über das Klischee vom neuen, anderen Schreiben nicht hinaus; sie gerät ihr zu einer nur noch prätentiösen Unmittelbarkeit der kurzen Sätze, deren anspruchsvolle Simplizität schwer erträglich ist.“

Diesem Urteil schließe ich mich nicht an – es ist gerade die Knappheit der Sprache, die „Unmittelbarkeit der kurzen Sätze“, die das Buch lesenwert macht und die vielleicht heute sogar besser verstanden, ja, goutiert werden könnte – für die Bühne ist „J`ai tué Emma S.“ zumindest aktuell adaptiert worden. Und es gibt eine schonungslose Selbstauslieferung von Autorin und Figur zu entdecken, die der zeitgenössischen Literatur bisweilen fehlt.

6/10/2012

Jenseits des Geniebegriffs

Vom "Genie" haben die Deutschen besondere Vorstellungen. Genie und Wahnsinn liegen darin bekanntlich dicht beieinander. Auch das Leiden der Anderen gehört dazu - die Tyrannei erscheint als kathartische Angelegenheit.
Einer, auf den viele dieser Genie-Attribute zutreffen, war der Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder, dem das deutsche Kino einige seiner verstörendsten und beeindruckendsten Filme verdankt. Dass die Künstler in Fassbinders Umfeld von seinem Wesen nicht nur inspiriert, sondern auch gequält waren, ist bekannt. Die Süddeutsche Zeitung beleuchtet einige der Schicksale in Fassbinders Umfeld:

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fassbinders-frauen-und-maenner-liebe-hass-und-abhaengigkeit-1.1371311
Träume:
I. "Redakteurinnen"


Als Redakteurinnen waren unsere Aufgaben vielfältig, ich will nicht sagen, unerfüllbar: Wir mussten morgens früh, wenn der Tau auf den Gräsern lag und die Finger vor Kälte juckten, zuerst den alten blauen Eimer ausleeren, der vor dem Haus stand. Der Schwall des Wassers – ein Geräusch wie eine heftige Regenflut, eine Sintflut, die alles mit sich wegreißt.
Die Ausübung dieser Aufgabe habe eine kathartische Wirkung, hatte man uns erklärt. Zugleich mit dem Wasser spülten wir unsere alten Existenzen, den Schmutz der Vergangenheit, das Gestern und die Fehler davon.
Und die kleinen Fliegen, die sich gerade im Sommer zu Dutzenden auf der Wasseroberfläche wanden, zuckten, und die, ertrunken, eine Insektendecke bildeten. 


5/02/2012

Gute Esser, gute Deutsche - Gisela Elsner zum Geburtstag

"Mein Vater ist ein guter Esser. Er läßt sich nicht nötigen." So beginnt Gisela Elsners Buch "Die Riesenzwerge" aus dem Jahr 1964. Nicht nur die kleinbürgerliche Fress-Gier der hässlichen Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde hier parodistisch transzendiert. Elsners Debüt sollte zugleich ihr größter literarischer Erfolg bleiben. Spätere Werke, die ob ihrer Nüchternheit, ihrem Formalismus, der Kritik an Kapitalismus, Patriarchat und Kleinbürgertum immer wieder zu Recht mit denen Elfriede Jelineks verglichen werden, erhielten nicht diese Anerkennung: 
Heute wäre Gisela Elsner, die sich 1992 das Leben nahm, 75 Jahre alt geworden.

Ich möchte hier auf einen älteren Blog-Post zu Elsner verweisen, ferner auf ...:

- "Worte wie Messer und Blei", Artikel im Neuen Deutschland, 2.5. 2012 
- Der Flyer zu einem Symposium in Sulzbach-Rosenberg - "Ikonisierung, Kritik, Wiederentdeckung", 10.-12.5. 2012
- Interview mit ihrem Sohn Oskar Roehler im SPIEGEL 38 / 2011 
- "Was die Bombensplitter säten" - zu Elsners "Fliegeralarm", FAZ,  26.2.2010
-  Über den Ausverkauf ihrer Bücher - SPIEGEL 25 / 1992
- Linksammlung FU Berlin

4/28/2012

Utopisches

" ... Ist es uns doch nicht eingefallen, ihn zu fragen, noch ihm von freien Stücken zu sagen, in welcher Gegend des neuen Welttheils Utopia liegt. Lieber möcht' ich es mich eine ziemliche Summe Geldes haben kosten lassen, als daß uns das widerfahren wäre, theils, weil ich mich wirklich schäme, nicht zu wissen, in welchem Weltmeere die Insel liegt, über die ich so viel schreibe, theils weil es den Einen oder Andern bei uns gibt, Einen aber vor allen, einen frommen Mann, von Beruf Gottesgelehrten, der vor Begierde brennt, Utopien zu betreten, nicht aus einem eiteln und neugierigen Gelüsten, Neues zu sehen, sondern um unsere Religion, die dort einen vielversprechenden Anfang genommen hat, zu fördern und zu verbreiten. 

Um dies in regelrechtem Gange zu erreichen, will er bewirken, daß er vom Papste dorthin gesendet, dann von den Utopiern zum Bischof gewählt wird, indem er keinen Augenblick bezweifelt, daß er zu dieser Vorsteherwürde durch Bitten gelangen werde. Er hält dies für einen frommen Ehrgeiz, nicht den Rücksichten auf weltliche Ehren und Gewinn, sondern religiösen Motiven entsprungen. Darum bitte ich Dich, lieber Peter, entweder, wenn möglich, mündlich, sonst aber brieflich, dem Hythlodäus anzuliegen, daß in meinem Werke nichts Falsches stehen bleibe, aber auch nichts, was wahr ist, vermißt werde." (Thomas Morus, Utopia)

Werkstatt: Anfang eines aktuellen Texts:


Mit deinem Alleinsein damals habe ich nichts zu tun.
Als du mutterseelenverlassen gespielt hast auf dem Beton, mit Ameisen, oder gegen die Ameisen, an einem Tag im Spätfrühling; die Ameisen, die ja sich hatten, ihren Stamm Schwarm, und du hast draufgehauen, bis sie kleine Matschflecken waren, winzig. Es war kühl geworden, aber deine Mutter rief dich nicht, schon den dritten oder vierten Tag hast du auf ihre Stimme gewartet und immer härter geschlagen, kleiner, vor Wut ganz gespannter Junge, ein Körper Pfeil, wie du aufgestanden bist, die Haare zurückgeworfen, die Hände in die Taschen – waren sie zu Fäusten geballt? – Und wieder kein Ruf. Nur der Wind, stärker werdend in der Siedlung, streicht über das letzte Gras.


Von Menschen und Pflanzen

Eine Empfehlung - die Künstlerin Elizaveta Porodina, in deren Bildern menschliche Körper und Pflanzen ineinander über gehen:

Elizaveta Porodina, 2. Platz Sony World Photography Awards 2012, nur für diese BIGA verwenden.

2/20/2012

Ein Kind



Ein Kind mit Ponyfransen, Kinder in Parkas, mit zu langen Haaren, kleinen Wünschen, großer Hoffnung, verschwitzt hereinkommend vom Spielen, atemlos, Hoola-Hoop-Reifen über dem Arm, und die Freunde haben sie nicht bis zum Schluss mitspielen lassen: Immer sitzen sie auf den Garagendächern und schauen und spielen Kirschkerne runterspucken, sie kriegen die Kirschen von der Tante mit dem schlechten Atem, aber Kinder, die zu viele davon essen, müssen sterben – Kirschen gegessen, Bauchweh gekriegt, ins Krankenhaus gekommen.
Und wer trocknet ein solches Kind ab, ein verschwitztes, atemloses Kind, ein einen langen Weg gekommenes Kind,  mit diesen Sorgen, dass es zu wenige Murmeln bekommen hat, es hat nicht getroffen, es hat alle verloren, auch die blaue Murmel, die an das Meer erinnert, wo sie einmal waren, mit dem Campingbus, und wo das Kind die rote Mütze trug, und es trotzdem einen Sonnenbrand im Gesicht hatte, die Haut sich löste, in kleinen Fetzen herabhing, wo der Hund starb, ein großer Hund, dort, wo der Campingplatz sandig wurde und wie eine Wüste aussah (lange noch das Hecheln des Hundes im Ohr, die hervorquellenden Augen).
Das Kind kommt in den kühlen Raum, die Straße war lang, fast hat es sich in die Hose gemacht, es kommt hinein, und das Haus der Eltern ist leer. Das Kind ruft, aber keine Antwort kommt. Wer wird das Kind abtrocknen, das verschwitzte Kind, wo findet es ein Handtuch, die Eltern sitzen auf dem Balkon, die Mutter starrt ins Nichts, der Vater hat seine Hand auf ihrem Knie, aber als das Kind hereinkommt, legt die Mutter die Hand vom Knie, und das Kleid wirft an dieser Stelle noch Falten, zitternde Falten sieht das Kind, und das Kind will rennen, aber der Raum ist endlos, es wird nicht ankommen, nicht heute, so bleibt das Kind stehen und schaut sich nicht um.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...