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Dichtende Diktatoren

Lange plante ich, ein Buch über dichtende Diktatoren zu schreiben. Wer hat in der Geschichte nicht alles zarte Verse zustande gebracht - auch sensible Seelen wie Stalin griffen gerne mal zur Naturmetapher. Man ist mir allerdings vor Kurzem zuvor gekommen, und so danke ich ganz und gar und mehr oder weniger neidlos dem Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke, der sich mit seinem Buch Despoten dichten dieses Themas endlich angenommen hat - und empfehle gleich noch ein weiteres Diktatoren-Buch, das bereits aus den 1990ern stammt, aber immer noch amüsant ist: Sex Lives of the Great Dictators (von Nigel Cawthorne). User-Kommentare auf amazon wie der folgende sollten da nicht abschrecken: "Although I do not have a weak stomach, this book is one of the most disgusting books I have ever read."

Die Nebentätigkeiten der Diktatoren faszinieren mich jedenfalls seit geraumer Zeit - und ich frage mich, welcher Zusammenhang zwischen dem Schreiben von Gedichten und Tyrannei bestehen mag. Der gerade verstorbene Kim Jong-Il soll jedenfalls über 1 500 Bücher verfasst haben, darunter Texte zu Musik, Kino und "Schauspielkunst", aber auch Werke, die sich mit etwas naheliegenderen Themen auseinandersetzen, so beispielsweise Let Us Advance Under the Banner of Marxism-Leninism and the Juche Idea.
Ja, die gute alte Juche! - Sie war schon dem ebenso feinsinnigen Vater Jong-Ils, Kim Il Sung, der diese eigene nordkoreanische Ideologie eigenhändig entwickelte, einige Zeilen wert.
Schön die Zusammenfassung auf wikipedia: "Kernpunkte der Ideologie sind, dass die Interessen der eigenen Nation über denen der internationalen kommunistischen Bewegung stehen würden und dass ein „Arbeiterführer“ die Gesellschaft transformieren müsse. Zudem wird über eine „besondere“ Rolle Koreas gesprochen, das im Mittelpunkt der Welt stehe."
Bescheidenheit gilt den Diktatoren nichts, und dies ist für Nordkorea insbesondere zu bestätigen. Allerdings ersetzte der liebende Sohn die großartigen politischen Ideen des Vaters zunehmend durch seine eigenen und entwickelte die nicht minder herzerwärmende Sŏn’gun-Ideologie, die allerdings nicht den gleichen Anklang fand wie die international zeitweilig recht beliebte Juche.