9/28/2011

Lyrik hören

Nicht neu, aber schön: Paul Celan, den für mich besten Dichter des 20. Jahrhunderts, hören - von ihm selbst gelesen.

9/17/2011

Ausrastende Frauen

Wenn erwachsene Frauen in deutschen Filmen ausrasten, zerbrechen sie Tassen, wischen Dinge vom Tisch, trommeln darauf herum oder an die Brust von jemandem und wirken vollständig unsouverän, emotional und abgedreht. Das soll vielleicht irgendwie realistisch rüberkommen; jedoch habe ich im realen Leben niemals eine Frau so ausrasten sehen. Mich erinnern diese Darstellungen vielmehr an Freuds "Studien über Hysterie" (1895):

"Es bestanden zwei ganz getrennte Bewußtseinszustände, die sehr oft und unvermittelt abwechselten. [...] In einem kannte sie ihre Umgebung, war traurig und ängstlich, aber relativ normal; im anderen hallucinierte sie, war "ungezogen", d.h. schimpfte, warf die Kissen nach den Leuten, [...], riss mit den beweglichen Fingern die Knöpfe von Decken und Wäsche und dgl. mehr."

Die Frauen im Film rasten auch nicht aus wie Männer, die dabei irgendwie cool, souverän und Herren der Lage bleiben. Als kleine Illustration hier eine Szene aus Über uns das All, dessen Qualität ich damit gar nicht beurteilen möchte, zumal ich Sandra Hüller für eine hervorragende Schauspielerin halte.

9/13/2011

Der Blick des Anderen: Le Havre

Es sind die Blicke: dieses ruhige, stoische, intensive Starren. Die Figuren des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki schauen sich ihr Gegenüber, die Situation, ja die Welt zunächst einmal in allergrößter Ruhe und ohne eine Miene zu verziehen an. Egal, ob sie Clochards, Polizisten oder aber illegale Einwanderer sind, welche die herbeigeeilten Sanitäter und uns Zuschauer aus einem Container heraus anblicken.
Auch im neuen Film "Le Havre" wird viel in die Welt und vor sich hin gestarrt. Der mittellose Ex-Bohèmien mit dem bezeichnenden Namen Marcel Marx, der sich als Schuhputzer in der französischen, titelgebenden Hafenstadt verdingt, reiht sich hier in die übliche Figurenriege Kaurismäkis ein. Ob seine Frau an Krebs erkrankt oder ob er einen jungen schwarzen Einwanderer findet, der seine Hilfe braucht - die Widrigkeiten des Lebens werden mit beinahe obszönem Stoizismus beantwortet. Doch es ist gerade dieser ruhige Blick von Mensch zu Mensch, der die Figuren zum Handeln zu bringen scheint: Der Blick der ausgezehrten illegal eingeschmuggelten Menschen im Container, zu denen der Junge Idrissa gehört, der Marcel Marx von seinem Versteck aus unter einem Brückenpfeiler, knietief im Wasser stehend, einfach nur anblickt. Man könnte im Sinne des Philosophen Levinas sagen: Es ist der Andere, der dich anblickt und dir damit die Verpflichtung auferlegt, ihm gerecht zu werden. Diese Gerechtigkeit vollzieht sich in Le Havre ebenfalls mit der allergrößten Ruhe. Die Figuren helfen einfach, sie zeigen selbstlose Solidarität, so als wäre das der überhaupt einzige Weg. Ein Märchen der Humanität im schick gestylten und doch absolut realistisch wirkenden 60er-Jahre Interieur. Schön, anrührend, lustig und sehenswert.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...