9/26/2009

Traurige politische Sozialisationen

Ich wuchs mit den Liedern aus dem KJG-Liederbuch auf. Man schlug eine der auf Umweltpapier gedruckten und daher kaum lesbaren Seiten auf, griff sich die Gitarre und sang einen Song, von dem man das Gefühl hatte, er drücke irgendwie "was Politisches" aus. Da gab es Klassiker wie "Blowing in the wind", DDR-Oppositions-Songs wie "Sind so kleine Hände", aber manchmal entdeckte man auch ein Lied, das sonst kaum einer kannte: So der Politsong "Aufstehen" von den Bots. Niemand wollte ihn je mit mir singen. Ich war fasziniert von den scheinbar überzeitlichen Wahrheiten, die in den Zeilen steckten: "Alle, die nicht gern Instantbrühe trinken, sollen aufstehen ... Alle, die nicht schon im Hirn nach Deospray stinken, sollen aufstehen ...". Heute frage ich mich eher: Was hatten die und was ist überhaupt genau "Instantbrühe"? Und warum stinkt Deospray? Beim Wiederhören des Liedes auf youtube dachte ich dann nur noch: Welche grauenvolle politische Sozialisation musste ich erfahren? Und ist es dann noch verwunderlich, dass ich nicht weiß, wen ich morgen wählen soll?

Diktatorentypisch

Nach dem Auftritt von Lybiens Staatschef Muammar al-Gaddafi vor der UN-Versammlung fragte ich mich nicht nur, was die Vereinten Nationen eigentlich erreichen sollen, solange Staatschefs dieses Kalibers dort vertreten sind. Ich fragte mich nach Gaddafis Wutrede, in welcher er die UN als "Terrorrat" bezeichnete und nach seinem Zerfetzen der Charta, warum alle Diktatoren, gleich ob historische Persönlichkeiten oder aktuell auf dem Weltparkett flanierend, ähnliche Charaktermerkmale aufzuweisen scheinen: Selbstherrlich, narzisstisch, ausufernde Reden haltend und, mit zunehmender Macht, irgendwann meistens in den Wahnsinn abgleitend. Gadaffi wurde im eigenen Land jedenfalls gefeiert - sogar von Oppositionellen. Was natürlich auch bedeutet: Kein Diktator ohne Diktatorierte - und: Jeder Wahnsinn ist Kind seiner Zeit.

9/22/2009

Retro-Wahlkampf

Bisheriges Fazit aus der ARD-Sendung zur Geschichte bundesrepublikanischer Wahlkämpfe:
(sehr zum empfehlen: http://mediathek.ard.de/ard/servlet/content/3025230).

1. Die weitverbreitete Annahme, dass die alten Polit-Haudegen wie Schmidt, Wehner und Strauss IMMER weitaus gehaltvollere Sachen sagten als Politiker heute, ist ein Mythos.
2. Helmut Schmidt klingt gar nicht so norddeutsch, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...