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Es werden Posts vom Juli, 2009 angezeigt.

Revolutionär Tod

Dass der eigentliche Revolutionär der Tod ist, wussten schon die Dadaisten. Es bleibt nur, diese hin und wieder zu zitieren (und man behaupte nicht, ich sei depressiv):

Richard Huelsenbeck

Tod (1919)

Größer als das Beefsteak ist der Tod
trägt er die ungeheueren Augen wie zwei Zinnoberwolken
durchs Land
daß die Sonne in bleicher Furcht hinsinkt der Schutzmann
erstarrt
und das Meer schreit aus seinem Schlaf großes Wunder
ja Leichenwagenprozessionen schwankende Wagen mit
wohlgenährten Leichen
auch Jungfrauen denen der Kuß starr ward auf Lippe und
Stirn
(...)
Allgewaltiger Töter Revolutionär
Achtung sind wir Verachtung zugleich
Die wir Menschen formen nach dir

Der Kapitalismus

Dass man über den Kapitalismus an sich nur schlechte Gedichte schreiben kann, erfuhr ich schmerzhaft vor einigen Jahren, als folgende lyrische Reflexion über das kapitalistische System entstand, in dem sich die Leute über Minister-Dienstwagen mehr ereifern als über den Gesamtzustand desselben:


Runtergespult

Der Kapitalismus hat uns
Runtergespult

Wie ein ulkiges
Lied hat er

Uns abgenudelt durchgenu
Deldt und ausgespuckt

In einem Bogen so
Hoch wie ein

Werbebanner
Über den

Wolken

Runtergeholt nach
Großer
Fahrt

Als wir Himmel
Um Himmel
Durchquerten

Allein mit unserem
Atem
Fleiß
Und
Korruptem
Stolz

Kleinbürgerliche Phantasie

Dass Politiker lügen, ist eine kleinbürgerliche Weisheit. Die sie äußern sind meistens noch gefährlicher als die von ihnen geschmähten Politiker. Dass ein Fünkchen Prahlerei aber doch zum Geschäft gehört und den sich in der Politik tummelnden Persönlichkeiten in Fleisch und Blut übergeht, zeigte diese Meldung: "Günther Beckstein im Urlaub fast von Alligator gefressen".
Man stellt sich dabei buchstäblich vor, wie der Anzugzipfel des sympathischen Bayern im Maul eines riesigen Alligators hängt - nicht ganz ungern, zugegeben.
Um ein Haar wäre ich von einem Alligator gefressen worden", heißt es dann auch von seiten des CSU-Politikers. "Meine Frau und ich fuhren in einem Kanu durch die Everglades und beobachteten Schildkröten und riesige Alligatoren - plötzlich kenterten wir". Soweit Beckstein zur Gefahrenlage. Dann aber: "Doch Gott sei Dank griff uns kein Alligator an." Ach so. Schön, dass solche Führungspersönlichkeiten da sind, wo es doch nur um ein paar…

Billige Späße

In der Krise regrediert man. Ich zumindest. Heute laut aufgelacht, als ich den Namen des neuen Porsche-Chefs in der Zeitung las. Gibt es etwas Schöneres, als einen neuen Konzernchef, der MICHAEL MACHT heißt? Reiß das Ruder rum, Michael, hol dir die Macht auf den Schreibtisch!
Durch die Alliteration entsteht zusätzlich etwas Comichaftes und Groteskes, so in Richtung "Donald Duck" (oder besser Dago, der alte Kapitalist). Mein Kopf hörte nicht auf, mögliche Alternativnamen auszuspucken, wie "Roland Rad", "Konrad Kapital", "Silvio Speed". Dabei festgestellt: Die Wirklichkeit ist manchmal lustiger als die Phantasie - und "Michael Macht" unschlagbar.
In den 70ern gab es ein Aufklärungsbuch mit einer Hauptfigur namens "Peter Penis", aber halt, das geht zu weit. Kann doch nichts dafür, der gute Mann. Also, für den Namen.

Prokrastinierende Diktatoren

Das Aufschieben von Dingen hat mittlerweile einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So gibt es nicht nur Bücher über die lustvolle Seite dieser Angewohnheit, sondern es entstehen auch wissenschaftliche Werke darüber. Prokrastinierer gelten demnach als sensible, aber unglückliche Wesen - als sympathisch aber allemal. Nicht alle bewundern die Zauderer. Bernie Ecclestone von der Formel Eins haben es die echten Führerpersönlichkeiten angetan. So sagte er: "... abgesehen von der Tatsache, dass Hitler mitgerissen und überredet wurde, Dinge zu tun, von denen ich nicht weiß, ob er sie tun wollte oder nicht - konnte er viele Menschen führen und war fähig, Dinge zu erledigen."
Schön, dass wenigstens einer die zupackende Seite des nationalsozialistischen Diktators zu schätzen weiß. "Neues KZ eröffnen? Wird erledigt! Angriffskrieg starten? Sofort!" Dies beweist allerdings, dass Prokrastination eine ehtische Angelegenheit ist, denn: Wäre Hitler Prokrastinierer gewesen, hätte die…

Stasi im Kopf der Christen

Es gibt sie noch: Erwachsene, die gegen die BRAVO kämpfen! Zu meiner Jugendzeit gehörten in diese Kategorie zum Beispiel engstirnige Bademeister, finstere, patriarchalische Familienväter, überkandidelte Bildungsbürgermütter.
Die Seite des "DVCK e.V.", der 1983 gegründet wurde und dem der "selbstlose Schutz der geistigen, sozialen und kulturellen Werte der christlich-abendländischen Kultur und Zivilisation" am Herzen liegt, die "von einer seit mehr als fünf Jahrhunderte anhaltenden zersetzenden Revolution nach und nach zerstört werden soll" entführt in ein herrliches Erziehungsmittelalter, das allerdings in Deutschland noch gar nicht so lange her ist. Hier wird die BRAVO gegeißelt, dass es eine Art ist. So heißt es auf der Webpage: "Bravo - eine Welt von Unmoral": "In was für einer Welt werden unsere Kinder und Enkel aufwachsen, wenn die Flut von Pornographie, Blasphemie und Unmoral in den Medien immer weiter ansteigt?" Die aufrechten Ch…