Direkt zum Hauptbereich

Worte, die uns bleiben

Heute in einem Text folgendes Wort entdeckt: "Stegreif". Es kam mir falsch geschrieben vor. Aber "Stehgreif" sieht auch falsch aus. Ist auch falsch, denn es heißt "Stegreif". Stegreif kommt nur gemeinsam mit "aus dem" vor. Ich stellte mir daher vor, falls ich mir überhaupt etwas vorstellte, Stegreif müsse aus "steh" und "greif" zusammen gesetzt sein. Mir fiel ferner auf, dass ich nie über dieses Wort nachgedacht hatte. Zumindest nicht in den letzten Jahren. Seit 1989 zumindest nicht mehr. 1989 ist eine schöne Zäsur, die immer passt. War ja auch eine Menge los 1989. Kaum einem historischen Ereignis würde man aber bescheinigen, "aus dem Stegreif" gekommen zu sein. Weil man sich Geschichte immer so vorstellt, zumindest inzwischen, dass bestimmte langatmige Prozesse zusammenfallen, ineinanderwirken, Stränge sich überkreuzen etc. Der Stegreif hingegen ist eine veraltete Bezeichnung für den Steigbügel eines Reiters, zusammengesetzt aus den Bestandteilen „steigen“ und „Reif“. Ein richtig sympathisches Wort, um genau zu sein. Denn aus dem Stegreif heißt übertragen "ohne vom Pferd zu steigen". Das Wort hat also mit "greif" nichts zu tun und ist daher viel unschuldiger und weniger kapitalistisch als ich dachte, und viel unschuldiger als ich allemal.

Kommentare

pbaur hat gesagt…
'Stegreif' - wie lange war das für mich der Reif am Steg zum alten Bootshaus in der Frühe eines Wintermorgens!

Die Wahrheit erfuhr ich erst im Jahre 1989.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Lernen

In der Grundschule hörten wir das Weihnachtsoratorium ganz an. Die Lehrerin brachte dazu einen Kassettenrecorder mit. Es war keine Fassung für Kinder. Sie hatte auch eine Aufnahme des "Freischütz". Erinnerlich ist mir, dass es um Kugeln ging und das Wort "äffen". Unsere Lehrerin trug einen Dutt und halblange Röcke. Ihre Haut war fest und dunkel und voller Leberflecken. Sie war nicht so viel älter als ich jetzt bin. Ihre Stimme war tief und rauchig, wie die einer Jazz-Sängerin. Einmal haute sie einem "Rabauken" mit dem Lineal auf die Finger. Ein Junge mit italienischem Namen half mir beim Versteckspiel als ich keuchend durch den sich verengenden Hof rannte. Bei den "Jungs aus der Türkei", wie wir sie nannten, hatte ich einen Stein im Brett. Sie wollten mich zur Klassensprecherin wählen, aber ich stand nicht zur Wahl, weil ich zu schüchtern war. Niemand fragte nach ihrer Geschichte.
Zu zweit holten wir Milch und Kakao in Körben aus dem Zimmer des …

Raum

Wenn du gehst, suchst du den Raum. Niemand zeigt dir den Weg
Am Horizont ist er sichtbar Als Punkt, alle Linien Laufen auf ihn zu
Es gibt ihn, und läge Er hinter Tapeten Verschwändest du Dorthin

Was ich an Silvester tat

Meinem Vater zusehen, wie er im Garten schwitzend versucht, Raketen zu zünden, die nicht explodieren. Staunen, wenn der Himmel voller Lichtpunkte ist, während wir wie Götter die ganze Stadt überblicken vom Balkon der Großmutter. Zigaretten aus dem Dachfenster rauchen und Liebeskummer haben. Käsefondue mit echtem Käse zubereiten, der noch gerieben werden muss. Fondue mit Packungskäse zubereiten, der schon fertig ist. Alles falsch mischen, so dass die Gäste beschwipst werden. Knoblauch nachkaufen. Käse nachkaufen. Sekt nachkaufen an der Tankstelle. Raclettepfännchen zerkratzen. Pfännchen schonend behandeln, weil man etwas gelernt hat. Mit Freunden beim Essen tanzen und sich dabei ein Handtuch auf den Kopf ziehen. Ein traditionelles chinesisches Orakel legen, bei dem es 64 Zeichen gibt und um Wandlung geht. Nach dem Essen noch ohne Freunde in meine Stammbar ziehen und ihm zusehen, wie er eine andere Frau küsst. Im Schnee an Straßenbahngleisen gehen und hinfallen, das Geräusch beim Aufpra…