3/23/2009

Richtige und falsche Namen

Rainer David Precht heißt natürlich Richard. Also, David Precht. Richard David Precht. Rainer hieß der Junge, der mir, als ich mit dreieinhalb Jahren aus dem Hochhaus, wo wir wohnten, auszog, seine Spielzeugpistole schenkte. Ein Teufel, wer Böses dabei denkt (z.B. Militarismus oder Amokläufe), es war eine unschuldige Zeit.
Von manchen Leuten kann man sich die Namen nie merken. Von anderen die Geburtstage. Oder sie sind einmal falsch abgespeichert, und das hält dann. Jahrelang. Jahrzehntelang. Eine sehr gute Freundin hat für mich jahrelang im August Geburtstag gehabt, dabei war es September. Als ich den September drauf hatte, merkte ich mir den falschen Tag. Es ist sogar so, dass ich mir von wirklich sehr guten Freunden die Geburtstage oft schlechter merken kann als von mittelguten. Mit Namen ist das nicht unbedingt der Fall.
Richard David Precht habe ich mir hingegen sicherlich bedingt durch einen leichten Trotz, überhaupt über ihn zu schreiben, falsch gemerkt. Eigentlich wusste ich genau, dass er Richard heißt. Also: David Precht. Richard David Precht. Und Richard ist ein ehrenwerter Mann. Ich meine, der Mann schreibt so banale Sachen und hat so viele Bücher veröffentlicht! Und Geld verdient! Und ich schreibe hier einen ziemlich banalen Blog über Namen und wie sieht es auf meinem Konto aus? Hm?

3/14/2009

Einkaufen mit Karadzic

Nachdem mir neulich der Straßenbahnschaffner auffiel, der wie Ronald Reagan aussah, und ich freundlicherweise darauf hingewiesen wurde, dass es in unserer Stadt auch einen Supermarktkassierer gibt, der wie George W. Bush aussieht, begegnete ich heute Radovan Karadžić beim Einkaufen. Gelassen, grau und leicht mürrisch ging der entsprechende Herr die Einkaufsstraße entlang. So also hätte die Geschichte auch ausgehen können, dachte ich, wenn der Gute Psychiater geblieben wäre. Paar Patienten mit Medikamenten ruhig gestellt, und dann den Samstag beim Einkaufsbummel genossen. Nun also ist stattdessen das Tribunal in Den Haag daraus geworden. Auf youtube kann man die Verteidigungsrede des Ex-Psychiaters anhören:
http://www.youtube.com/watch?v=ASuuB1rgmR0
Auch als Massenverbrecher hat Karadzic noch eine Menge Anhänger. Unter dem Video finden sich einige Kommentare wie dieses: "long live radovan/long live Mladic/Long live REPUBLIKA SRPSKA".
Der Mann heute mittag, der wie Karadzic aussah, wirkte etwas weniger charismatisch. Was weiter aus ihm geworden ist, weiß ich nicht, nur dass er in einen Einrichtungsladen abbog, was mir nicht gerade nach einem anschließenden militärischen Werdegang aussah.

Liebe und Trash

Neulich habe ich das Trash-Format "Papa gesucht" angeschaut und an mir gezweifelt. "Papa gesucht" handelt davon, wie sich alleinerziehende Mütter einen Mann erwählen. Die Serie gehört wie auch "Schwiegertochter gesucht" zur Reihe der schmierigen Nachfolgesendungen von "Bauer sucht Frau".
"Schwiegertochter gesucht" ist weitaus brutaler als "Papa gesucht", denn hier wählen Männer unter Aufsicht ihrer Mamas eine Frau aus. Die properen Muttersöhne ("der romantische Dachdecker", "der sensible Binnenschiffer") versuchen während der Sendung, ihre Kandidatinnen zu beeindrucken, in dem sie sich zu ihrem ersten selbstgekochten Kaffee oder zum Backen einer Fertigpizza durchringen. Man fühlt sich insgesamt in ein Mittelalter der Geschlechterbeziehungen zurückversetzt, denn die jeweilige Schwiegermutter fragt alle zwei Minuten nicht nur, wie die "Sache" denn jetzt aussieht, sondern testet die Fähigkeiten der Kandidatin, zu putzen, zu backen und dem Söhnchen sein Lieblinsgericht vorzusetzen. Einige Frauen suchen dann immerhin während der Sendung verzweifelt das Weite.
Bei "Papa gesucht" geht es moderater zu. Die nach männlicher Liebe ausgehungerten Kinder der Frauen sind weitaus lustiger als die Schwiegermütter, und die männlichen Kandidaten steigen sogar mit in den Haushalt ein. Was mich an mir zweifeln ließ: Von den zwei Kandidaten, die besagte "Mamas" nach Hause einluden, wählten alle Frauen der ersten Staffel jeweils den Kandidaten, den ich auf keinen Fall genommen hätte. Was nicht heißt, dass ich den jeweils anderen Kandidaten hätte haben wollen. Aber es war doch unfassbar, mitanzusehen, wie von den Frauen zielsicher immer wieder der unsympathischere und halbseidenere, schleimigere und aufschneiderischere Mann ausgewählt wurde. Auch nach Status, den die neuere Forschung zur Attraktivität so betont, wählten die Frauen nicht aus: der dubiose "Privatchauffeur" wurde dem netten Rentenversicherungsberater vorgezogen, der Mitte 30jährige "Frührentner" dem soliden Biobauern.
Ja, die Liebe! Ist wirklich ein unfassbares Stück. Da hilft auch der Blick in das neue Buch des beststellernden Super-Philosophen und Quatschkopfs Rainer David Precht zu selbigem Thema nicht. Das startet gleich mit Kalauern a la "Männer wollen auf die Venus und Frauen ein Mars". Haha. Liebe, so Precht, sei ein "Spiegel, in dem sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt". Nun gut. In einem Interview sagt Precht Sätze wie: "Liebe ist eine Laune der Natur – und eine Fehlkonstruktion: denn sie hindert uns daran, den Fortpflanzungstrieb mit vielen auszuleben, was für die Weiterverbreitung aber sinnvoller wäre." Oder: "Zur Liebe gehören immer zwei". Da schaue ich dann lieber weiter Trash-Formate im TV.

Die kulinarische Moderne in Nordkorea

Nordkorea ist nun endlich in der Moderne angekommen - zumindest kulinarisch. Denn gerade hat das erste italienische Restaurant in der Hauptstadt eröffnet. Dafür wurden eigens Köche zu einem Lehrgang nach Neapel geschickt, nachdem ihnen zuvor einige "Fehler" unterlaufen seien. In der kommunistischen Steinzeit hätte man ja bei solchen Fehlern gleich Sabotage gewittert (die Ankläger der Schaupsozesse 1937 in Moskau hatten jedenfalls ein breites Repertoire an Vorwürfen für alle Berufsgruppen parat). Kochkurse statt Kolyma - darauf hätte Stalin auch mal kommen können!
Das Restaurant ist jedenfalls der Gnade des Großen Führes zu verdanken: "General Kim Jong Il wollte, dass auch das Volk Zugang zu weltberühmten Gerichten bekommen sollte", sagte Restaurantchef Kim Sang Soon einer japanischen Zeitung. Und eine Besucherin wird mit den Worten zitiert: "Der Geschmack ist so einzigartig". Die Dame hatte gerade die erste Pizza ihres Lebens gegessen. Früher habe sie von Speisen wie Spaghetti oder Pizza nur durch Bücher und das Fernsehen gehört.
Anna Seghers begann ihren Roman "Transit" mit Reflexionen über die Pizza. Diese sei ein seltsames Ding, man erwarte vom Aussehen her etwas Süßes, und dann sei das Ding salzig. Das war 1944, und Seghers im Exil. Seither hat sich in punkto Gewöhnung an die italienische Küche einiges getan. In meiner Kindheit in einer westdeutschen Kleinstadt gab es in den 80er Jahren zwei Pizzarestaurants, aber noch keinen türkischen Schnellimbiss.
Vielleicht werden also bald die ersten nordkoreanischen Köche in die Türkei geschickt, um Hammel braten zu lernen. Einstweilen wird die eine Hälfte der Nordkoreaner Pizza schlemmen, die andere vermutlich weiter an Lebensmittelengpässen leiden. Immerhin starben noch Ende der 90er Jahre bei einer Hungersnot eine Million Menschen. Wenn also die darbende Bevölkerung den Liebhaber der italinischen Küche Kim demnächst einmal um Essen anbettelt, könnte der einfach sagen: "Ihr habt kein Brot? Dann esst doch Pizza!"

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...