1/29/2009

Der Intellektuelle und der Revolutionär

Wenn man heute darüber klagt, dass man als intellektuelles Prekariat ein Schattendasein fristet, darf man nicht übersehen, dass es Intellektuelle in den meisten politischen Systemen nicht gerade leicht hatten. Besonders dann wenn diese von Intellektuellen selbst errichtet worden waren. Schlimm trieben es natürlich die totalitären Diktaturen. Lenin, der am 21. Januar seinen 85. Todestag feierte, rückte Intellektuelle in die Nähe von Ungeziefer. Über die Faschichsten und ihr Verhältnis zu den meisten Intellektuellen ganz zu schweigen, obgleich auch Goebbels ja z.B. links-intellektuelle Ambitionen gehabt hatte, was ihn später von keiner Hetze gegen Leute, die es in dieser Richtung weiter gebracht hatten, abhielt.
Zu Lenins diesjährigem Todestag druckt die in jeder Hinsicht sympathisch rückwärtsgewandte MLPD einfach noch einmal ihren Nachruf von 2004 ab, in dem es heißt:

"Die Kraft, die Lenin im prinzipiellen Kampf gegen alle Feinde des Volkes so siegessicher machte, war sein tiefer Glaube an die Massen des werktätigen Volkes. Lenin war … Intellektueller, aber er hat sich mit den Massen verbunden, er wurde zu einem Teil der Arbeiterklasse, die als fortschrittlichste und führende Klasse allein fähig ist, die menschliche Gesellschaft weiterzuentwickeln. (…) Lenin war mit den Arbeitern eng verbunden. Kein anderer Intellektueller konnte so in die Gedankenwelt der Arbeiter, die vielfach noch einen bäuerlichen Einschlag hatten, eindringen wie Lenin."
Intellektuelle sind also nur dann okay, wenn sie mit den Massen geradezu penetrativ-organisch verbunden sind und selbst zu einem Teil der Arbeiterklasse werden. Wenn nicht, dann können sie als insektengleicher Abschaum gerne mal ein paar Jahre im Gulag verbringen, um zu sehen, wie der einfache Arbeiter sich abschuftet. Warlam Scharlamow beschreibt in seinen Geschichten aus dem stalinistischen Lagersystem, "Durch den Schnee", sehr eindrücklich, dass die Intellektuellen dort am wenigstens Überlebenschancen hatten.

Pol Pot, seines Zeichens studiert und Auslandsstudent (so viel zum heute viel gepriesenden Auslandsstudium!) wollte die Intellektuellen ganz abschaffen und gleich alle Menschen in bäuerliche Proletarier verwandeln.
Ganz so schlimm geht es heute dann doch nicht zu. Zwar
darf man nicht hoffen, dass, sollte jemals ein zuvor jahrelang arbeitsloser Ex-Doktorand der Geisteswissenschaften Kanzler werden, Stellen und Geld über den nun arbeitslosen Ex-Doktoranden ausgeschüttet werden. Ein paar Gelegenheitsjobs und unbezahlte Lehraufträge scheinen allerdings drin zu sein - und immerhin mit zum Besten zu gehören, was die Geschichte bisher so zu bieten hatte.

1/12/2009

Schaffner als Präsidenten

Als ich heute aus der Straßenbahn stieg und diese wieder anfuhr, sah ich, dass der Schaffner wie Ronald Reagan aussah. Einen Moment sinnierte ich darüber, was geschehen wäre, wenn Reagan Straßenbahnfaher geworden wäre. Oder Busfahrer. Woody Allen hat einmal eine sehr schöne Kurzgeschichte geschrieben, die heißt "Wenn die Impressionisten Zahnärzte geworden wären". Van Gogh schreibt darin Briefe an seinen Bruder, in denen er von den "wilden, fliehenden Brücken" berichtet, die er einer Frau eingesetzt hat, diese Spießerin habe sich aber darüber beschwert; und er klagt, er hätte doch eigentlich lieber einen ganz bürgerlichen Beruf wie Maler ergriffen.
Busfahrer ist vielleicht gar nicht so eine schlechte Vorbereitung auf ein Präsidentenamt, denn es hat ja irgendwie auch mit Lenkung zu tun. Wobei Reagan als Schauspieler sicherlich auch nicht ganz schlecht vorbereitet war. Deutsche Kanzler sind ja eher sowas wie Juristen oder Naturwissenschaftler. Auch Obama war Jurist. Obwohl also interessanterweise Obama kein Schauspieler war, bevor er Präsident wurde, wird er nun aber behandelt, als wäre er einer. Er passt problemlos in die Klatschseiten der bunten Zeitschriften und sein Waschbrettbauch kann es mit Brad Pitt ja angeblich auch locker aufnehmen. Ob mein Straßenbahnschaffner auch Ambitionen hegt, von denen keiner was ahnt? Er sah jedenfalls ziemlich erschöpft aus, eher so wie die Reagan-Puppe, die im Genesis-Video "Land of Confusion" aus Müdigkeit aus Versehen einen Atomkrieg auslöst. Weswegen es vielleicht besser ist, wenn der Mann Straßenbahnschaffner bleibt.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...