12/29/2008

Anrufen für Stalin

Als die Wahl zum "berühmtesten Tschechen" anstand, wohnte ich gerade in Prag. Persönlichkeiten wie Karl IV, Jan Hus und Vaclav Havel waren Favoriten beim Rennen um den Titel. Später wurde in Deutschland Konrad Adenauer zum "größten Deutschen" gewählt.
Immerhin: Hitler stand nicht auf der Liste.
Hingegen lassen es sich die Fernsehanstalten in Russland natürlich nicht nehmen, beim russischen Pendant der Show das Väterchen Dschughaschwili zur Auswahl zu stellen. Und prompt wurden über 500000 Stimmen für Stalin abgegeben: Das reichte, nachdem der Diktator lange Zeit sogar ganz vorne lag, am Ende immerhin für Platz drei in der Wahl zum "größten Russen". Wer früher als Kind sich für den "Wunschfilm" der öffentlich-rechtlichen Anstalten sich die Finger krumm wählte, kann sich die Dialoge in russischen Haushalten mit pubertierenden Jugendlichen gut ausmalen: Kind 1: "Ich will für Stolypin anrufen!" Kind 2: "Ich für Stalin!" Mutter: "Kinder, jeder darf einmal anrufen!" Was die Kinder so in der Schule über Geschichte lernen, malt man sich allerdings besser nicht aus.

12/15/2008

Rattentöten für ein Euro

Der Kapitalismus ist wie ein tyrannischer Mann mittleren Alters mit starken Regressionswünschen. Eifrig betreibt er den Rückschritt in die kapitalistische Frühzeit, mit allem was dazugehört: Armut, Leute, die sich keine Zähne mehr leisten können, Ausbeutung, schön primitive Arbeitsbedingungen. So hat aktuell die FDP in Berlin den Vorschlag eingebracht, Menschen die kein Geld haben, könnten ja Ratten töten: "Vor allem Leute, die sonst auch Flaschen sammeln, könnten dann für jede tote Ratte einen Euro bekommen", wird der Chef der FDP im Berliner Bezirk Mitte zitiert. Was kommt als nächstes, der Schuldturm, die Leibeigenschaft, Kinderarbeit, Insekten im Essen? Mich ekelt das so, dass mir dazu gar kein Schlussgag einfällt.

Revolutionswäsche

Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Waschsalon. Ich tippte also den Namen der mich umgebenden Stadt plus das naheliegende Stichwort "Waschsalon" in eine weltbekannte Suchmaschine, und dabei bot man mir Folgendes an: "Revo Service H. Vollmer".
Kriegt man hier Hilfe, wenn man eine Revolution starten will? Waschen hier Genossen schmutzige Wäsche wie die Linkspartei in Hessen, deren Mitglieder sich sogar vor der Kamera prügeln? Immerhin war mein Urgroßvater in der KPD und betrieb eine Heißmangel im Ruhrgebiet. Da ging das ja noch ganz locker zusammen: Bisschen Wäsche heißgemangelt, und ab wieder ins Hinterzimmer, über die Revolution diskutieren. Aber heute, bei H. Vollmer, was machen die genau? Schicken die Kader, Genossen, Gewehre? Oder speisen sie einen mit einer popeligen Schulung ab? Ich entschied mich dann doch, in den von mir üblicherweise aufgesuchten Waschsalon zu gehen, wo man zwar keinen Revo Service kriegt, aber Kaffee aus einem Automaten ziehen kann.

12/13/2008

About Schmidt

Helmut Schmidt ist für die Deutschen das, was für die Griechen das Orakel von Delphi war. Schmidt raunt etwas, und alle interpretieren entzückt das Gesagte. So wie in der Kolumne mit der Zigarette, die man imaginär mit Schmidt raucht. Schmidt gibt eigentlich auf die meisten Sachen gar keine so richtigen Antworten, sondern raunt und knurrt nur herum, und dann überlegt man sich, was gemeint ist, und wenn man ein typischer Deutscher ist, klopft man sich auf die Schenkel und sagt: "Das hat der Schmidt mal wieder auf den Punkt gebracht!" Auf Helmut Schmidt konnten sich schon immer alle Deutschen einigen. Schmidt ist der Kompromiss, die Mitte, in der sich alle treffen. Daher auch die aktuelle Hysterie zu seinem Geburtstag. Dabei ist Schmidt einfach nur ein rechter Sozialdemokrat, der raucht und herumknurrt. So wie jetzt gegenüber Schülern, da sagte Schmidt: "Wenn Sie sich aber für einen Beruf oder eine Ausbildung entschieden haben, dann sollten Sie Ihren Weg mit Ernst und mit Fleiß beschreiten, statt endlos herumzustudieren." Als wäre das was Neues, als hätten wir nicht seit Jahren einen Umbau der Universitäten, damit nur ja alle immer schneller studieren. Aber die Deutschen lieben den Rüffel, denn anders kann man es nicht nennen, was Schmidt austeilt. Schröder war auch rechts und hat geraucht, aber er hat nicht genug gerüffelt, weswegen er auch nicht in gleichem Maße in die deutsche Geschichte eingehen wird wie Schmidt. Die Deutschen wollen jemanden, der vor Autorität strotzt. Schmidt ist Zuckerbrot und Peitsche zugleich für die Art von Bürger, die Adorno "autoritäre Charaktere" nennt, ergo die Durchschnittsdeutschen. Sogar ich träumte einmal, ich würde Schmidt begegnen und wir würden durch riesige Betonschluchten laufen, und ich erzählte ihm, dass sowohl meine Mutter wie mein Vater ihn irgendwie gut fanden, obwohl sie politisch auf entgegengesetzten Enden der Skala verortet waren. Was Schmidt geantwortet hat, habe ich vergessen, ich weiß nur noch, dass er Pfeife rauchte und seine Antwort ziemlich knurrig und orakulös ausfiel.

Treffer - versenkt!

Die deutsche Marine soll Piratenschiffe vor der Küste Somalias versenken dürfen. Treffer, bumm, und schon schwimmen die Piraten an Holzplanken des untergegangenen Schiffes im Meer, so wie bei Asterix? Ganz schön robust, so ein robustes Mandat! Muss nur noch der Bundestag zustimmen.
Aber ein bisschen erstaunlich ist es doch, wie schnell und robust das alles läuft, bei der Bekämpfung der Piraten. Bei Völkermorden (Ruanda) oder Massenverbrechen (Darfur) wird gezögert, was das Zeug hält. UN-Blauhelme werden geschickt, mit ganz schön unrobusten Mandaten, die fuchteln dann ein wenig mit ihren nur zur Verteidigung gedachten Pistolen herum. In Deutschland ist das Robuste bisher auch gar nicht sehr beliebt gewesen. Bei jedem Auslandseinsatz der Bundeswehr entbrennt eine leidenschaftliche Grundsatzdebatte. Aber die Piraten! Bei den Piraten wird nicht gezögert. Die blockieren Handelswege. Das will man sich nirgendwo bieten lassen. Polizei, Militär,
egal, Hauptsache: Treffer! Versenkt.

12/12/2008

Vorbild Politik

Als ich heute las "EU-Gipfel lädt ein zum Schuldenmachen", dachte ich spontan: Einladung angenommen! Ich fuhr in die Stadt, und obgleich mein Konto schon nahe dem Anschlag ist, kaufte ich mir Geschenkpapier, Schokolade und eine Schachtel mit zwei goldenen Hirschen, die sich küssen. Damit habe ich es brav gemacht wie "die da oben" und die große Politik ins Kleine meines privaten Haushalts übersetzt. Hoffentlich wurde die Konjunktur damit kräftig angekurbelt. Nur schade, dass das Geld nicht mehr reicht, um auch noch Geschenke zum Papier zu kaufen.

12/08/2008

Aufregen

Also ich persönlich finde es ja durchaus eine gruselige Vorstellung, dass ab Januar irgendwelche dubiosen Peilsendewagen herumfahren und ausspionieren, welche Leute noch alte Telefone benutzen. Auch unser Telefon, das einen Namen hat, der an Kokosnuss auf Englisch erinnert, ist ein Telefon, das nicht mehr benutzt werden darf. Den Namen des Telefons erfuhr ich erst heute, denn erst heute, kurz vor der Katastrophe, habe ich realisiert, dass auch unser Telefon auf der schwarzen Liste steht und uns bald den Sendewagen der Staatsmacht auf den Hals hetzt. Außer mir scheint sich aber kaum jemand darüber aufzuregen, dass auf den Straßen aller möglicher deutscher Städte ein 1984-Szenario abgefackelt werden soll, dass es nur so eine Art ist. Oder drohen die nur damit, um faule Menschen wie mich zum Kauf eines neuen Telefons zu bewegen? Was zumindest auch nicht ganz unbedenklich wäre. Jedenfalls ist es unwahr, dass sich die Leute zu schnell über alles aufregen, es ist vielmehr so, dass sie eine ganze Menge erstaunlich gelassen hinnehmen. So wurde in meinem Stamm-Hallenbad vor einiger Zeit eine Umfrage gemacht, wie man das finden würde, dass nun in den Kabinen Kameras montiert worden seien. Ich sagte dem sehr jungen Mann, der vor dem Glas, das die Eingangshalle vom Badenbereich trennte, auf einem Stuhl saß, dahinter das in meiner Einbildung azurblau dahinschwappende Wasser, dass ich das unglaublich fände und mich nur in der einzig geschlossenen und kamerafreien Kabine zu entkleiden gedächte. Das wiederum fand er unglaublich: Komisch, sagte er, außer Ihnen regt sich keiner auf. Einmal träumte ich, dass die ganze Stadt voller Kameras wäre, und ich würde alle meine Freunde aufsuchen und sagen, wir müssen was tun, und alle würden nur grinsen wie Zombies, und es waren dann schließlich auch Zombies und alles stellte eine riesige Verschwörung dar, und ich wachte schweißgebadet auf. Ist ja nur ein Traum, dachte ich. Als ich dann auf der Straße herumlief, um mich zu beruhigen, fiel mir allerdings auf, dass da noch viel mehr Kameras hingen als in meinem Traum. Immerhin sind meine Freunde, soweit ich weiß, keine Zombies.

Lernen

In der Grundschule hörten wir das Weihnachtsoratorium ganz an. Die Lehrerin brachte dazu einen Kassettenrecorder mit. Es war keine Fassung f...