7/31/2008

Trauriges Fernsehen

Wer wie ich den Niederungen des Privatfernsehens nicht abgeneigt ist, kann erschütternde Szenen erleben. Fast wie im echten Leben. So wie folgender Dialog:

Eine Teilnehmerin der Oli Geißen Show sagt auf die Frage, was sie als die Vorzüge eines Mannes ansieht, in den sie seit Jahren verliebt ist:

"Er hat mich nicht so behandelt, als ob ich Nichts wäre."



Mythen des Netzes

Beurteilt man die Welt gemäß der im Internet an prominenter Stelle veröffentlichten Nachrichten, entsteht ein bizarres Bild. Man erfährt von einer Frau, an der nach einer Schiffsüberfahrt Hunderte Zecken herumsaugten, von einem Mann, der wegen seines Körpergeruchs des Spielsalons verwiesen wurde, oder von einem Baby in Indien, das bei seiner Geburt durchs Zugklo fiel. Die Geschichten erinnern mich an das, was früher "urbane Mythen" hieß, die Spinne in der Palme, die Stories, die man sich mit wohligem Grusel weitererzählte. Aber wie muss man das heute nennen? "Netzane Mythen"? "Globale Post-Mythen"? "Zentrale Hyper-Düper-Mythen"? Meine Lieblingsnachricht der letzten Zeit geht übrigens so:

Brite sieht die Welt nach Überdosis Viagra in Blau

Weil er zu viel Viagra gegen seine Erektionsstörungen genommen hat, sieht ein britischer Klempner nur noch Blau. Er habe den Packungshinweis, dass eine Überdosis zu Sehschäden führen könne, schlicht ignoriert, sagte John Pettigrew aus Brighton der britischen Zeitung "The Sun". Seit mehr als zwei Wochen sehe er seine Umgebung nur noch in Blautönen. "Ich hatte einfach zu viel Spaß - aber wie gerne würde ich auf allen Sex der Welt verzichten, wenn ich dafür wieder einen roten Briefkasten erkenne", sagte Pettigrew.

Der 58-Jährige will nun untersuchen lassen, ob sein Sehschaden dauerhaft ist. Für den Fall bleibt ihm ein Trost: "Wenigstens bin ich Chelsea-Fan". Das Fußballteam trägt blaue Trikots.

Schon wieder Diktatoren. Heute: Comrade Stalin

Man meint ja, die Jugend sei unpolitisch. Falsch - wer in Youtube unter dem Stichwort "Stalin" herumstöbert, stößt auf die schönen Videos links in der Videobar. Hier verehren alle möglichen jungen Leute Josef Stalin mit kleinen Filmen. Mein Favorit: "Comrade Stalin". Alles handgemacht, wie man im Abspann sieht, mit besonderen "Dank an Josef Stalin". Nennt man das dann post-stalinistischen Realismus? Auf jeden Fall fühlt man sich in gute alte Zeiten zurückversetzt: Wie ehedem wird über Trotsky gehetzt, die Verdienste des Väterchens gelobt und die paar Massenmorde als Kollateralschäden abgetan. Im Kreml brennt noch Licht! So macht Geschichte Spaß.

Beim Barte des Diktators oder Gefasste Diktatoren II

Heute meldet Deutschlands begehrtestes Boulevardblatt: "Der Schlächter von Bosnien - Karadzic rasiert!" Dazu ein Bild des ehemaligen "Serbenführers", der bartfrei und etwas skeptisch in die Kamera schaut. Daneben steht: "Endlich ungetarnt: Ex-Serbenführer Radovan Karadzic (63)". Darunter ist das Bild Karadzics mit Bart und Brille zu sehen. Warum ist es BILD eine Schlagzeile auf dem Titel wert, um auf die Bartlosigkeit Karadzics hinzuweisen? Hatte man vorher das Gefühl, betrogen worden zu sein, weil man gar nicht den "richtigen", den rasierten, nach Außen schauderhaft zivilisiert wirkenden Expsychiater gefasst hatte?

Thomas Pynchon und die Kacheln im Bad

Lange wusste ich nicht, wer Thomas Pynchon ist. Fehlanzeige. Nie gehört. Auf Empfehlung las ich "Die Versteigerung von Nr. 49". Seither scheint die Welt zu wimmeln vor Anspielungen auf Thomas Pynchon. Pynchon - Jelineks Lieblingsautor. Pynchon - Tausendsassa und letzter Vertreter der Postmoderne. Pynchon - der große Unbekannte, von dem nur ein verschwommenes Schwarzweißbild mit Hasenzähnen und Segeluniform existiert. Pynchon wird 70. Pynchon hat einen neuen Roman geschrieben, dessen Handlung wirr bleibt. Meine Entdeckung des Vorhandenseins Thomas Pynchons bildet genau den Plot des obengenannten Buches ab. Die Protagonistin Oedipa stößt zufällig auf das Zeichen des Posthorns, das ihr nie zuvor aufgefallen ist. Sie kommt nach und nach einer riesigen Verschwörung auf die Spur, in der eine Band, die "Paranoia" heißt, abgehalfterte Exschauspieler, wahnsinnige Nazi-Psychiater, durchgeknallte Shakespeare-Regisseure, sowie eine Fülle weiterer Nebenfiguren eine Rolle spielen. Plötzlich entdeckt Oedipa, dass das ganze Universum voll von Posthornzeichen ist. Aber vorher: Nie aufgefallen. Fehlanzeige. Das ist wie mit den Kacheln im Bad meiner Oma. Wenn man auf der Toilette saß, konnte man sich abwechselnd vorstellen, dass man braune Vierecke auf weißem Grund sah oder weiße Vierecke auf braunem Grund. Die Welt kann einem also abwechselnd vorkommen wie ein recht angenehmer, gut organisierter Ort, oder aber wie ein von einer unglaublichen Verschwörung beherrschter wirr-chaotischer Raum. Welche Vision gewinnt? Bezüglich des Buches von Thomas Pynchon muss ich das erst noch herausfinden. Ich werde es heute zu Ende lesen.

Verblühende Jugend II

Heute muss ich auf SPIEGEL online lesen, dass man in der Wirtschaft schon ab 27 als alt gilt. Zwar plädiert die junge Professorin Stock-Homburg dafür, dass man auch uns alte Eisen mehr einbeziehen muss, aber sie sagt auch: "Einige Studien deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten mit den Jahren zurückgehen. Allerdings lassen unsere Fähigkeiten schon ab 27 nach." Auf die Forderung nach "Rente mit 27" kommt mal wieder keiner. Typisch Kapitalismus.

7/30/2008

Die verblühende Jugend der Punks

Die Punks vor dem Supermarkt sagten zu mir: He, Mädchen! Ich wunderte mich. Ich bin doch über dreißig, und das nicht zu knapp! Sie wünschten mir einen schönen Tag. Punks sind auch nicht mehr, was sie mal waren, dachte ich. Dann regnete es. Es regnete mit genau der Vehemenz, die diese Punks vermissen ließen. Sie waren im Gegenteil gespenstisch ruhig. Später fiel mir auf, dass die Punks gar keine punkartigen Kleidungsstücke trugen. Es waren ganz normale Jugendliche gewesen. Und vielleicht nicht mal das: Sie waren möglicherweise weit über zwanzig. Oder sogar fast so alt wie ich. Mit dem Mädchen-Zuruf wollten sie ihre eigene, gerade verblühende Jugend zurückholen. Der einzige Unterschied zwischen mir und ihnen war, dass ich einkaufen ging und sie Bier tranken. Wenn du Biertrinken vor dem Supermarkt schon für echten Punk hältst, dachte ich, wie weit ist es dann mit dir gekommen?

Gefasste Diktatoren

Sowohl Saddam Hussein als auch Radovan Karadzic trugen bei ihrer Verhaftung lange Bärte. Was hat das zu bedeuten? Einmal wurde es mit dem Leben in einem Erdloch begründet (Hussein), das andere Mal auf die raffinierte Tarnung geschoben (Karadzic). Gibt es aber nicht vielleicht doch einen düsteren, kaum fassbaren Zusammenhang? Eine weitere Gemeinsamkeit: Nachdem sie gefasst worden waren, verhielten sich beide gefasst. Was denken gefallene diktatorische Herrscher oder Kriegsherren bzw. Verbrecher im Moment ihres Gefasstwerdens? Etwas Profanes wie "Mist!" oder "das kann ja wohl nicht wahr sein?". Oder etwas Großes, Dramatisches? Die unglaublichste Gefasstheit legt jedenfalls Pol Pot in einem Interview an den Tag, das auf youtube zu sehen ist. (http://de.youtube.com/watch?v=BQMyX80jCF8). Er lächelt die ganze Zeit und gibt schließlich zu, ein paar "Fehler" gemacht zu haben, da man jung und unerfahren gewesen sei. So gefasst muss man erst mal sein, da können sich die anderen eine Scheibe abschneiden. Zumal Hussein schließlich doch noch ziemlich wild herumgestikulierte. Hätte er das ohne Bart auch gemacht?

Ein Blog - fast ein Schock

Was wünschen sich Menschen von Blogs? Und was Blogs von Menschen? Diese Fragen werde auch ich nicht abschließend beantworten können. Eigentlich wollte ich eine Homepage, war aber für deren Erstellung zu faul. Dazu stellt sich die ethische Frage: Bei google bloggen? Ist das nicht fast so, als hätte man in den 1980er Jahren bei McDonalds gegessen oder in den 1990ern einen Microsoft-Account gehabt? (Natürlich hat das jeder getan, aber man wurde doch hie und da dafür angepflaumt). Schließlich wollen die Googles Millionen Bücher versklaven. Und alles sonstige auf der Welt auch aufkaufen. Daher beginne ich diesen Blog als Schock bzw. mit Bauchschmerzen. Und das, obwohl ich seit mehreren Stunden nichts gegessen habe. Außer einer Birne. So konzentriert war ich.

Vater geht los

Vater geht los mit dem Einkaufsnetz Sehe ihn gehen im Winter, im plötzlichen Regen des Sommers, gib acht, die Maschen  Sind dünn. ...